Helga König im Gespräch mit der Theologin Magdalena Tepelmann

Liebe Magdalena Tepelmann, Sie sind  evangelische Theologin und haben vor Ihrer Pension als Pfarrerin gearbeitet. Seither sind Sie ehrenamtlich sehr engagiert und setzen sich für das Wohl Ihrer Mitmenschen ein. 

Helga König: Was bedeutet für Sie Seelsorge? 

 Magdalena Tepelmann
Magdalena Tepelmann: Seelsorge ist für mich ZUHÖREN,  DASEIN,  BEGLEITEN. Wie lange eine Begleitung dauert entscheide nicht ich. Ich habe viel gelernt von einer Gruppe mit "Verwaisten Eltern", die ihre Kinder verloren haben.Dort wurde auch öfters geschwiegen. Die Frage nach Gott und dem "Warum" wurde natürlich gestellt.Aber "Alles braucht seine Zeit". 

 Helga König
Helga König: Sie begleiten vier Flüchtlingsfamilien unweit von Crailsheim. Woher kommen diese Familien und welche seelischen Nöte bedrücken diese Menschen am meisten? 

Magdalena Tepelmann: Drei Familien bei uns im Ort kommen aus Syrien. Eine jesidische Familie aus dem Nord-Irak. Ich denke die größte Last ist die Ungewissheit ob sie wirklich hier in Deutschland bleiben dürfen. Sie haben alle die Wahlen verfolgt. Sie spüren wie sich die Stimmung hier und in Europa verändert. Auf der anderen Seite machen sie sich Sorgen um ihre Angehörigen in den Heimatländern. 

Helga König: Wie regieren die Flüchtlinge darauf, dass Sie als Helfende einer anderen Religion angehören? 

 Magdalena Tepelmann
Magdalena Tepelmann: Damit haben unsere Familien keinerlei Probleme.Eine syrische Familie sind Sufis. Sie kennen aus ihrem Heimatland Christen und Juden und haben dort mit ihnen respektvoll zusammengelebt. Die kurdisch/syrische Familie scheint ebenfalls christliche Bräuche zu kennen. Mit einer Flüchtlingsfrau habe ich in unserer Kirche zusammen gebetet, sie aus dem Koran ich aus der Bibel. Sie hat viele Angehörige in Rakka verloren. Die Klagegesänge des Joseph im Brunnen finden wir auch als Trostgesang im Islam. Die Jesiden haben sowieso keine Probleme mit den Christen, manche Elemente in ihrem Glauben kommen aus dem Christentum. Alle Familien kommen immer wieder zu uns in größerer Gottesdienste (Erntedankfest, Sommerfest, ökumenische Familien-Gottesdienste, Heiligabend, Gospelkonzert)

 Helga König
Helga König: Was unternehmen Sie konkret, um den Flüchtlingen im Alltag zur Seite zu stehen? 

Magdalena Tepelmann: Ich bin Teil eines Teams,  ich begleite nicht allein. Ich helfe insbesondere einer Flüchtlingsfrau die privaten Deutschunterricht bekommt und helfe ein bisschen mit. Ich begleite zum Arzt, frage nach ob in der Schule alles klappt und wie es mit dem Deutschkurs aussieht. Lamya Kaddor sagte einmal bei einer Veranstaltung in Crailsheim vor Kurzem es sei so wichtig gewesen, dass da stets eine Nachbarin ist, die einfach da war. Sie habe ihnen immer gesagt: Ihr seid hier willkommen! So sehe ich mich auch. Nur wenn man viel Zeit mit den Familien verbringt, gewinnt man ihr Vertrauen. 

Helga König: Haben die Kinder aus diesen Familien bereits Freundschaften mit Kindern deutscher Familien schließen können oder ist dies nach Ihren Beobachtungen sehr problematisch? 

 Magdalena Tepelmann
Magdalena  Tepelmann: Leider haben wir keine Schule mehr hier im Ort. Die Kinder sind nicht unbedingt mit den Kindern aus unserem Ort in der Klasse dabei. Das ist schade. Aber die Jungen spielen im Fußball und der eine Junge ist in der Jugendfeuerwehr, das eine Mädchen beim Sport. Doch ich denke da könnte noch mehr geschehen. Aber vielleicht weiß ich da auch nicht alles. 

Helga König: Flucht ist für Menschen stets traumatisch. Gibt es Auffälligkeiten speziell bei Kindern, etwa große Angst, die nach Ihrer Meinung psychologisch behandelt werden müsste? 

Magdalena Tepelmann:  Der kleine Sohn der einen Familie braucht spezielle Betreuung. Ich bin froh, dass das so schnell geklappt hat. Er kann jetzt den Kindergarten besuchen. Bei Erwachsenen zeigt es sich in massiver Migräne und Rückenproblemen. 

 Helga König
Helga König: Werden die Flüchtlingsfamilien von Rechtsradikalen bedroht? 

Magdalena Tepelmann: Bei uns nicht, obwohl der Anteil der AfD auch nicht gerade gering ist. Aber es gibt für Rechtsradikale hier keine Strukturen. Latent wird schon geschwätzt wie es hier heißt. Ellwangen ist nicht so weit weg, wenn auch nicht mehr so viele Geflüchtete dort sind. 

Helga König: Besteht ein großes Interesse die deutsche Sprache zu erlernen oder wird kein Sinn darin gesehen? 

 Magdalena Tepelmann
Magdalena Tepelmann: Unsere Familien sprechen inzwischen fast alle gut deutsch. Den älteren Migranten fällt es schwerer. Es liegt nicht am gutem Willen. Die zwei ältesten Söhne der einen Familie studieren sogar inzwischen in Ansbach. Die Brüder besuchen das Gymnasium. Das sagt schon alles.

Helga König: Haben Sie etwas über die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen in Erfahrung bringen können? 

Magdalena Tepelmann: Die syrischen Familien, die ich kenne, wollen unter keinen Umständen zurück in das Land von Assad. "Wir wissen nicht, wer Freund oder Feind ist". Außerdem haben sie alles verloren. Sie sehen im Moment ihre Zukunft hier. Die muslimischen Frauen wollen Deutsch lernen und eine Ausbildung machen und nicht ein Kind nach dem anderen in die Welt setzen. Ich betone das, weil ja viel anderes verbreitet wird. Es gibt sicher auch Ausnahmen. Für die Jesiden ist es anscheinend schon länger im Nord-Irak schwierig. Ich wusste nicht, dass es schon seit Jahrzehnten Jesiden in Deutschland gibt. Sie wollen bleiben und wünschen sich noch mehr Kontakte mit Deutschen. 

 Helga König
Helga König: Welche Hilfe bietet die evangelische Kirche den Flüchtlingen und steht man Ihnen seitens der Kirche in Ihrem Engagement bei? 

Magdalena Tepelmann: Wir haben schon mehrmals Mitarbeitertreffen für und mit unseren Flüchtlingsfamilien gehabt. Fast alle Helfer/innen kommen aus unserer Kirchengemeinde. Meine Nachfolgerin hat bei der Wohnungssuche geholfen und sie ist an der gleichen Schule wie die Flüchtlingskinder. Wir tauschen uns regelmäßig aus. Neben der Betreuung der Familien im Ort mache ich noch bei einem Spielenachmittag für Flüchtlingsmütter mit Kindern in Crailsheim mit und war auch bei einem Deutsch-Kurs für Mütter mit Kindern ebenfalls in Crailsheim über 6 Monate dabei. Ich kenne so manche Familie und insbesondere die Flüchtlingsfrauen. Ich stehe mit ihnen im Gespräch seit über 3 Jahren. Es sind starke Frauen!

Liebe Magdalena Tepelmann, ich danke Ihnen herzlich für das aufschlussreiche Gespräch.

Ihre Helga König

Helga König im Gespräch mit Britta Redmann, Rechtsanwältin und Motivationsexpertin

Liebe Britta Redmann, Sie sind Rechtsanwältin und verfügen über 20 Jahre Erfahrung im Arbeitsrecht. Zudem arbeiten Sie als Mediatorin, Coach, systemische Beraterin, NLP Master, Motivationsexpertin, Dozentin, Strukturaufstellerin und Speakerin und fallen im Netz als menschenfreundliche Zeitgenossin auf.

Helga König: Was fällt Ihnen spontan zu dem Begriff "MITEINANDER" ein? 

 Britta Redmann
Britta Redmann: Verbindung, gemeinsam etwas machen, Zusammenwirken, zusammen etwas bewirken, Zusammenarbeit, Gruppe, Gemeinschaft, Gesellschaft, zugehörig sein, positives Gefühl, kraftvoll, stark….das erst mal so ganz spontan.

Helga König: Und was zu dem Begriff "WERTSCHÄTZUNG"? 

Britta Redmann: Wertschätzung heißt für mich, den anderen in seinem Sein zu respektieren und zu achten – unabhängig davon, ob wir einer Meinung sind oder nicht.

 Helga König
Helga König: Sie schreiben auf Ihrer Homepage, dass Sie Menschen und Unternehmen darin unterstützen, Konflikte zu lösen. Wie darf man sich dies konkret vorstellen? 

Britta Redmann: Bei Konflikten geht es immer um Menschen, ihre Bedürfnisse und ihre Beziehungen. Das ist im unternehmerischen Kontext - also im Arbeitsleben – nicht anders als im privaten Leben. Mir geht es darum, Konflikte ganzheitlich zu betrachten – also sowohl die rechtlichen Aspekte als auch die emotionalen Aspekte einzubeziehen. Hier wende ich neben der reinen rechtlichen Betrachtung unterschiedliche Methoden und Kenntnisse an, wie z.B. Mediation, Coaching oder auch systemische Werkzeuge, die dann eine ganzheitliche Lösung ermöglichen. Mein Ansinnen ist, denjenigen, die in einem Konflikt "stecken" und eine Lösung suchen, Wege und Ergebnisse zu ermöglichen, die auch außerhalb eines rechtlichen Rahmens gefunden werden können. Also letztendlich "Hardfacts" und Emotionen gleichermaßen zu berücksichtigen und mit den individuellen Bedürfnissen der handelnden Personen zu verbinden.

Helga König: Wie Sie mir berichtet haben, vermitteln Sie an der FA in Köln jungen Studenten (m/w) "Wirtschaftsethik". Können Sie den Lesern kurz erläutern, worum es Ihnen dabei geht und wie die Studenten (m/w) auf ethische Überlegungen dieser Art in der Regel und in Ausnahmen reagieren?

  Britta Redmann
Britta Redmann:  Im Wesentlichen geht es in der Vorlesung darum, das Spannungsverhältnis von ökonomischen und ethischen Handlungen zu verstehen und sich mit möglichen Konflikten zwischen Ethik und Wirtschaft auseinander zusetzen. Also z .B die Verbindung zwischen Wirtschaft und Moral genauer in den Blick zu nehmen oder auch Fragen und Organisation des Managements zu unternehmerischer Verantwortung zu behandeln. Welche Rolle spiel z.B. "Moral" oder Sitte in der Wirtschaft und gibt es ggf. allgemeingültige Wertvorstellungen, die wir unserem – wirtschaftlichen – Handeln zugrunde legen können? In dem Rahmen beleuchten wir ganz verschiedene – möglichst auch aktuelle - Aspekte. Ein sehr interessantes Thema ist in diesem Zusammenhang z.B. die Beschäftigung damit, was ein "faires Gehalt" ist oder besser, was jeder einzelne darunter versteht und welche unterschiedlichen Perspektiven hier aufeinanderprallen können. 

 Helga König
Helga König: Begreifen Sie innerbetriebliche Konflikte als Ergebnis mangelnder Wirtschaftsethik oder haben solche Konflikte andere Ursachen? 

Britta Redmann: Ich denke, das gilt sowohl als auch. Konflikte können z.B. daraus entstehen, dass unterschiedliche Wertvorstellungen vorliegen – sie haben ihre Ursache jedoch genauso aus rein menschlichen Bedürfnissen oder Verletzungen heraus, die ganz unabhängig sind von ethischen Perspektiven. Ob hier etwas häufiger oder seltener vorkommt vermag ich nicht einzuschätzen. 

Helga König: Sind Hierarchien Ihrer Meinung nach augenhöhenfeindlich? 

  Britta Redmann
Britta Redmann:Nein. Augenhöhe entsteht meiner Meinung nach durch den Umgang miteinander. Ich kann auf Augenhöhe kommunizieren und zusammen arbeiten auch wenn ich mich auf unterschiedlichen Hierarchie- oder Funktionsebenen bewege. Der Mensch als solcher und die Wertschätzung des Menschen als solches hat nichts mit seiner Hierarchiestufe zu tun. Sehr oft wird jedoch die Wertigkeit eines Menschen mit seiner Hierarchiestufe gleichgesetzt. Menschen, die davon ausgehen, dass jemand auf einer höheren Position ein besserer Mensch ist, - bzw. ein schlechterer auf einer niedrigeren Stufe - werden dies in ihrem Handeln zum Ausdruck bringen. 

So kommt es zu unterschiedlichen Behandlungen im Miteinander und in Folge dann auch, dass sich einige besser und andere schlechter fühlen. Das dies so ist, hat aber nicht automatisch mit einer hierarchischen Struktur zu tun, sondern mit dem, welche Bedeutung Menschen einer solchen Struktur beimessen. Ein Miteinander auf Augenhöhe hat ganz entscheidend etwas mit meiner eigenen Einstellung zu Menschen zu tun – und nicht automatisch mit Strukturen. Natürlich erleichtern und fördern aber partizipative Strukturen und Netzwerke einen gleichberechtigen Umgang viel stärker als dies ggf. bei hierarchischen Strukturen der Fall ist. Wenn es also auf eine gleichberechtigte Zusammenarbeit ankommt, dann macht es schon viel Sinn, entsprechende Strukturen zu schaffen, die diese begünstigen. 

 Helga König
Helga König: Wie sollte eine demokratische Unternehmenskultur ausschauen, die diesen Namen verdient?

Britta Redmann: Das ist pauschal nicht so einfach zu beantworten. Meiner Meinung nach, hat die Kultur des Unternehmens auch immer etwas mit dem "Zweck, dem Sinn, dem Kern" des Unternehmens zu tun. Also, warum gibt es dieses Unternehmen? 

Insofern glaube ich, dass es nicht "die" richtige demokratische Kultur gibt – es muss halt immer auch zum Zweck des Unternehmens passen. Wichtig ist jedoch bei jeglicher Form der Partizipation, dass diese wirklich von allen Beteiligten akzeptiert und möglichst mitgestaltet oder mitgestaltbar ist. 

Helga König: Sie haben u.a. einen vielgelesenen Praxisleitfaden für freiwillig engagierte Menschen verfasst. Der Titel heißt "Erfolgreich führen im Ehrenamt". Worum geht es Ihnen in diesem Buch? 

  Britta Redmann
Britta Redmann: In meinem Buch geht es darum, wie dem Miteinander und der Beziehung untereinander eine entscheidenden Bedeutung für das Gelingen einer ehrenamtlichen Organisation oder eines Projektes zukommt und wie sich ehrenamtliches Engagement zukunftsfähig gestalten kann. Wir leben aktuell in bewegten Zeiten und durch starke Trends wie die Digitalisierung, Wertewandel oder auch den demografischen Faktoren verändert sich unser Beziehungsverhalten und es entstehen andere, vielseitige Möglichkeiten aufeinander zuzugehen. Das hat natürlich auch Auswirkungen im Ehrenamt: hier verändern sich genauso Dienstleistungen oder Kontaktmöglichkeiten. Gleichzeitig ist das Bedürfnis nach persönlichem Kontakt ein zutiefst menschliches und das "Miteinander" wird für ein erfolgreiches freiwilliges Zusammenwirken immer wichtiger. Wie ein solches gut funktionieren kann, welche unterschiedlichen Bedürfnisse es hier gibt, was besondere Herausforderungen im ehrenamtlichen Engagement vorhanden sind und auch welche Kernkompetenzen und besondere Qualitäten dabei gefragt sind, damit beschäftige ich mich in meinem Buch. Neben vielen Beispielen, Umsetzungshilfen und Fallstudien gibt es auch jede Menge persönliche Erfahrungsberichte von ehrenamtlich Engagierten aus ganz verschiedenen Bereichen, die ganz pragmatisch von ihrem "Miteinander" erzählen und – wenn gewollt - einen leichten Transfer in den eigenen Alltag ermöglichen.

 Helga König
Helga König: Sind Menschen, die ehrenamtlich etwas tun, aufgeschlossener für ethische Fragestellungen? 

Britta Redmann: Aus meiner bisherigen Erfahrung steht dies nicht in einem zwingenden Zusammenhang. Es gibt ganz unterschiedliche Motivationen, warum sich Menschen ehrenamtlich engagieren. Das können ganz praktische Erwägungen sein, wie z.B. ein besonderes Bedürfnis, eigene Themen zu gestalten, sich Wissen anzueignen oder weiterzugeben oder einfach auch, mit anderen gemeinsam etwas zu bewegen. Hier geht es ganz menschlich um Bedürfnisse wie Zugehörigkeit, Sinnhaftigkeit, Spaß und auch Erfolg. Dabei spielen ethische Fragestellungen nicht unbedingt eine Rolle.

Helga König: Was fällt Ihnen zu den Begriffen "Wertewandel",  "Kollaboration" und "Kulturveränderung" ein? 

  Britta Redmann
Britta Redmann: Das sind Einflüsse und Veränderungen, die sich derzeit stark in der Arbeitswelt vollziehen. Warum ich etwas und wie ich etwas tue, wird zunehmend für viele Menschen wichtiger. Kollaborative Arbeitsformen, die also auf eine vernetzte und gemeinsam ausgerichtete Zusammenarbeit bauen – so wie es beispielsweise beim agilen Arbeitsgedanken der Fall ist – werden zunehmend zu wichtigen Erfolgsfaktoren für Unternehmen. Es ist absolut erforderlich in unseren schnelllebigen Zeiten, Informationen. Wissen und Erfahrungen gleichzeitig untereinander zu teilen. Dafür braucht es ein vernetztes Zusammenwirken. Und damit dieses auch wirklich erfolgreich funktionieren kann, braucht es wiederum eine Kultur, die Vernetzung nicht zur zulässt sondern auch fördert. Insofern geht alles miteinander einher. 

 Helga König
Helga König: Welche Probleme sehen Sie im Hinblick auf die fortschreitende Digitalisierung für Menschen im Erwerbsleben und welche für alte Menschen? 

Britta Redmann: Egal, ob ich im Erwerbsleben stehe oder älter bin – wir werden nicht umhin können, uns stärker als bisher mit Veränderungen anzufreunden und zu lernen, immer besser mit ihnen umzugehen. Das gilt im Prinzip für alle – es gibt keine Ausnahmen. 

Helga König: Welche Möglichkeiten bieten Ihnen die sozialen Netzwerke, ethisches Denken weiter zu vermitteln? 

  Britta Redmann
Britta Redmann: Viele persönliche Kontakte, die mein Leben bereichern sind tatsächlich über soziale Netzwerke zustande bekommen. Dank sozialer Netzwerke kann ich viel schneller meine Gedanken, Ideen, Meinungen hierzu teilen und natürlich auch Gleichgesinnte oder Austauschpartner finden. Soziale Netzwerke bieten unendlich viele Möglichkeiten für Impulse und Anregungen und damit auch zu einer eigenen Weiterentwicklung.

Liebe Britta Redmann, ich danke Ihnen herzlich für das aufschlussreiche Gespräch.

Herzlich Helga König

Helga König im Gespräch mit Helmut Baltrusch, Gründer des "Forums Generation Zukunft"

Lieber Helmut Baltrusch, das Online-Magazin "Buch, Kultur und Lifestyle" wartet ab dem 1.1.2018 mit einer neuen Rubrik auf. Diese lautet "Interviews- Begegnungen mit Menschenfreunden im Netz".  Beginnen möchte ich das Dialog-Jahr 2018 in dieser Rubrik mit Ihnen. Sie sind der Initiator und Gründer des "Forums Generation Zukunft" und posten auf Twitter täglich Beiträge, die den Lesern vermitteln, worum es Ihnen und Ihrem Forum geht.

Helga König: Können Sie unseren Lesern zunächst mitteilen, wer Sie sind und was Sie bewogen hat, das Forum ins Leben zu rufen?

 Helmut Baltrusch
Helmut Baltrusch:  Als (Un-)Ruheständler, dessen Wiege vor 76 Jahren an der Spree stand, blicke ich auf eine sehr nachhaltige, schnelllebige und erfüllte Zeit mit 36 Berufsjahren als Diplom-Ingenieur und Betriebswirt in leitender und beratender Funktion zurück. Seit den 70er Jahren gelte ich durch die Einführung der multivalenten Solarheizung (Wärmepumpe und Sonnenkollektoren) als ein Pionier der erneuerbaren Energien. Seit 11 Jahren bin ich ehrenamtlich unterwegs, zunächst in der Rheingauschule in Geisenheim mit Unterrichtsvertretungen, Organisation und Durchführung der Nachmittagsbetreuung und Projektleiter von ausgezeichneten Schülerfirmen einschl. der Installation einer Solaranlage auf dem Schuldach. Danach setzte ich die Projektarbeit am heimischen PC mit der Gründung des Forums Generationenzukunft (FGZ) fort. Angesichts von der Entwicklung des Zeitenwandels mit weltweitem Klima-, Bevölkerungs-, demografischen und digitalen Wandel verfolgt das Forum das Ziel der Gestaltung einer nachhaltig lebenswerten Gegenwart und Zukunft bei freiwilligem Engagement im Miteinander, gesellschaftlichen Zusammenhalt, Begegnung, Bewegung und Zuwendung in intakter Umwelt mit weitsichtigem Generationendialog. Bei ganzheitlicher Betrachtungsweise möchte die generationenbewegte Initiative u.a. die Frage beantworten, wie wir heute und zukünftig leben wollen. 

  Helga König
Helga König: Wo haben Sie die Mitglieder ihres Kompetenzteams kennengelernt und welche gemeinsamen Ziele haben Sie sich gesetzt? 

Helmut Baltrusch: Das projektfähige Kompetenzteam lernte sich vor allem bei der Kooperation mit gemeinnützigen Institutionen, wie den Mehrgenerationenhäusern, der Zusammenarbeit in der Rheingauschule und beim geselligen Beisammensein mit einem Glas Wein kennen. Dabei wurde wert auf die Vertretung mehrerer, parteiunabhängiger Generationen und die Bereitschaft zu ehrenamtlicher Tätigkeit gelegt. Das Forum pflegt auch den Kontakt zu vielen externen Mitstreitern, die sich seit einem Bürgerbegehren für bezahlbaren Wohnraum vor Ort für das Forum interessieren.

Helga König: Klickt man auf Ihrer Homepage das Wort "Miteinander" an, gelangt man auf eine Seite, auf der gleich zu Beginn zu lesen ist: "Das Miteinander betrifft und fördert den Zusammenhalt der Generationen zur Sicherung der Zukunft. Es ist gleichwohl die Sicherung der Solidarität der Generationen." Können Sie das, bitte an Beispielen erläutern? 

  Helmut Baltrusch
Helmut Baltrusch: Das täglich konsequent gelebte Miteinander als gesellschaftlicher Kitt im demografischen Wandel (die Gesellschaft wird älter, weniger und bunter) zeigt sich besonders in der Kooperation mit Mehrgenerationenhäusern der Region, dem initiierten Generationentreffpunkt von Jung und Alt im Stadtpark bei Bewegung und Begegnung, um gesund zu leben und zu bleiben, in der Zuwendung von Mensch zu Mensch der Familien- und Migrantenpatenschaften, der mitgegründeten stark nachgefragten Nachbarschaftshilfe, der Beratungshilfe für Menschen, die nicht mehr weiter wissen und gemeinsamen Geselligkeiten. Mit diesen Sozialprojekten für den Zusammenhalt wirken wir der zunehmenden Begegnungs-, Bewegungs- und Zuwendungsarmut einschließlich sozialer Kälte zwischen den Generationen entgegen.

 Helga König
Helga König: Scrollt man die Seite weiter nach unten, entdeckt man in einer Statistik, dass die sozialen Kontakte immer seltener werden. Konnte Ihr Kompetenzteam schon herausfinden, woran es liegt, dass sich beispielsweise Großeltern und Enkelkinder immer weniger sehen und auch welche Möglichkeiten es gibt, dass die unterschiedlichen Generationen wieder besser zueinander finden? 

Helmut Baltrusch: Das Auseinanderleben der Generationen ist eindeutig dem ausgeprägten Materialismus im Zeichen von Globali- und Digitalisierung und deren Folgen geschuldet. Viele Menschen sind in ihrem angeborenen, heimatlichen Umfeld nicht mehr integriert. Eigentlich sollte die gesellschaftliche Entwicklung nach unserem Grundgesetz zu gleichwerteigen Lebensverhältnissen bei größerer Unabhängigkeit und persönlicher Freiheit führen. In der Realität findet aber ein Auseinanderleben der Menschen und eine Umverteilung von unten nach oben bei flexiblem Arbeitseinsatz rund um den Globus, jedenfalls oftmals entfernt von der heimatlichen Scholle statt. Nicht das Bewusstsein, sondern das Geld bzw. Kapital bestimmt das Seín. Soziale Absicherung und Teilhabe sind vielfach nicht gegeben. Unter diesen Voraussetzungen gehen die Bindungen zwischen den Generationen und der gesellschaftliche Zusammenhalt immer mehr verloren. Es ist zuvorderst Aufgabe von Politik, diese Entwicklung umzukehren. Mit unseren Sozialprojekten beabsichtigen und erreichen wir zumindest regional ein gewisses Korrektiv, dass aber die fehlenden staatlichen Rahmenbedingungen nicht ersetzen kann. Mit den virtuellem Aktivitäten versuchen wir zudem, aufzuklären und das Bewusstsein der Menschen in eine menschlich lebenswerte Richtung zu lenken.

Helga König:  Ihr Team setzt sich u.a. für eine zukunftsfähige, sozialgerechte Bildung und Ausbildung junger Menschen ein. Wie könnte diese konkret aussehen? 

 Quelle:  Deutscher Nachhaltigkeitspreis
Helmut Baltrusch: Bildung und Ausbildung sind der einzige Rohstoff unseres Landes, den es zu hegen und pflegen gilt. Nur mit guter Bildung/Ausbildung können wir die Zukunft bestehen. Deutschland braucht eine abgestimmte Bildungspolitik zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Bildungsarmut, Integration, Fachkräftemangel. und demografischer Wandel lassen sich nicht mit Kleinstaaterei lösen. Bildung ist als staatliche Verantwortung für künftige Generationen zu verstehen, Nachhaltigkeit zu lernen als umfassendes gesellschaftliches Modernisierungskonzept. Daraus ergeben sich folgende Anforderungen: Bildungsarmut bekämpfen, Ausbildung von Schlüsselkompetenzen, gute Bildung für alle Menschen als staatliche Daseinsvorsorge, gebundene Ganztagsangebote mit anspruchsvollen pädagogischen Angeboten, bundesweite Standards für eine gute Qualität mit Aus- und Weiterbildung der Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Fördern statt Auslesen, spätere Aufteilung auf weiterführende Schulen, mit Ausbildung ohne Warteschleifen bessere Lebensperspektive schaffen, Hochschulen zu stärkeren Innovationsmotoren der Gesellschaft machen, mit lebenslangem Lernen Horizonte eröffnen, größere Wertschätzung der Beschäftigten des Bildungswesens durch die ganze Gesellschaft generieren. 

Die Mitglieder unseres Teams wirken daran als Lehrkräfte mit. Zudem beteiligen wir uns mit dem Schülerprojekt "Bildung + Wissen = Innovation" an der Erfüllung von Anforderungen an die Schule des Lebens heute und morgen. Mit diesem Projekt werden Studier- und Ausbildungsfähigkeit in der Oberstufe anforderungsgerecht durch Tests verbessert und die Abbrecherquote deutlich verringert, Schülerinnen und Schüler werden auf die Wissensgesellschaft vorbereitet. Ein anderes Projekt bezweckt die Förderung der Wirtschaft von Schulen und Schulmodellen, wie bspw. die Zusammenlegung von Mittel- und Oberstufe an Gymnasien. Diese Projekte sind in Arbeit.

 Helga König
Helga König: Worin bestehen nach Ihrer Ansicht die Hauptrisikofaktoren für ein nachhaltig lebenswertes Leben? 

Helmut Baltrusch: Die Nachhaltigkeitsentwicklung ist zuvorderst eine sozialpolitische. Hauptrisikofaktoren für ein nachhaltíg lebenswertes Leben sind v.a. das soziale Verhalten vieler, der übermäßige Konsum und Umweltverbrauch in den Industrie- und Schwellenländern, der die Lebensgrundlagen bis zur Unbewohnbarkeit der Erde in ca. 100 Jahren (Hawking) zerstört. 

Es gilt Werte, Standards, Anreize und Beispiele für alle Bürger und die Wirtschaft zu setzen, die zu einem einfachen, nachhaltigen, leistungsfähigen und erfüllendem Leben und Wirtschaften in eigener Regie führen. Das Forum Generationenzukunft zeigt Wege auf, die weg von der Wegwerfgesellschaft als ein Leben über den Verhältnissen führen. So gilt es, die klima-, umwelt-, natur-, ressourcen-, gesundheits- und tierschädigenden Emissionen und Gifte zu vermeiden zugunsten einer reparierenden, recylenden und langlebigen Lebens- und Wirtschaftsweise mit Bewahrung der Schöpfung in allen Lebensbereichen. 

Die Nachhaltigkeitsentwicklung ist in Verantwortung für künftige Generationen als umfassendes gesellschaftliches Modernisierungskonzept zu lernen und zu verstehen. Maßgeblich und verpflichtend für diese Entwicklung sind ethische Prinzipien wie die schonende Nutzung der Naturressourcen, soziale Gerechtigkeit, Verantwortung für künftige Generationen , globale Partnerschaft, eine andere Steuerung des sozialen Verhaltens, z.B. auch beim Thema Wohnen und Gesundheit, Berücksichtigung des Wertewandels und der Rolle der Frauen, Vernetzung von Zukunftsindikatoren einschl. der technologischen Entwicklung u.a.m. Diese Risikofaktoren gilt es künftig nachhaltig zu berücksichtigen.

Helga König: Sie werben u.a. für generationenübergreifendes Wohnen. Wie könnte dies konkret aussehen und welche Zugeständnisse der Generationen untereinander sind notwendig? 

  Helmut Baltrusch
Helmut Baltrusch: Das Mehrgenerationenwohnen ist als Chance zu begreifen, das Leben aller Alters- und gesellschaftlichen Gruppen solidarisch zu gestalten. Demografischer Wandel und ein wachsendes Bedürfnis nach Selbstbestimmung älterer Menschen lassen neue Wohnformen entstehen: Mehrgenerationenwohnen, Senioren-WG, Betreutes Wohnen oder auch die Anpassung der eigenen Wohnung gehören dazu. Gemeinschaftlich wohnen kann man als Senioren-WG,  als Wohngruppe, bei der jeder eine eigene Wohnung in einem gemeinsamen Wohnkomplex bewohnt oder als Mehrgenerationenmodell, bei dem Alt und Jung unter einem Dach leben. Das Stichwort heißt, selbstbestimmt wohnen innerhalb einer sozialen Gemeinschaft. Die Zugeständnisse der Generationen untereinander sind beim gemeinsamen Wohnen bei vorherigem Kennenlernen und Probewohnen begrenzt, wenn jeder Bewohner seinen persönlichen Rückzugsraum hat und selbst bestimmen kann, ob und wann er die Gemeinschaftsräume nutzen will oder auch nicht.

 Helga König
Helga König: Auch nachhaltiges Wirtschaften ist für Sie ein Thema. Was gibt es dazu zu sagen?

Helmut Baltrusch: Nachhaltiges Wirtschaften ist das A und O unserer Zukunftsfähigkeit und Lebensqualität. In den Leistungsprozessen müssen die technischen Strukturen und Abläufe wieder in den natürlichen Stoffkreislauf zurückgeführt werden. Es geht darum, langlebige Leistungen mittels wieder verwendbarer, recyclebarer Rohstoffe zu erbringen, zu vermarkten und wieder in den natürlichen Stoffkreislauf zu bringen. Das Zauberwort heißt: Kreislaufwirtschaft - ein Weg aus der Wegwerfgesellschaft und kohlenstoffbasierten Leistungserzeugung. 

Die Kreislaufwirtschaft ist nachhaltig bei der Ressourcennutzung, effizient, kosten- und CO2-sparend. Für die Unternehmen sind damit höhere Gewinnchancen verbunden. Würde die nachhaltige Wirtschaftsform EU-weit genutzt, könnten damit die Ressourcen-Produktivität um 30 % gesteigert werden, zwei Millionen Jobs zusätzlich entstehen, 600 Milliarden Euro Netto-Einsparungen und 2-4 % CO2-Emissions-Einsparungen erzielt werden.

Helga König: Haben die Menschen das Miteinander verlernt und falls ja, wie kann in kleinen Schritten geübt werden, wieder aufeinander zugehen? 

 Helmut Baltrusch 
Helmut Baltrusch: Das Miteinander für mehr Zusammenhalt, Integration, Zukunftsfähigkeit und Lebensqualität lebt von der Begegnung, Bewegung und menschlichen Zuwendung. Diese Eigenschaften sind vielen Menschen aufgrund egoistischer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Zwänge bei Werteverlust fremd geworden - das Hemd ist vielen näher als der Rock. Es geht um den Weg vom verbreiteten individuellen "Ich" zum solidarischen "Wir": Lernen kann man das Miteinander z.B. mittels Inklusion in der Schule. Aber auch mit freiwilligem Engagement in Vereinen wie der Nachbarschaftshilfe , Familien und Mehrgenerationenhäusern für Hilfsbedürftige kann das hilfreiche Wirken von Menschen für Menschen gute Beispiele geben. 

Das Forum Generationenzukunft hat im Terminkalender "Miteinander" z.B. folgende Veranstaltungen vorgemerkt: Alt und Jung sprechen miteinander, Alt und Jung tanzen, singen spielen miteinander, lädt ein zu den Themen: Kommune gemeinsam gestalten mit Beteiligung vor Ort, generationengerechtes Wohnen für alle Generationen, Entwicklung der Standortfaktoren für die Daseinsvorsorge, wie wollen wir 2030 leben, Energie der Zukunft im Alltag, was bedeutet Nachhaltigkeit in unserem Leben, lebensbegleitendes Lernen als Beschäftigungschance im Beruf, wie gestalte ich den Übergang zwischen Schule und Beruf sowie vom Beruf und in den Ruhestand, familienfreundliche Stadt zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie u.v.a.m für hilfswillige und hilfsbedürftige Menschen. Bekanntlich sind 30 Millionen Deutsche in gemeinnützigen Vereinen tätig, der größere Rest muss dafür noch gewonnen werden.

 Helga König
Helga König: Welche Möglichkeiten haben Ihre Follower in den sozialen Netzwerken, sich in Ihre wunderbaren Projekte einzubringen? 

Helmut Baltrusch:  Forum Generenrationenzukunft ist v.a. bei Twitter mit dem Account @Balelt41 und den Websites www.forum-generationenzukunft-de und www.forum-generationenwerkstatt.jimdo.com aktiv. Wir freuen uns über jeden gelikten/retweteten Tweet, Themenbeiträge und Beteiligung an den Projektthemen oder auch den Projekten selbst für projekt-kompetente User. Die Mitarbeit von Externen ist auch als Korrektiv zu unserer Projektarbeit gefragt. 

Helga König: Schlussendlich: Was bedeutet für Sie gelebte Toleranz? 

Helmut Baltrusch:  Grundsätzlich achte ich alle Meinungen, auch die, die von meiner eigenen abweichen. Das gilt auch für gegensätzliche Weltanschauungen. Probleme habe ich lediglich mit Toleranz gegenüber intoleranten Menschen.  

Lieber Helmut Baltrusch, besten Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

Herzlich Helga König



Helga König im Gespräch mit Prof. Dr. André Niedostadek

Prof. Dr.  André Niedostadek André Niedostadek ist Professor für Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialrecht sowie Beauftragter für Internat...