Helga König im Gespräch mit dem Philosophen Dr. Nicolas Dierks, Autor bei Rowohlt, Speaker.

Lieber Dr. Nicolas Dierks, Sie sind Philosoph, Autor bei Rowohlt, Speaker, betreiben den Blog "#Nicolas_ Dierks" und werden von der Presse hochgelobt.

Helga König:  Auf Ihrem Twitter-Account haben Sie nachstehende Sentenz von Goethe angeheftet: "Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben." Wie interpretieren Sie diesen Satz?

 Dr. Nicolas Dierks
Foto: Markus Brügge
Dr. Nicolas Dierks: Dieser Satz stammt aus Goethes Faust I und wird von Mephistopheles geäußert. Damit will er Faust ermuntern, das Studierzimmer zu verlassen und mit ihm in der Welt die Lebensfreude zu entdecken – die Faust ja verloren hat. Denn Faust ist zögerlich, unsicher und fühlt sich, wie er sagt, vor andren klein. Diese Gefühle kennen viele aus eigener Erfahrung. Viele Menschen leben nicht das Leben, das sie eigentlich leben möchten, weil sie Angst vor Veränderung haben oder davor, was die anderen sagen werden. Dieser Satz sagt: "Hab mehr Sebstvertrauen!" Natürlich ist das allein kein Universalrezept für ein gelungenes Leben (das sind solche Sätze nie). Aber er stößt eine wichtige Frage an: Wenn ich mir viel mehr zutrauen würde, was würde ich dann tun? 

 Helga König
Helga König: Was sind für Sie die Voraussetzungen für ein sinnstiftendes Miteinander? 

Dr. Nicolas Dierks: Freiwilligkeit und Authentizität spielen für mich dabei eine zentrale Rolle – nicht gegen den eigenen Willen dabeisein zu müssen und man selbst sein zu dürfen. Und im nächsten Schritt gilt es zu verstehen, dass individuelle Eigenständigkeit kein Widerspruch zu einer solidarischen Gemeinschaft sein muss – wenn ich z. B. für meinen individuellen Beitrag gemeinschaftliche Wertschätzung erhalte. Ich würde mir mehr von solchem aufgeklärten Gemeinsinn wünschen. 

Helga König: Sie haben am 20. Februar den Satz getwittert: "Das Gefühl der Ohnmacht hängt mit sozialer Fragmentierung zusammen - gemeinsam geht mehr!" Woher kommt diese soziale Fragmentierung? 

 Dr. Nicolas Dierks
Foto: Markus Brügge
Dr. Nicolas Dierks: Es gibt verschiedene Faktoren dafür. Aus philosophischer Sicht scheint mir die soziale Fragmentierung die Schattenseite einer eigentlich guten Entwicklung zu sein: des Individualismus. Die Emanzipation des Individuums mit seinen Rechten und Freiheiten ist enorm wichtig und auch noch nicht abgeschlossen. Aber wir müssen uns als eine Gemeinschaft freier Individuen begreifen, nicht als ein Haufen von Egoisten. 

Helga König: Auf Ihrem Blog hat man die Chance, sich in 10 Strategien für ein besseres Leben zu vertiefen. Dort schreiben Sie u.a. "Sich verbindlich auf etwas festzulegen, fällt heute schwer. Doch ohne Verbindlichkeit können wir uns noch nicht einmal selbst treu bleiben. Entscheiden wir also konsequent, wie wir ab jetzt keinesfalls mehr handeln wollen und sagen wir uns selbst "Schluss jetzt – die Diskussion ist beendet!" In Zeiten, die vom Egoismus geprägt sind, wird diese Haltung gewiss als einengend begriffen. Wie kann man Menschen bewusst machen, dass sich selbst treu zu bleiben, wirklich sinnstiftend ist? 

Dr. Nicolas Dierks: Ich wünschte, ich hätte darauf eine einfache Antwort. Es ist heute ungeheuer schwer – gerade weil wir so viele Möglichkeiten haben. Fast ständig fragen wir uns: "Ist was ich gerade habe oder tue wirklich das Beste – oder verpasse ich etwas?" Offen für Chancen zu bleiben, ist sicherlich gut – aber wir sollten auch klären, was für uns wirklich wichtig ist. Ansonsten drohen wir im Leben die Richtung zu verlieren, die wir ihm geben wollen. Wenn mir z. B. Gesundheit sehr wichtig ist, dann sollte ich eine gesunde Lebensweise annehmen. Wenn ich dann aber nach momentaner Laune jeweils anders handle, dann lebe ich letztlich nicht so, wie ich es eigentlich möchte. Etwas wirklich wichtig zu nehmen heißt, kontinuierlich danach zu handeln – andernfalls handle ich nicht im tieferen Einklang mit mir. 

  Helga König
Helga König: Sie empfehlen auf Ihrem Blog u.a. "wohlwollendes Zuhören". Durch die Digitalisierung strömen unendlich viele Informationen auf uns ein. Das lenkt ab. Das verhindert oft, dass man sich auf Gedanken anderer wirklich einlässt, nicht nur virtuell. Dies führt dann zu Missverständnissen. Könnte die Lösung des Problems mehr selbstverordnete Disziplin heißen? 

Dr. Nicolas Dierks: Das kommt darauf an. Wenn mit "Disziplin" gemeint ist, dass man immer hochkonzentriert sein muss und sich mit Willenskraft zum Zuhören zwingt, dann bin ich da eher skeptisch. „Disziplin“ müsste eher heißen, die eigenen Gewohnheiten bewusst zu machen, sie zu hinterfragen und durch Übung zu verbessern. Techniken wie die Gewaltfreie Kommunikation sind dafür gut geeignet. Dazu gehört z. B. weniger vorschnell zu urteilen und erstmal Fragen zu stellen, statt dem anderen beim ersten Hören gleich das zu unterstellen, was man verstanden zu haben meint. Häufig zeigt sich, dass die negativen Ansichten und Absichten, die wir anderen schnell unterstellen, eher Missverständnisse oder Projektionen sind. 

Helga König: Gegenseitige Fürsorge widerspricht dem Verhaltensmuster in den meisten Hierarchien, in denen Mobbing leider nicht selten Programm ist. Wie kann man Menschen den Vorteil gegenseitiger Fürsorge begreifbar machen? 

 Dr. Nicolas Dierks
Foto: Markus Brügge
Dr. Nicolas Dierks: Ich bin mir nicht sicher, dass es hier ein allgemeines Rezept gibt. Vielen ist eigentlich klar, dass Egoismus und Mobbing letztlich dem Ganzen schaden, weil die Kräfte sich gegenseitig verringern, anstatt sich durch Synergien zu verstärken. Häufig fehlt Menschen einfach die Erfahrung einer solchen Struktur, wo jeder jeden fördert und dadurch alle gemeinsam am weitesten kommen. In Workshops kann man Teilnehmer diese Erfahrung machen lassen – aber das darf keine Insel bleiben, sondern muss im Alltag verankert werden. Dafür braucht es vor allem gegenseitiges Vertrauen. 

  Helga König
Helga König: Sie haben Anfang Februar 2018 getwittert: "Es bringt viel, sich mit gebildeten, intelligenten Menschen zu unterhalten, die eine total andere Meinung haben als man selbst." Wo liegen Ihrer Meinung nach die Gründe, dass gebildete, intelligente, demnach dann wohl auch stringent denkende Menschen zu unterschiedlichen Meinungen gelangen können? 

Dr. Nicolas Dierks: Dafür gibt es viele Gründe – einen anderen Wissensstand, unterschiedlicher kultureller Hintergrund, unterschiedliche Situationen oder auch ein unterschiedliches Bild von der Gemeinschaft, in der wir gerne leben würden. Gerade deshalb ist es so wertvoll, die vielen Meinungen und Standpunkte ins Gespräch zu bringen, ohne Andersdenkende gleich für dumm, böswillig oder verrückt zu erklären. Übereinstimmen sollten wir aber darin, dass wir friedlich miteinander leben wollen und alle die gleichen Chancen haben, ihre Vorstellung eines guten Lebens ausbilden und verfolgen zu können. Das klingt erstmal friedlich – ist in Wahrheit aber ein Prozess voller notwendiger Konflikte. 

Helga König: Sie haben auch getwitterten: "Wer tiefer in die #Philosophie einsteigen will, der tut gut daran, mal einen Autor kontinuierlich zu lesen und nicht zu viel zu springen." Da sind wir wieder beim "Zuhören". Was spricht dafür, Sie kontinuierlich zu lesen und Ihre Gedanken weiter zu verbreiten? 

 Dr. Nicolas Dierks
Foto: Markus Brügge
Dr. Nicolas Dierks: Ich verstehe diese Frage nicht als Aufforderung zur Eigenwerbung, sondern den Beitrag zu erläutern, den ich leisten möchte. Dazu gehört, allgemein gesprochen, Philosophie aus der angestaubten Ecke herauszuholen und als Praxis für jede und jeden zugänglich zu machen. Deshalb schreibe ich nicht nur wenig verklausuliert, sondern auch erzählend und persönlich. Philosophie ist ursprünglich tief im Leben verankert und ich versuche das zu fördern, indem ich mit einer "menschlichen Stimme" philosophiere – auch wenn für Kenner eine Menge Philosophiegeschichte und Systematik durchscheint. Mein nächstes Buch geht sogar noch weiter in diese Richtung. Mir ist klar, dass ich dadurch für manche weniger wie ein "Experte" wirke. Aber mir ist ein echter Austausch viel wichtiger, um mit philosophischem Werkzeug wirklich zum Herz des Lebens zu kommen. 

  Helga König
Helga König: Sie posteten im Januar "Plan für dieses Jahr: 1. Klarer fühlen, 2. Klüger handeln, 3. Geistig wachsen.“ Welche Strategien empfehlen Sie als Menschenfreund, Ihren Mitmenschen, um den von Ihnen aufgestellten Plan erfolgreich umzusetzen? 

Dr. Nicolas Dierks: Zunächst würde ich jedem empfehlen, sich selbst besser kennen zu lernen und aufrichtig zu schauen, wo man sich entwickeln möchte. Unser Selbstbild weist häufig etliche blinde Flecken auf – die wir aufdecken können, wenn wir einfach mal Menschen fragen, die uns gut kennen und uns Mal einen ehrlichen Hinweis geben dürfen. Wenn drei verschiedene Freunde fast das Gleiche sagen, dann könnten wir da sicher drüber nachdenken. Jede Antwort wird individuell ausfallen. Aber insgesamt scheint es mir wichtig, dass wir uns nicht vor falsche Alternativen stellen – wie "Kopf oder Bauch"? Ein "entweder – oder" ist da kontraproduktiv. Wir sind Wesen mit vielen Fähigkeiten und es kommt eher darauf an, alle zu entwickeln und in ein gutes Zusammenspiel zu bringen, wie ich das in "Luft nach oben" anhand der "Begründungsfolge" beschrieben habe. 

Helga König: Was möchten Sie durch Ihren Auftritt bei Twitter bewegen? 

 Dr. Nicolas Dierks
Foto: Markus Brügge
Dr. Nicolas Dierks: Zunächst einmal möchte ich Menschen ermöglichen, mehr Philosophie in ihren Lebenstil zu integrieren. Ich bin überzeugt, dass Twitter dafür gut geeignet ist. Twitter ist eine Plattform mit vielen sehr gebildeten Nutzern, mit hohem kritischem Bewusstsein und viel Ironie. Tägliche Anregungen zum Nachdenken – durch kurze Gedanken, Fragen, Zitate oder interessante Links – das wissen viele zu schätzen. 

Aber es geht mir nicht nur ums Tweeten, sondern auch ums Zuhören. Ich lese und kommentiere viel, nehme mit Menschen Kontakt auf und lerne dabei viel. Ich versuche auch, eine gute Ethik des Austauschs zu praktizieren – gerade wenn es schwierig wird. Allerdings lasse ich mich ungern auf Diskussionen mit langen Beiträgen über mehrere Tweets ein. 

Dann lade ich meine Gesprächspartner ein, über Mail oder bei Facebook zu diskutieren. Manche halten das für einen Rückzieher, aber manchmal klappt es – und daran sehe ich, wer ernsthaft an gutem Austausch interessiert ist. So habe ich viele spannende Menschen getroffen und so sehe ich auch soziale Medien allgemein: Nicht als Parallelwelt, sondern als erweiterte Möglichkeit zum Einstieg in echten Austausch.

Lieber Dr. Nicolas Dierks, ich danke Ihnen vielmals  für das aufschlussreiche Gespräch.

Ihre Helga König

Anbei der Link zum Blog von Dr. Nicolas Dierks: http://www.nicolas-dierks.de/blog/

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