Helga König im Gespräch mit Prof. Rahman Jamal, Business and Technology Fellow

Lieber Prof. Rahman Jamal, Sie sind in Burma geboren, in Paderborn aufgewachsen, haben dort auch Elektrotechnik studiert und leben nun in München und Paderborn. Sie sind Diplom-Ingenieur, haben jahrelang das globale Marketing einer weltweit agierenden Firma geleitet und sind heute dort als Business and Technology Fellow tätig. Da Sie in den sozialen Netzwerken aktiv sind und dort in so manchem Tweet erkennen lassen, dass Sie ein großer Menschenfreund sind, möchte ich heute einige Fragen an Sie richten. 

Helga König: Was bedeutet für Sie ein sinnstiftendes Miteinander in unserer Gesellschaft? 

Prof. Rahman Jamal
Foto: privat
Prof. Rahman Jamal: Steigen wir doch gleich mit der Sinnfrage ein: Für mich ist der Sinn des Lebens das Leben selbst – und zwar ein Zusammenleben mit anderen und der Natur. Mir ist hier aber sehr bewusst, dass jeder sich mit etwas anderem identifiziert, und dass es hier Überlappungen mit anderen Menschen gibt. Einige unserer Identitäten teilen wir vielleicht mit der einen Gruppe von Leuten, andere Identitäten wiederum mit anderen. Aber für mich ist Diversität ein Geschenk und eine Stärke, die wir pflegen und respektieren sollten. Aber wir müssen uns durchaus darüber im Klaren sein, dass das Leben mit Diversität ein herausfordernder Prozess ist. 

Zu glauben, im Pluralismus zu leben sei leicht, wäre falsch. Pluralismus ist eine ewige "work in progress", d. h. ein nie abgeschlossener Prozess, an dem wir alle beteiligt sind. Auch wenn viele annehmen, dass wir so unterschiedlich sind, gibt es auf einer fundamentalen Ebene weitaus mehr Gemeinsamkeiten, was erst auf den zweiten Blick deutlich wird. Denn, bevor ich Dieses oder Jenes bin, also bevor ich ein Ingenieur bin oder ein Buddhist oder etwas anderes, bin ich. Punkt. Und das Sein ist das, was uns alle verbindet, jenseits von Religionen, Kulturen, Überzeugungen, Ideologien usw. Integraler Bestandteil dieses Seins sind nichtphänomenale Eigenschaften wie bedingungslose Liebe, Mitgefühl, Schönheit, Friede, Achtsamkeit etc. Dies in uns (wieder) zu entdecken und in unserem Handeln widerzuspiegeln ist, worum es eigentlich im Leben geht. 

Wie Sie meinen Tweets auch entnehmen können, vertrete ich keine spezifische religiöse Sichtweise, sondern appelliere genau an das Gemeinsame aller, an gemeinsame Werte, denn ich glaube an eine der Religion und Kultur übergeordnete Dimension, die uns an einen Tisch bringt und auch einen besseren Umgang miteinander ermöglicht. Dieses Gemeinsame zu sehen und uns daran zu orientieren und eben nicht uns gegenseitig unsere Religionen und Kulturen aufzudrängen, ermöglicht erst ein sinnstiftendes Miteinander. 

Was die Umsetzung eines sinnstiftenden Miteinanders anbelangt, so bin ich absolut davon überzeugt, dass es uns eine innere Zufriedenheit gibt, wenn wir auf ein Ziel hinarbeiten, das die Gesellschaft voranbringt, wesentlich größer als wir selbst und erheblich mehr als die Summe der Einzelteile ist. Hier sei beispielsweise die Bewältigung der größten Herausforderungen der Menschheit genannt, wie sie etwa in den "grand challenges" der National Academy of Engineering zusammengefasst sind, und die auch National Instruments, die Firma, bei der ich arbeite, antreibt. Dazu gehören etwa der Zugang zum Trinkwasser für jeden Menschen auf der Welt, bessere medizinische Versorgung und die Erschwinglichkeit von Solarenergie. Durch solche Tätigkeiten hinterlassen wir die Welt in einem besseren Zustand als den, in dem wir sie vorgefunden haben. Und durch solch sinngebende Arbeit spüren wir eine einzigartige Verbundenheit zu etwas Übergeordnetem und sind dennoch völlig eins mit unserem wahren Selbst. 

 Helga König
Helga König: Wie wichtig ist Fairness, damit das Leben vieler erfolgreich verlaufen kann?

Prof. Rahman Jamal: Fairness ist meines Erachtens unabdingbar für ein erfolgreiches Miteinander. Das war im Übrigen auch der Grund dafür, dass ich den Beruf des Ingenieurs ergriffen habe: Ich wollte dazu beitragen, dass alle Menschen gerecht behandelt werden und die gleichen Chancen haben. Ich war von den unglaublichen technologischen Fortschritten inspiriert, die unseren Alltag verbessern. Ursprünglich aus einem Entwicklungsland, kam ich mit zehn Jahren nach Deutschland und war sehr überrascht über die Diskrepanz zwischen den Ländern. Ich sah, dass die Bevölkerung in einigen Staaten keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und medizinischer Versorgung hat, während all dies hierzulande als selbstverständlich angesehen wird. Daher entschied ich mich bewusst nicht für ein theoretisch-wissenschaftliches, sondern ein praxisnahes Studium, mit dem man zur Lösung solcher Probleme beitragen kann: Elektrotechnik. 

Ich bin fest davon überzeugt, dass es die achtsam eingesetzten Technologien sind, die Änderungen vorantreiben und die zwischen den Ländern klaffenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lücken schmälern können. Natürlich sind Ingenieure zwar auch Teil des Problems, weil sie oft nicht über die Konsequenzen ihres Handels nachdenken in puncto Nachhaltigkeit, Energieverbrauch etc. Aber sie sind es auch gleichzeitig, die mit dem richtigen Mindset dazu beitragen können, die größten gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen. Der Ingenieur muss dazu meiner Ansicht nach hinterfragen, ob seine Arbeit der Menschheit nützt. Er muss sich darüber im Klaren sein, welche Auswirkungen seine Entwicklung auf die Gesellschaft hat. Zudem ist er dazu angehalten, dem Recht der Menschen und der Natur Vorrang gegenüber etwaigen privaten oder Firmeninteressen einzuräumen. Meine Vision ist, dass eine der grundlegenden Eigenschaften des Ingenieurs von morgen eine humanistische Einstellung ist. 

Helga König: Sind Achtsamkeit, Demut, Bescheidenheit Tugenden, die vielen Menschen der westlichen Welt nur schwer zugänglich zu machen sind und falls ja, weshalb?

 Prof. Rahman Jamal
Foto: privat
Prof. Rahman Jamal:  Als jemand, der in beiden Kulturen zu Hause ist, muss ich das eher verneinen. Ich glaube, dass es allen so geht, unabhängig von ihrer Herkunft – auch wenn man landläufig der Meinung ist, die Menschen aus Fernost seien aufgrund ihrer Kultur besser für eine achtsame Haltung gewappnet. Ich glaube in der Tat, dass viele Menschen – ob westlicher oder fernöstlicher Kultur – Achtsamkeit und Meditation "betreiben", um ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Das ist ja mittlerweile ein großer Modetrend geworden. Egal, aus welchem Kulturkreis, alle versuchen, achtsam zu sein, um nicht alles so nah an sich herankommen zu lassen und erfolgreicher in ihrem Tun zu sein. Oder sie meditieren, um entspannter zu werden. Auch, wenn ich das gutheiße, ist es dennoch nur die halbe Miete. Sich ein Ziel zu setzen, ist genau der falsche Ansatz, sowohl was die achtsame Haltung anbelangt, also auch die Meditation, die oft damit verbunden ist. Das Problem in der Meditation ist nämlich nicht die Meditation, sondern der Meditierende, der etwas haben möchte! Kurzzeitige Entspannung und Gelassenheit können natürlich sehr wohl Nebeneffekte sein, aber sie sind eben kurzlebig. 

 Helga König
Helga König: Können aufrichtige Bescheidenheit und Demut den Menschen vor Hybris schützen und verantwortungsbewusster machen?

Prof. Rahman Jamal: Diese Frage stellt sich für mich gar nicht. Denn da sind wir zum einen wieder an dem Punkt, an dem ich etwas möchte – ich möchte z. B. nicht hochmütig sein, sondern bescheiden und demütig. Das ist einfach der falsche Ansatz. Zum anderen sind Dinge wie Bescheidenheit, Demut, Achtsamkeit usw. nichtphänomenale Eigenschaften, die man nicht erlernen kann, sondern die bereits in uns vorhanden sind und wiederentdeckt werden müssen. Um dies besser zu verstehen, gehen wir zuerst einmal einen Schritt zurück: Bevor ich Dieses oder Jenes bin, bin ich wie erwähnt erst einmal, es geht also um das Sein. Wenn man dieses Sein genauer untersucht, stellt man fest, dass es präsent ist, erfahrend, nicht lokalisierbar, nicht innerhalb der Zeit. Die populäre Annahme ist ja, dass wir geboren wurden, uns weiterentwickeln und dann irgendwann dann die Welt verlassen. Und wir meinen auch, das genau so zu erfahren: Wir sehen von außen, dass es bei den anderen exakt so abläuft. Aber ist das denn auch unserer unmittelbare Erfahrung? Nein! Denn diese Abgrenzung ist etwas, das wir erlernt haben. Aus meiner Sicht ist dies ein konditioniertes Verhalten. Das liegt schlichtweg an den Werkzeugen, die wir nutzen, allen voran die Sprache. 

Sprache ist zunächst für eine Welt der Dualität geschaffen. Uns wurde beigebracht, wie wir mit dieser Sprache unsere Erfahrungen abbilden können. Formulierungen wie bspw. "ich bin hier" und "die Natur ist dort" sind aus meiner Sicht keine unmittelbare Erfahrung, sondern eine mittels der Sprache und des Denkens wiedergegebene Abstrahierung, die die eigentliche Erfahrung in ein Korsett aus Subjekt, Prädikat und Objekt hineinpresst. Und irgendwann fangen wir auch noch an, die Welt durch die Brille der Sprache und des Denkens zu sehen – und glauben auch noch, dass das unsere tatsächliche Erfahrung ist. Dass wir hier eine Brille aufgesetzt haben, übersehen wir irgendwann einmal. 

Die dualistische Struktur, die die Sprache aufbaut, nämlich die von einem Sender von z. B. Mitgefühl und dem Empfänger, ist für mich sehr fragwürdig. Denn durch die Unterteilung in Subjekt und Objekt suggerieren uns unsere Werkzeuge die ganze Zeit, dass es eine Trennung zwischen den beiden gibt. Stellen Sie sich die Welt oder das Bewusstsein als Ozean vor, auf dem wir alle als Wellen erscheinen. Es mag knapp 8 Milliarden Wellen auf diesem Ozean geben, denen wir allen einen Namen geben, die bestimmte Eigenschaften haben, etc. Aber dennoch sind sie immer eine Bewegung des Ozeans. Stellen Sie sich mal vor, wenn eine bestimmte Welle auf die Idee käme, den Ozean zu suchen, was würde sie dann finden? Nichts! Denn sie war zu keinem Zeitpunkt etwas nichts anderes als der Ozean selbst! Und so haben wir eventuell auch erlernt, dass wir etwas Besseres, Schöneres, Größeres sind. Das heißt, so tauchen Dinge wie Hybris überhaupt erst auf! 

Die durch unser Denken und unsere Sprache schön in getrennte, unabhängig voneinander existierende Einheiten eingeteilte Welt gibt es in meiner unmittelbaren Erfahrung aber nicht. 

Helga König: In einem Interview, das ich gelesen habe, sagen Sie "Wer achtsam ist, dem fällt es ohnehin leichter, sich auf eine natürliche Weise auf den Anderen einzulassen." Können Sie dies näher erläutern?

 Prof. Rahman Jamal
Foto: privat
Prof. Rahman Jamal: Wenn nichtphänomenale Eigenschaften wie Achtsamkeit oder Mitgefühl völlig störungsfrei aus einem herausströmen, ist der Umgang mit den Menschen und der Natur weitgehend leidensfrei. Dann geht man aus einer ganz natürlichen Empathie heraus auf die Menschen zu und begegnet ihnen unvoreingenommen und mit Mitgefühl. Das ermöglicht es, sich eben auf den Anderen einzulassen, ihn und seine Bedürfnisse zu verstehen. 

Helga König: Sie sagen, dass für Ihren Führungsstil Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, gepaart mit mitfühlendem Handeln eine zentrale Bedeutung haben. Welche Resonanz zeigen Ihre Gegenüber, wenn Sie auf diese Weise mit Ihnen umgehen, ist das Feedback immer positiv?

Prof. Rahman Jamal: Nein, das ist ganz unterschiedlich und kommt darauf an, wer mich mit welcher Geisteshaltung betrachtet. Ein Taktiker aus dem Arbeitsleben, vor allem einer in der Führungsetage, glaubt sicher, dass mein Verhalten eine von mir zurechtgelegte Strategie ist, um etwas Bestimmtes zu erreichen. Ein solcher Mensch würde mit mir anders taktieren, als jemand, der im achtsamen Handeln eine Lebensphilosophie sieht. Jeder reagiert nach seinem Wissenstand, seiner Erfahrung und seinem Bezug zu seinem Leben. Daran kann ich nichts ändern. Aber wenn ich ehrlich bin, ist dies für mich auch sekundär, wie die anderen reagieren. 

Viele finden meine Einstellung interessant und erklären sie sich damit, dass ich aus einem östlichen Kulturkreis komme und dass mir solche Dinge quasi in die Wiege gelegt wurden. Das ist zwar eine nette Erklärung, die ich aber nicht akzeptieren kann, denn – wie eingangs erwähnt – bringen wir alle diese nichtphänomenalen Eigenschaften von vorneherein mit. Dann wiederum gibt es Menschen, die mehr dazu wissen möchten und sich aus dem Herzen heraus mit diesen Themen beschäftigen. Einige sagen mir, die Umstellung auf achtsames Handeln hätte ihr Leben verändert. Es ist aber auch schon passiert, dass Leute erst Jahre später auf mich zukamen und mir sagten: "Jetzt verstehe ich erst, was du damals meintest!" Und dann erst mehr wissen möchten. Meistens dann, wenn sie gerade in einer Lebenskrise sind. Dann ist das Fenster offener und die Menschen sind empfänglicher für neue Impulse.

Helga König
Helga König: Sie schreiben in einem Ihrer Tweets "This may sound a bit harsh, but being proud of all the acquired material objects of this world is like a prisoner being proud of his jail". Was möchten Sie Ihren Lesern dadurch nahebringen?

Prof.  Rahman Jamal: Da geht es genau um die Anhaftungen, das "Haben-Wollen“, das ich bereits erwähnte. Die meisten erwarten etwas aus bestimmten Situationen oder schöpfen ihre Zufriedenheit aus der materiellen Anschaffung. Beidem liegt der Wunsch zugrunde, etwas zu besitzen oder etwas zurückzubekommen, wenn man genug Zeit investiert. Im Geschäftsumfeld würde man hier von "ROI" (Return of Investment) sprechen. So meinen sie, wenn sie achtsam sind oder meditieren, dann erhalten sie etwas zurück, werden ruhiger, erfolgreicher, glücklicher oder was auch immer. Es geht aber eben darum, nicht aus einer Haltung heraus zu handeln oder eine Gegenleistung zu wollen, sondern erst loszulassen oder einfach zu geben. So wie die Sonne: Sie scheint für jeden und alles gleichermaßen, ohne dafür etwas zurück zu erwarten. Und was zurückkommt, ist meistens überwältigend! Ajahn Chahs berühmtes Zitat bringt es auf den Punkt: "Wenn du etwas loslässt, bist du etwas glücklicher. Wenn du viel loslässt, bist du viel glücklicher. Wenn du ganz loslässt, bist du frei."

Helga König: Werden Sie inhaltlich verstanden, wenn Sie Ihren Lesern einen Satz wie diesen "Spiritual teachings are strategies. They are neither the absolute truth nor to be found in the words. What is important is the unconditional love and compassion from which the teachings flow." entgegenbringen, wie reagieren Menschen auf diesen Satz?

 Prof. Rahman Jamal
Foto: privat
Prof.  Rahman Jamal: Das kann ich nicht genau beantworten, ob das alle in dieser Tiefenschärfe verstehen. Aber es reicht für mich zunächst auch, wenn solche Aussagen, die mir eher spontan einfallen, zum Innehalten anregen und die Leser dazu animieren, sich vielleicht etwas ausführlicher damit zu beschäftigen. Beispielsweise bei dem Zitat, das Sie eben erwähnten: Viele halten ihre spirituellen Lehren, die es wie Sand am Meer gibt, für die Wahrheit schlechthin. Und genau das ist etwas, was zu Hybris führt – und zwar zu einer spirituellen Hybris. Für mich sind spirituelle Lehren mögliche Wege, die auf unterschiedlichen Strategien basieren. Sie sind weder die absolute Wahrheit, noch kann die Wahrheit in den Worten der Lehre gefunden werden. Was aber wichtig ist, sind die bedingungslose Liebe und das Mitgefühl, aus denen die Lehre herausströmt. 

 Helga König
Helga König: Wenn wir Menschen bedingungslos, alles, was ist, lieben, besteht dann noch ein Grund, etwas zu verändern?

Prof. Rahman Jamal: Na ja, nur weil jeder all das, was ist, liebt, heißt es ja noch lange nicht, dass alles gut ist und dass es nicht dennoch Grund für Veränderungen gibt. Selbst, wenn wir annehmen, dass es kein vom Menschen verursachtes Leid gibt wie durch Hass, Krieg, Umweltsünden usw., wird es immer Bedürftige geben: Menschen, die schwer krank sind, mit dem Verlust einen lieben Menschen zurechtkommen müssen oder z. B. aufgrund von Naturkatastrophen alles verloren haben. Mitfühlend auf andere zuzugehen heißt, zu erkennen, was Der- oder Diejenige braucht und entsprechend zu handeln – und das bedeutet eben manchmal Veränderung. 

Helga König: Sie sagen, die Sprache des Herzens sei universell. Ist die kleine Sonnenblume, die Sie vielen Ihrer tiefgründigen Tweets beigefügt haben, ein Ausdruck der Sprache Ihres Herzens?

 Prof. Rahman Jamal
Foto: privat
Prof. Rahman Jamal: Die Sonnenblume ist für mich ein Symbol für das Sonnenhafte, das Licht, das alles durchströmt. Ich hätte genauso gut eine Sonne nehmen können, aber die Sonnenblume wird von der Sonne ernährt und gefällt mir einfach. Wenn Sie so wollen, sind wir alle kleine Sonnenblumen und spiegeln das Sonnenhafte wider. Um ihre Frage zu beantworten: Ja, natürlich – alle meine Handlungen kommen aus dem Herzen, auch die kleine Sonnenblume! Dass etwas aus dem Herzen kommt, ist genau das, was Achtsamkeit ausmacht.


Lieber Prof. Rahman Jamal, ich danke Ihnen vielmals für dieses wirklich aufschlussreiche Gespräch .

Herzlich  Ihre Helga König

https://twitter.com/RahmanNow

Helga König im Gespräch mit René Rothmund ist Gärtner, Sozialarbeiter und PR-Berater in Zürich.

René Rothmund ist Gärtner, Sozialarbeiter und PR-Berater in Zürich. Auf seiner Webseite "Stadtwurzel – Urban Gardening" schreibt er zu Gärtnern in der Stadt und auf Twitter betreibt er der Account „Stadtwurzel“, eine Informationsplattform für "Urban Gardening" oder auf gut Deutsch, Gärtnern in der Stadt und mehr.

Lieber René Rothmund, es freut mich, dass Sie an dem Ethik-Langzeitprojekt "Interviews- Begegnungen mit Menschenfreunden im Netz" des Onlinemagazins "Buch, Kultur und Lifestyle" teilnehmen. 

Dazu nun folgende Fragen an Sie:  

Helga König: Was bedeutet für Sie Mitmenschlichkeit? 

 René Rothmund
(Foto: privat)
René Rothmund: Mitmenschlichkeit hat für mich als Basis das Mitgefühl. Dieses beschränkt sich jedoch nicht auf die Menschen alleine, sondern schließt die gesamte Natur mit ein. Daraus resultiert für mich ein achtsamer Umgang mit Menschen, Tieren und Pflanzen und der Natur als Ganzes.

Helga König: Welche ethische Verpflichtung empfinden Sie der Natur gegenüber? 

René Rothmund: Ethik ist für mich ein etwas distanzierter Begriff. Mir liegt der Begriff der Moral näher. Moralisches Handeln beginnt bei mir selber. Bin ich achtsam mir gegenüber, bin ich es auch vermehrt gegenüber der Natur. Für mich ist die Natur ein lebendiger Organismus. Sie dient uns als Nahrungsquelle, erfreut uns mit ihrer Schönheit etc.. Daraus ergibt sich für mich, dass ich eine Verpflichtung gegenüber ihr habe und mich für ihren möglichst unversehrten Erhalt einsetze.

 Helga König
Helga König: Was bezwecken Sie soziologisch mit Ihrem Engagement für "Urban Gardening" und worum handelt es sich dabei überhaupt? 

René Rothmund: In erster Linie geht es mir darum, Informationen zum Thema Urban Gardening, Gärtnern in der Stadt, über meine Webseite zu verbreiten. (Exkurs: Die Urban Gardening Bewegung hat mit Liz Christy 1973 in New York ihren Anfang genommen. Daraus entstand eine Green Guerilla Bewegung, die den öffentlichen Raum als «Garden», soziokulturellen Raum betrachtete. Heute gibt es die Green Guerillas als einer der ältesten Urban Gardening Projekte immer noch, vorwiegend in den Armenvierteln von New York, South Bronx und Harlem.). Dabei finde ich alle Gartenprojekte interessant, ob im Schrebergarten, im Schulgarten, im interkulturellen Garten. Urban Gardening hat ja keinen klaren Definitionsbegriff, je nach Wissenschaftsdisziplin (Soziologie, Stadtentwicklung etc.) besteht eine etwas andere Begrifflichkeit. 

Helga König: Können Sie unseren Lesern den Sinn eines "interkulturellen Gartens" vermitteln und welche Chance sich in Städten durch solche Gartenprojekte im Hinblick auf Integration ergeben?

 René Rothmund
(Foto: privat)
René Rothmund: Das Anliegen der interkulturellen Gärten hat zum Ziel, über das Gärtnern geflüchteten Menschen eine mögliche Form der Integration in unsere Gesellschaft zu bieten. Gemeinsam gärtnern mit «Einheimischen» baut Vorurteile ab und ermöglicht so einen gemeinsamen Austausch über das Gärtnern hinaus. Für viele Flüchtlinge ist der Garten auch ein Stück Heimat, die sie verloren haben. Mit dem Anbau von Gemüse und Kräutern aus ihrem Ursprungsland bringen sie diese Heimat in ihren Garten zurück. 

Helga Köng: Welche Erfahrung konnte Sie in sogenannten "Familiengärten" in der Schweiz im Hinblick auf ein besseres Miteinander sammeln?

 Helga König
René Rothmund: Ich hatte das Vorurteil in mir, dass Familiengärten etwas Spießbürgerliches sind. Als ich selber vor 10 Jahren so einen Garten übernommen habe, konnte ich erleben, dass von diesem Vorurteil wenig wahr ist. Natürlich gibt es die herausgeputzten Gärten, aber das sind nur wenige. Neben mir haben 7 Studierende einen Garten, den sie gemeinsam pflegen, eine bosnische Familie baut ihr Gemüse an, eine Frau, die ihren Garten schon dreißig Jahre alleine bewirtschaftet und eine Tomatenspezialistin ist, ist eine weitere Nachbarin. Die Familiengärten sind ein Mikrokosmos unserer Gesellschaft, habe ich festgestellt. Ich kam und komme mit Menschen in Kontakt, die ich in meinem Leben nie kennengelernt hätte und es ergeben sich wundervolle Gespräche daraus. Zudem hilft man sich gegenseitig aus, bei Ferienabwesenheit, mit Setzlingen, mit Tipps und mit Werkzeugen.

 René Rothmund
Foto: privat
Helga König: Wie ich auf Ihrer Homepage gelesen habe, gibt es in der Schweiz das Projekt "Gartenkind", wo 900 Kinder an 75 Gartenstandorten in der ganzen Schweiz ihr eigenes kleines Gartenbeet pflegen und während der Arbeit im Garten Allerlei über das Gemüse, die Gartentiere und die Kreisläufe in der Natur erlernen. Ist dies ein nachahmenswerter Ansatz, um junge Menschen in allen Industrieländern frühzeitig umweltbewusster zu machen und wenn ja weshalb? 

René Rothmund: Unbedingt ja. Die Kinder lernen so schon früh, was eine Kartoffel oder eine Möhre ist und wie sie angebaut wird. Sie bekommen einen ganz anderen Bezug dazu, als wenn die Lebensmittel aus dem Regal im Supermarkt gekauft werden. In der Zwischenzeit gibt es zusätzlich in Zürich und Umgebung nebst dem «Gartenkind» noch die GemüseAckerdemie, die in Deutschland ja verschiedene Preise gewonnen hat. Sie verfolgen mehr einen Bildungsansatz und sind hier in den Schulen integriert. 

 Helga König
Helga König: Sie posteten am 22.6. "Kluge #Landwirtschaft kann die Wüste stoppen: Im Südosten Portugals ringen Menschen um fruchtbaren #Boden. Es ist ein spannender Versuch, die #Wüste zu bremsen. Fruchtbarer Boden dank #Bäumen, syntropische Landwirtschaft.“ Was könnte man vernetzungsmäßig tun, damit solche Informationen auch die zuständigen Stellen in Indien erreichten, wo Bauern sich aufgrund anhaltender Dürre und Ernteausfällen das Leben nehmen, wie Sie kürzlich Ihre Leser informiert haben? 

René Rothmund: Gute Frage. Hmm, wenn ich das wüsste. Ich bin einfach überzeugt davon, das Informationen dazu, ob in sozialen Medien oder in allgemeinen Medien die Bereitschaft erhöhen kann, sich dem Thema bewusst zu werden. In Zeiten des Klimawandels wächst das Bewusstsein, so wie ich das erlebe, dass wir sorgsamer mit unserer Erde umgehen müssen, wenn wir überleben wollen. 

Helga König: Verändert nach Ihrer Beobachtung das Gärtnern die Menschen und wenn ja auf welche Weise? 

 René RothmundFoto: privat
René Rothmund:  Was ich beobachte, ist dass sich die Menschen in der Stadt wieder mehr Naturnähe wünschen. Gärtnern, in einem Gemeinschaftsgarten oder Schrebergarten kann dieses Bedürfnis wieder etwas stillen. Mit dem Gärtnern kommt auch die Neugier dazu, Lebensmittel anzubauen. Ich kenne etliche in der Stadt, die aus diesem Wunsch nach Naturnähe angefangen haben zu gärtnern und nun richtige Freaks geworden sind, die möglichst viel an Gemüse, Salat und Beeren selber anbauen wollen. 

 Helga König
Helga König: Gärtner sollen besonders glückliche Menschen sein. Möchten Sie durch Ihr Engagement zum Glück der Menschen beitragen oder treibt sie ein anderes Motiv hauptsächlich an? 

René Rothmund: Ich glaube für sein Glück ist jeder selber zuständig. Aber gärtnern kann zu neuen Glücksmomenten führen. Ich habe die Webseite vor zwei Jahren gestartet, weil mich im innersten die Frage beschäftigte:» Können wir in der Stadt wieder zu einem großen Teil Selbstversorger werden, unabhängiger von einer Lebensmittelindustrie, die uns mit ihren Produkten teilweise vergiftet?» Welche Voraussetzungen müssten dazu gegeben sein oder müssten sich erfüllen? Wie und was braucht es seitens der Politik, der Städteplanung und von jedem Einzelnen dazu, um sich in diese Richtung zu bewegen? 

Helga König: Sie haben für Ihre Homepage eine ganze Reihe interessanter Interviews realisiert. Was vereint all die Gartenenthusiasten miteinander neben der Liebe zum Grün miteinander? 

 René Rothmund
René Rothmund: Die meisten sind von einer inneren Mission beseelt. Von einer Vision oder Utopie, die Welt zu einem besseren Ort zu gestalten. Dafür haben sie teilweise gutbezahlte Jobs aufgegeben, um sich ihrer Herzensangelegenheit zu widmen. Dabei spielt es weniger eine Rolle, ob diese Mission in einem Schrebergarten oder in einem großen Projekt stattfindet.  

Lieber René Rothmund,  ich danke Ihnen herzlich für das aufschlussreiche Gespräch

Ihre Helga König

Homepage von René Rothmund:"Stadtwurzel – Urban Gardening"

Helga König im Gespräch mit der Diplompsychologin Dr. Gabi Pörner

Die Diplompsychologin Dr. Gabi Pörner ist Expertin für Persönlichkeitsentwicklung, Business Coaching und Achtsamkeitstraining, zudem ist sie Autorin sehr bemerkenswerter Bücher (siehe "Buch, Kultur und Lifestyle/Psychologie).

Liebe Gabi Pörner, es freut mich, dass Sie an dem Ethik-Langzeitprojekt "Interviews- Begegnungen mit Menschenfreunden im Netz" des Onlinemagazins "Buch, Kultur und Lifestyle" teilnehmen.

Dazu nun folgende Fragen an Sie:

Helga König: Wie definieren Sie Mitmenschlichkeit?

 Dr. Gabi Pörner
Dr. Gabi Pörner: 
Mitmenschlichkeit ist die Basis für den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Wir Menschen sind Gruppenwesen. Obwohl jeder Mensch anders – eben einmalig – ist, haben wir alle die gleichen Bedürfnisse – wir wollen als Mensch gesehen, ernst genommen und wertschätzend behandelt werden. Das bedeutet für mich, andere Menschen, aber auch mich selbst mit Stärken und Schwächen zu akzeptieren, Fehler zu verzeihen und daraus zu lernen, uns offen auszutauschen und mitfühlend zu handeln.

 Helga König
Helga König: Was bedeutet Ihnen Fairness?

Dr. Gabi Pörner: Für mich ist Fairness ein Teil der Menschlichkeit und bedeutet, auf einer win-win-Basis mit anderen Menschen umzugehen und zusammen zu arbeiten – uns gegenseitig zu unterstützen und zu ermutigen., so dass Geben und Nehmen letztendlich ausgeglichen sind. Das Gegenteil ist – jemand anderen auszunutzen, ihn für die eigenen Zwecke auf Kosten des anderen einzuspannen, um sich selbst zu erhöhen.

Helga König: Wann ist in Ihren Augen ein Mensch ein Menschenfreund (m/w)?

Dr. Gabi Pörner: Wenn ein Mensch den anderen in seiner Einzigartigkeit - mit dessen Bedürfnissen, Werten, Wünschen, Erwartungen, Zielen anerkennt und sich ernsthaft mit ihm beschäftigt. Auf dieser Basis können wir über alle Themen ehrlich miteinander reden, achtsam miteinander umgehen, sind für Feedback dankbar und können voneinander lernen. Sich selbst nicht mit seinen Gedanken und Gefühlen zu identifizieren, sich nicht für den Nabel der Welt halten, klar sein und Humor helfen dabei ungemein!

Helga König: Ist es für einen Psychologen (m/w) Grundbedingung ein Menschenfreund (m/w) zu sein?

 Dr. Gabi Pörner
Dr. Gabi  Pörner: Es ist wünschenswert. Mich interessiert es in meinem Beruf, mit welchen Anliegen Menschen kommen, welche unbewussten hinderlichen Einstellungen und Schutzprogramme hinter dem offensichtlichen Verhalten stecken, wie derjenige erweiternde Alternativen findet, seine Kraftquellen aktivieren und seine Potenziale entfalten kann. Dabei ist für mich wichtig, mich einzufühlen und dennoch bei mir zu bleiben, nicht zu werten und gegebenenfalls Grenzen zu setzen, das eigene Handeln zu reflektieren und immer wieder zu merken, dass wir alle Menschen sind, verletzlich und stark, mit Höhen und Tiefen und täglichen Lernchancen.

 Helga König
Helga König: Wann wird es Zeit- bei aller Zugewandtheit und Geduld- zu seinen Mitmenschen NEIN zu sagen?

Dr. Gabi Pörner: Wenn das Gefühl aufkommt, manipuliert, ausgenutzt und übervorteilt zu werden. Wenn jemand sich übergriffig verhält, ausschließlich über sich selbst redet, dabei den Gesprächspartner nicht wirklich wahrnimmt und dessen Grenzen verletzt. Das ist leichter gesagt als getan, denn viele Menschen haben unbewusst gelernt, es anderen Recht machen zu müssen. Sie sind geschult darauf, was diese brauchen, so dass sie ihre eigenen Bedürfnisse nicht wahrnehmen oder dass sie ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie sich abgrenzen.

Helga König: Wir erleben im Netz nicht nur Mobber und Stalker, über die bereits genügend geredet worden ist, sondern auch Menschen, die sich in die Herzen ihrer potentiellen Opfer hineinbohren, um auf diese Weise mit ihnen ein übles Machtspiel zu spielen. Mit dieser Thematik befassen Sie sich gerade wie Sie mir erzählt haben. Wie ticken diese HerzenbrecherInnen im Netz, woran erkennt man Sie frühzeitig ?

 Dr. Gabi Pörner
Dr. Gabi Pörner: Ich spreche jetzt von #Romance_Scamming – über Liebesbetrug im Internet. Damit habe als Coach Erfahrungen gemacht. Romance Scamming ist ein Millionengeschäft. Den Scammern (Betrügern) geht es dabei nur um eines: um Geld. Dabei nutzen sie gezielt die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Menschen nach Liebe, Verbundenheit und Nähe aus und gehen sie wie folgt vor:

• Sie legen sich Fake-Profile zu und klauen von anderen Menschen Fotos – sehen darauf gut aus, scheinen erfolgreich und arriviert, haben oft ein Kind.
• Sie haben ein schweres Schicksal hinter sich, gaukeln über Wochen hehre Werte wie "Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Nächstenliebe" vor, sprechen sehr bald von “Liebe“ und gemeinsamem Leben.
• Sie wollen von ihren Opfern alles wissen, scheinen liebevoll, verständnisvoll und bieten eine breite Schulter zum Anlehnen. Sie schicken täglich mehrmals Nachrichten – immer ohne persönliche Ansprache und machen sich unentbehrlich.
• Hat das Opfer sich verliebt, kündigen sie einen Besuch an, doch vorher müssen sie beruflich ins Ausland – meist nach Afrika. Dort erleiden sie einen Unfall, müssen ins Krankenhaus oder gar ins Gefängnis. Die Kreditkarten werden gestohlen, sie haben kein Geld und brauchen Geld, immer mehr Geld. 
• Schickt ein Opfer kein Geld mehr, wird es übel beschimpft und die Beziehung abgebrochen.

Helga König: Wie geht es den Opfern? 

Dr. Gabi Pörner: Sie wurden abhängig von der ständigen Zuwendung, wähnten sich kurz vor dem Ziel ihrer Träume und wurden dann zweifach betrogen – finanziell und emotional. Zudem müssen sie die Trennung von einem vermeintlich geliebten Menschen verarbeiten. Alles zusammen kann traumatisierend wirken und ist eine herausfordernde Aufgabe, diese verletzenden Erfahrungen zu verarbeiten und mit der massiven Selbstkritik, der Scham, aber auch der Wut auf sich selbst und die Betrüger umzugehen. Sie haben dann auch die Chance, aus der Vergangenheit zu lernen, können sich stabilisieren, sich besser verstehen, sich mitfühlend und fürsorglich zur Seite stehen, Selbstvertrauen, aber auch neue Perspektiven gewinnen und ihr Leben achtsam gestalten. 

 Helga König
Helga König: Welche Erfahrung haben Sie selbst auf Facebook mit #Romance_Scammern gemacht? 

Dr. Gabi Pörner: Ich habe einmal über ein paar Wochen mit einem korrespondiert. Mich hat gewundert, wieso er nach mir ständig Komplimente machte und mich schon nach drei Mails anscheinend vermisste. Er sprach mich nie mit meinem Namen an, sondern immer mit "honey". Mir fielen dann kleine Widersprüche auf, schließlich kam mir alles sehr merkwürdig vor, so dass ich den Kontakt abbrach.

Helga König: Achtsamkeit im Umgang mit neuen Followern bzw. Facebookfreunden, wie könnte die aussehen? 

 Dr. Gabi Pörner
Dr. Gabi Pörner:
• Schauen Sie sich das Foto genau an. 
• Achten Sie darauf, ob derjenige Freunde hat und wie lange er schon auf Facebook ist. 
• Ist er mit einigen von Ihren Freunden verbunden? 
• Fragen Sie, wie er auf Sie gekommen ist?
• Bitten Sie um immer neue Fotos (da es Fake-Profile sind, sind auch nur eine beschränkte Anzahl von Fotos vorhanden. Sie passen dann oft nicht zu den von ihm genannten Örtlichkeiten) 
• Wenn verschiedene Punkte, die unter 6. zusammenkommen – brechen Sie sofort den Kontakt ab.

Helga König: Der Aphoristiker #Karl_Feldkamp postete dieser Tage: "Von manchem Facebook-Foto lächelt eine mühsam erhoffte Dauer(-selbst-)verliebtheit." Wie viel persönliches Bildmaterial ist nach Ihrer Meinung Facebookfreunden zumutbar? 

Dr. Gabi Pörner: Facebook und Co. bieten natürlich die Möglichkeit, sich wundervoll mit seinen eigenen Größen- und Idealvorstellungen zu inszenieren und sich selbst mit einer App zu perfektionieren - sich faltenfrei, mit großen Augen, dicken Lippen und superschlank zu präsentieren. Jeder hat auf der Basis von Selbstverantwortung und Wahlfreiheit und die Chance, das zu zeigen, was er für richtig hält – und hat dann mit den jeweiligen Konsequenzen zu leben.

Helga König: Halten Sie Vertrauen im Netz für naiv, würden Sie generell davor warnen? 

Dr. Gabi Pörner:  Vertrauen entsteht nicht von einem Post zum nächsten, sondern kann im Lauf von Monaten durch das Lesen der Nachrichten, den Austausch und Live-Treffen wachsen. 100%ige Garantien gibt es nicht. Aber bei uns hat es doch auch geklappt oder nicht?

Ja, das hat es, liebe Gabi und das beweist, es kann klappen, wenn man offen aufeinander zugeht.

Herzlichen Dank für das aufschlussreiche Interview und die vielen hilfreichen Tipps für die LeserInnen  von "Buch, Kultur und Lifestyle".

Helga König

Anbei die Website von Dr. Gabi Pörner:http://www.tim-training.de/profil_poerner.html

Helga König im Gespräch mit dem Theologen Michael Becker

Michael Becker ist Theologe. Er war 25 Jahre lang Gemeindepfarrer zuerst in Marburg, später an der Bischofskirche St. Martin in Kassel. Die folgenden 15 Jahre bis zum Ruhestand 2013 war er Rundfunkpfarrer beim Hessischen Rundfunk.

Lieber Michael Becker, es freut mich, dass Sie an dem Ethik-Langzeitprojekt "Interviews- Begegnungen mit Menschenfreunden im Netz" des Onlinemagazins "Buch, Kultur und Lifestyle" teilnehmen. Dazu nun folgende Fragen an Sie:

Helga König: Wann verhält sich nach Ihrer Ansicht ein Mensch mitmenschlich?

 Michael Becker
Foto: Anja Köhne
Michael Becker:  Menschlichkeit äußert sich im Mitfühlen wollen. Mitfühlen ist nicht Billigen. Es ist das Wissen darum, dass andere Menschen sind wie ich. Sie sind nicht schlechter, sondern anders. Nur auf diesem Grund darf ich ein Urteil über Handlungen wagen.

Helga König: Welchen Stellenwert hat für Sie Ethik im Hier und Heute?

Michael Becker: Ethik ist zu allen Zeiten der Versuch, das gemeinsame Leben von Menschen in Liebe und Rücksicht aufeinander zu gestalten

Helga König
Helga König: "Hinter mancher Heiterkeit wohnt viel Verzweiflung", haben Sie am 29. März getwittert. Woran kann man diese als Beobachter erkennen und was empfehlen Sie uns zu tun, ohne aufdringlich zu wirken, wenn wir besagte Verzweiflung bei einem Gegenüber wahrnehmen? 

Michael Becker:  Ich meine, Verzweiflung an einer übertriebenen Heiterkeit zu erkennen. Ich kann wenig dagegen tun; nur zuhören. Mitunter spürt der angebliche Heitere bei Rückfragen, dass er viel Traurigkeit überdeckt. 

Helga König: "Ich kenne Menschen, die brauchen andere aus nur einem Grund: Damit diese sie bewundern. Andere sind immer nur Publikum, das diesen Menschen auf der Bühne zu applaudieren hat." Diesen Tweet haben Sie am 27.3. gepostet. Wie gehen Sie mit solchen Narzissten um, ohne Sie zu verletzten? 

  Michael Becker
Foto: Anja Köhne
Michael Becker:  Manchmal mit einer gewissen Ironie. Manchmal gehe ich ihnen aus dem Weg. Gelegentlich weise ich sie vorsichtig darauf hin, dass sie ihre Geltung übertreiben. 

Helga König: "Man sollte nie unterschätzen, wie viel persönlicher Neid sich in sachlicher Kritik verbergen kann", schreiben Sie am 25.3. Wie geht ein Menschenfreund mit versteckten Neidattacken um? 

Michael Becker:  Die kann man nur zu erkennen versuchen durch Gespräche mit anderen – und dann auszuhalten versuchen. Nach einer gewissen Zeit laufen sie dann womöglich ins Leere, mit Hilfe von anderen.

Helga König: "Liebenswert sind Menschen, die, innerlich wie äußerlich, niemals nur so tun, als ob", ist ein weiterer Ihrer Gedanken. Was steckt in der Regel hinter Verschleierungstaktiken tatsächlicher Motive? 

Michael Becker:  Meistens Unsicherheit. Oft eine gewisse Unkenntnis, wer man wirklich ist. Manchmal ein Hang, mehr sein zu wollen, als man ist. 

 Helga König
Helga König: Sie schreiben: "Der Mensch, der zu Dir hält, nicht zu Deinen Taten, sondern zu Dir, weil jeder ja mehr ist als seine Taten, dieser Mensch ist kostbar; und selten." Weshalb sind solche Menschen so selten zu finden, weshalb ist allerorten Persönlichkeitsmangel fast der Normalzustand?

Michael Becker:  Menschen haben oft viel Sorge davor, sich zu erkennen – und erkannt zu werden. Viele wissen nicht, was da wohl herauskommt. Außerdem hält man gerne zu den Stärkeren. Es braucht besondere Kräfte und Selbstwert, zu Menschen zu stehen, die einen Fehler gemacht haben oder gar schwere Schuld auf sich geladen haben.

Helga König: "Aus Gründen der Menschlichkeit ist es nicht erlaubt, den Schmerz eines anderen kleinzureden, nur weil man selber den Schmerz nicht hat.". Können Sie diesen, Ihren Gedanken näher ausführen?

  Michael Becker
Foto: Anja Köhne
Michael Becker:  Im Kleinreden liegt oft ein gewisser Hochmut, der sich in Gedanken äußert wie: ‚Das könnte mir nicht passieren!‘ Doch, kann es. Vielleicht nicht deckungsgleich, aber ähnlich. Der Schmerz eines anderen ist immer wirklich. Ihm begegne ich nicht hochmütig, sondern in Demut und Dankbarkeit, verschont zu sein.

Helga König "Wer Leid aus dem Weg geht, weil er Angst hat, wird nicht ruhiger, sondern vermehrt seine Angst." Was können Menschen tun, um Ihren Ängsten ins Gesicht zu schauen? 
  
Michael Becker: Die größte Hilfe ist wohl das kritische Gespräch mit einem Menschen, der mir auch liebevoll meine Ausflüchte nimmt. Und von dem ich weiß, dass er mich nicht verurteilt. 

 Helga König
Helga König: "Ich wünschte, ich könnte jedem, der mir begegnet, ein wenig Hoffnung geben", haben Sie Ihren Lesern auf Twitter kürzlich mitgeteilt. Was bedeutet Ihnen Hoffnung und weshalb möchten Sie diese gerne an alle, die Ihnen begegnen verschenken?

Michael Becker: Ich habe neulich gedacht, ich wäre gerne von Beruf Hoffnungsentdecker. Ich könnte in einer Hütte auf einem belebten Platz sitzen und Menschen einladen: "Kommt, wir entdecken zusammen die Hoffnung!" Ich möchte Hoffnung entdecken, weil sie Sinn verspricht – auch in dem, was gegen meinen Willen geschieht und mir Schmerzen macht. Persönlich glaube ich, dass jeder Menschen fähig ist, in seinem Leben Sinn zu erkennen; auch wenn man sich das Leben einmal ganz anders vorgestellt hatte.

Lieber Michael Becker, ich danke Ihnen herzlich für das aufschlussreiche Gespräch.

Ihre Helga König

Helga König im Gespräch mit Uwe Prink, Rock- und Bluessänger, Autor, Diplomsozialökonom und Sozialwirt

Der Diplomsozialökonom und Sozialwirt Uwe Prink arbeitet als freiberuflicher Coach und Dozent. Seine musischen Begabungen lebt er seit 40 Jahren als Rock- und Bluessänger auf den Bühnen Nordeutschlands aus. Er veröffentlichte zwei Romane und schreibt an seinem dritten Werk.

Lieber Uwe Prink, es freut mich, dass Sie an dem Ethik-Langzeitprojekt "Interviews- Begegnungen mit Menschenfreunden im Netz" des Onlinemagazins "Buch, Kultur und Lifestyle" teilnehmen. 

Dazu nun folgende Fragen an Sie:

Helga König: Wie definieren Sie Mitmenschlichkeit?

 Uwe Prink
Foto: Melanie Jost
Uwe Prink: Natürlich fällt mir bei dem Thema schnell der kategorische Imperativ von Kant ein. In der Kurzform "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." Das wäre eine gute Richtschnur für ein produktives Zusammenleben von Menschengruppen. Aber Mitmenschlichkeit berührt noch tiefere Schichten, die in emphatische Räume führen. Kann ich meinen Nächsten mit seinen Fehlern akzeptieren? Kann ich mir vorstellen, warum er diese Fehler macht, auch wenn es schwere Fehler sind? Wenn man das ins soziale Verhalten gegenüber anderen mit einbezieht und Verständnis dafür haben kann, weil man die Lage oder die psychische Verfasstheit anderer nachvollziehen kann, kommt man der Mitmenschlichkeit näher. Mitmenschlichkeit hat etwas mit der eigenen inneren Verfassung und der jeweiligen Situation zu tun. Wenn man die anderen Menschen als Mitgeschöpfe auf diesem Planeten wahrnimmt, die alle die gleiche Wertigkeit als Mensch haben, fällt mitmenschliches Handeln leichter. Wenn man allerdings selbst gerade in einer Stresssituation steckt und sich dann in Zuschreibungen der jeweiligen Gruppe, aus der andere Menschen stammen, verstrickt, kann man auch mit guter innerer Haltung unmenschlich handeln. Ur-teile trennen. Der Begriff "Definition" klingt für mich bei diesem Thema ein bisschen technisch. Mitmenschliches Handeln beinhaltet die Liebe zum Menschen, Empathie und Verständnis. Ein hehres Ziel, dem ich nicht immer gerecht werde.

 Helga König
Helga König: Was bedeutet Ihnen Fairness?

Uwe Prink: Fairness hängt mit der oben behandelten Mitmenschlichkeit zusammen. Was denke ich über die prinzipielle Gleichberechtigung meiner Mitmenschen? Mit innerlicher Menschenzugewandheit erwerbe ich einen Sinn für Gerechtigkeit, der nirgends verfasst sein muss als im eigenen Inneren. Wenn mir jemand kontrovers gegenüber tritt, sei es persönlich als Mensch oder in sozialen Netzwerken, ist es fair, wenn ich ihn respektvoll behandele, auch wenn er eine andere Meinung hat. Im persönlichen Gespräch ist das einfacher, weil die Körpersprache und der Situationszusammenhang präsent sind. Ich verhalte mich kultiviert und mit mehr Respekt gegenüber anderen, weil ich in der Situation ganz anwesend bin. Es ist mir schon passiert, dass ich in sozialen Netzwerken nahe an der Beleidigung argumentierte, aber nie ausfallend wurde. Als Legitimation nannte ich es die elegante Beleidigung ohne Fäkalsprache, die aber damit noch treffender sein kann, wenn sie kultiviert und gezielt ausgedrückt wird. Es ist für mich auch besser, nicht mit schlechter Laune z. B. zu twittern, weil dann die Emotion die Wortwahl beeinflusst. Ich versuche mich zu bessern, was mir aber angesichts der absurden Entscheidungen unserer Spitzenmanager und der Spitzenpolitiker manchmal schwer fällt, denn in mir schlummert eine streitbare Natur, die sich allerdings durch meine Hinwendung zu spirituellen Themen zunehmend abschwächt. 

Helga König: Sie haben getwittert: "Seit geraumer Zeit sind kulturelle Nivellierer dabei, alles in einer gleichmachenden Gülle zu versenken. Jetzt hat sich eine kleine Gruppe, eine Art Sprachpolizei, daran gemacht, auch noch die Sprache zu nivellieren. Sprache verändert sich durch Entwicklung, nicht durch Diktat." Welche Probleme ergeben sich für Sie dadurch als Sänger und Autor und sehen Sie in besagtem Sprachdiktat einen Akt mangelnder Menschenfreundlichkeit?

 Uwe Prink
Foto: Melanie Jost
Uwe Prink: Sie berühren eines meiner Lieblingsthemen und ich kann nur versuchen, mich so kurz wie möglich zu fassen. Wenn sie heute den Fernseher einschalten sehen sie Brot und Spiele wie immer. Fußball, anderer Sport, Olympia und Quiz-, Rate- und Spielshows. Und, ich nenne es die Krimiseuche. Sie hat immer mehr die Programme befallen. Die Veränderung beim Sport ist eine damit einhergehende überdrehte Gelddruckmaschine, der der sportliche Aspekt abgeht. Die Quiz- und Rateshows beschäftigen sich mit Trivial Pursuit-Wissen, das mit Allgemeinwissen der humanistisch geprägten Art nicht mehr viel gemein hat. Unnützer Ballast fürs Hirn. Die Nachrichtensendungen, auch die öffentlich-rechtlichen, nivellieren durch Framing. Früher gabs dafür einmal den Begriff "Tatort Wort". Wenn ein Staat in das westlich geprägte Raster passt, wird er von einem Präsidenten oder von einem Staatschef geführt. Passt das Regime nicht in das Raster, ist von einem Machthaber die Rede. Es handelt sich um Schubladennachrichten, gleichgeschaltet, die immer mehr den Public-Relations-Charakter annehmen. Zum Thema Polittalkshows kann ich nur ein Zitat von Noam Chomsky erwähnen, das alles erklärt: "Der schlaueste Weg, Menschen passiv und folgsam zu halten, ist, das Spektrum akzeptierter Meinungen strikt zu limitieren, aber innerhalb dieses Spektrums sehr lebhafte Debatten zu erlauben." Und last but not least die Krimis. Z. B. die Tatorte zur besten Sendezeit. Die Handlung wird immer unwichtiger und es herrscht ein Übermaß an Gewaltdarstellungen vor. Und das zieht sich durch die ganze Spielfilmlandschaft. Wie kann man eine Verherrlichung von Gewalt "Unterhaltung" nennen? Ich nenne das Irrsinn. Nun zur Sprachpolizei. Der Dichter Reiner Kunze schreibt: "Sprachgenderismus ist eine aggressive Ideologie." (Passauer Neue Presse, 09.06.2018) Ich würde ihn nicht als aggressiv einstufen, aber ideologischen Charakter hat er schon. Recht hat er, wenn er schreibt "Die Sexualisierung der Sprache durch die Diskreditierung geschlechtsübergreifender Wortbedeutungen hat eine eklatante Verarmung und Bürokratisierung der Sprache, die Denunzierung aller Sprechenden, die sich dagegen verwahren, und eine Einschränkung der Freiheit des Denkens zur Folge." (ebnd.) Im selben Artikel zitiert er: "Man schreibe nie, was man nicht sprechen kann, oder was zu einer Verkrüppelung der gesprochenen Sprache führt (Professx, Stud_entin, Trans*autoren, Akteu-re/innen [gendergerechte Schreibweisen nach Prof. Dr. phil Lann Hornscheidt, geb. Antje Hornscheidt, Humboldt-Universität Berlin]).“ Als Sänger habe ich heute keine Probleme damit, weil ich meist Blues und Balladen in englischer Sprache singe. Als Autor würde ich mich diesem Sprachdiktat nicht beugen, weil durch die Verarmung und Bürokratisierung der Sprache die Poesie zerstört wird. Ich sehe es nicht als einen Akt mangelnder Menschenfreundlichkeit an, sondern als einen Akt undurchdachter, ideologischer Ni-vellierung.

 Helga König
Helga König: Sie haben retweetet: "Es gibt rund 6500 Sprachen auf der Welt. Wissenschaftler befürchten, dass bis zum Jahr 2200 die Sprachvielfalt auf 100 Sprachen geschrumpft sein wird." Worin könnte der Vorteil der babylonischen Sprachentwirrung durch Schrumpfung liegen oder gibt es am Ende gar keinen Vorteil?

Uwe Prink: In einigen Fällen ist es vonnöten, global zu denken und wenn möglich auch zu handeln. Das beste Beispiel dafür ist der Klimawandel. Das ist, und anderes mehr, nur global zu lösen und wichtig für das Überleben der Menschheit. Eine Schrumpfung der Sprachen hat allerdings kulturell gesehen keinen Vorteil. Für die Wissenschaft, die Wirtschaft und die Politik kann es ein Vorteil sein, wenn z. B. in der englischen Sprache kommuniziert wird. Aber kulturell betrachtet stellt die Schrumpfung eine Verarmung dar. Wenn eine Sprache ausstirbt, dann verschwindet damit für diejenigen, die sie sprachen, ein Stück ihrer Kultur. Die feinen Nuancen verschwinden manchmal bei Übersetzungen und damit auch das spezifische Element des Denkens und Fühlens der Menschen, die sie sprachen. Obwohl nach neueren Erkenntnissen die Schotten mehr Wörter für Schnee haben als die Inuit, nehme ich sie lieber als Beispiel, weil eher diese Sprache als das schottische Englisch verschwindet. Ich möchte wissen, wie ca. 400 Wörter für Schnee ins Arabische übersetzt werden. Auch das Verständnis der Wissenschaft, die alte Kulturen untersuchen soll, um das Wissen über sie für die Nachwelt zu erhalten, würde darunter zu leiden haben. Fazit für mich: Kein Vorteil. 

Helga König: Sie schreiben auf Twitter: "Jeder Mensch trägt das kollektive Gedächtnis der Gewalt in sich, die sich die Menschen gegenseitig in den letzten Jhrtsd. angetan haben. E. Tolle nennt das d. Schmerzkörper. Dieser wird tägl. vermehrt, wie man in den Medien sehen kann. Man muss dem d. Resonanzfläche entziehen.“ Was empfiehlt der Menschenfreund als Alternative?“ 

 Uwe Prink
Foto: Melanie Jost
Uwe Prink: Danke für das Kompliment. Es ist zu hoch gegriffen. Wenn schon bemühe ich mich dahin auf dem Wege zu sein. Seit ich mich mit spirituellen Themen näher beschäftige, hat mich diese Erkenntnis von E. Tolle besonders beeindruckt. Ist es doch eine Erklärung dafür, was dort draußen in der Welt des Irrsinns vor sich geht. Die Gewalt scheint wieder einen Kulminationspunkt zu erreichen. Wie oben schon erwähnt, nimmt die Gewalt wieder zu. Sei es in der realen Welt der Kriege und Konflikte oder ebenso in den Medien als Darstellung. Was ich empfehle, habe ich im tweet schon benannt. "Die Resonanzfläche entziehen" bedeutet, dem eigenen Inneren, dem Denken und der Seele keinen Raum für diese Gewalt geben. Früher habe ich das gemacht, mich aufgeregt und die Gewalt angeprangert, wo ich nur konnte. Aber das vergrößert den eigenen Schmerzkörper und damit das eigene Leid, das man dann wieder in die Welt projiziert. So schaukelt sich das ganze hoch. Da ich ein politischer Mensch bin, habe ich mir angewöhnt die Realität zwar anzuschauen, um zu wissen was in der Welt vor sich geht, aber es nicht mehr zu verinnerlichen. Das fällt mir leichter, seitdem ich mich mit Spiritualität befasse, weil es dadurch klarer wird, woher diese Gewalt kommt. Wichtig ist es auch, Ereignisse nicht zu vorschnell einzuschätzen, zu urteilen. Die Urteilung führt zur Spaltung und damit zu mehr Gewalt. 

 Helga König
Helga König: Auch dies ist ein Tweet von Ihnen: "Jeder Mensch glaubt - an das Absolute. Der Monotheist glaubt an den einzigen, absoluten Gott. Der Atheist/Materialist glaubt an die absolute Materie. Der Theist glaubt an das absolute Bewusstsein (Gott). Wichtig ist, dass man an das glaubt, was einem gut tut.“ Toleranz in Glaubensangelegenheiten: Wie könnte man diese weltweit auf den Weg bringen? 

Uwe Prink: Das ist wohl die schwierigste Frage überhaupt. Das Glaubensspektrum auf diesem Planeten ist so breit gefächert und die Gesellschaften sind soziologisch auf verschiedenen Zivilisationsstufen. Ein Anhänger einer Naturreligion kann einen Monotheisten ebenso wenig verstehen wie ein Polytheist. Da der Kern aller Religionen, nämlich der Friede auf Erden, von den Regierenden für Herrschaftszwecke ausgelegt, also instrumentalisiert wird, und dadurch die Menschen mithilfe der Religionen aufeinander gehetzt werden, kann man die Toleranz nicht weltweit auf den Weg bringen. Das einzige was ich als Einzelner machen kann ist, zu versuchen ein gottzugewandtes Leben zu führen und das auf meine Umwelt auszustrahlen. Man soll das allerdings nicht mit Mission verwechseln. Ich glaube an den Urgrund des Bewusstseins, des Allgeistes, man kann auch Gott sagen, der individuell, also unteilbar, absolut, im Sinne von unabhängig und zielgerichtet ist. Ohne Bewusstsein gibt es nichts. Es formiert und informiert die Energie zu den materiellen Formen, vom Kosmos bis ins kleinste Teilchen. Gottzugewandt bedeutet für mich, der natürlichen kosmischen Ordnung gemäß zu leben und in der Polarität hin- und herzuschwingen, ohne sie zu verlassen. Alle anderen sollen glauben und denken, was sie wollen und was ihnen gut tut. Denn wenn es ihnen wahrhaftig innerlich gut tut, werden sie auch nicht aggressiv gegenüber anderen sein.

Helga König: Retweetet haben Sie: "Wenn Menschen, die zum bloßen Vergnügen in weit entfernte Länder fliegen, von anderen, die sich das nicht leisten können, verlangen, nicht mehr mit ihrem "alten Diesel" zur Arbeit zu fahren, haben wir v.a. eines: ein soziales Problem. Und das birgt gesellschaftl. "Sprengstoff". Der Klimawandel macht erforderlich, dass alle an einem Strang in die gleiche Rich-tung ziehen. Wie ist dies nach Ihrer Meinung zu bewerkstelligen, ohne Maßnahmen zur Veränderung politisch diktiert zu bekommen? 

 Uwe Prink
Foto: Melanie Jost
Uwe Prink: Bewusstsein hat mit Bildung zu tun. Und wenn man nicht politisch diktieren möchte, müssen die Menschen für praktische Veränderungen ein Bewusstsein für die Umwelt entwickeln. Ein Bewusstsein zu entwickeln hat aber etwas damit zu tun, ob man sich dieses Bewusstsein auch leisten kann. Und da sind wir bei der sozialen Frage. Und die hat etwas mit Bildung zu tun. Ohne Politik in Richtung zu mehr Chancengleichheit, sozialem Ausgleich, sozialer Teilhabe und damit zu mehr Bildung, erreichen wir nicht viel in Richtung Klimawandel. Die Volksparteien sind im Ideal dazu da, der Gesellschaft aller ihrer Mitglieder zu dienen. Zumindest geben sie das vollmundig vor. Aber das ist heute nicht der Fall. Die neoliberale Wirtschaftspolitik hält sich immer noch im Märchenland des ewigen Wachstums auf und schafft damit das Gegenteil vom Klimawandel. Wie soll man den Menschen klar machen, das sie ihren ökologischen Fußabdruck verkleinern sollen, wenn die Wirtschaft statt auf Nachhaltigkeit zu setzen, alles, gedeckt von der Regierung, tun darf, was diese perverse Wachstumslogik fördert. Und damit habe ich nur von Deutschland gesprochen. Man kann den Indern und den Chinesen nicht verbieten, genau so einen Lebensstandard wie wir ihn haben, anzustreben. Und wir alle haben Afrika seit Jahrzehnten vergessen. Erst durch die Flüchtlingswellen wurden wir daran erinnert, das es dort unten noch einen riesigen, bevölkerungsreichen Erdteil gibt. In meinen Augen sind solche Veranstaltungen wie der UN-Klimagipfel Placebos. Allein das die größte Volkswirtschaft der Welt salopp ausgedrückt sagt: "Is’ uns doch egal!" Die Jugend dieser Welt ist nicht umsonst auf den Straßen. Sie fürchtet um ihre Zukunft und hat noch die Ideale, die die Gierhälse in den Vorstandsetagen, die Lobbyisten und die Spitzenpolitiker längst hinter sich gelassen haben. Sie handeln nach dem Motto: Nach uns die Sintflut. Für diese Frage habe ich keine Vorschläge, geschweige denn Antworten. 

 Helga König
Helga König: Sie haben getwittert:"Wir sind ewig, wir sind bewusst und wir haben einen freien Willen." Wie kann ein bewusster Mensch, feindlich und niederträchtig gegenüber seinen Mitmenschen handeln, wo er doch weiß, dass wir alle aufeinander angewiesen sind? 

Uwe Prink: Das Urbewusstsein, das Allganze oder eben Gott, aus dem alles, was existiert, emanierte, ist ewig, ist bewusst und hat einen freien Willen. Wir sind Teile dessen mit den gleichen Eigenschaften. Wie die Strahlen mit der Sonne verbunden sind, so sind wir aus dem Vordergrund der relativen, abhängigen Welt mit dem Hintergrund der absoluten, unabhängigen Welt verbunden. Menschen die niederträchtig und feindlich handeln, haben sich von dem natürlichen Bewusstsein abgewandt. Religiös ausgedrückt könnte man sagen: "Sie sind gottlos." Sie verstecken ihr negatives Handeln hinter falschen Ideologien, um es zu legitimieren. Begriffe fallen wie: "gut und böse" sind relative Kategorien, eben menschengemacht. Diese Erfahrungen gehören zum menschlichen Dasein. Wir müssen vernünftig handeln. Und wenn ein Krieg einen größeren Krieg verhindern kann, ist er alternativlos.“ In der Wirtschaftskrise heißt es "too big to fail" und legitimiert durch die neoliberale Wirtschaftsideologie, werden die Verluste nach finanziellen Desastern (2008) sozialisiert. Der Steuerzahler muss dafür aufkommen, weil wir alle sonst untergehen. Aber Gewinne werden andererseits privatisiert. Leute, die so handeln haben alles andere im Sinn, aber nicht das wir alle aufeinander angewiesen sind. Elitäre Erziehung setzt nicht auf Zusammenhalt, sondern auf Abgrenzung. Der Charme am Glauben an den freien Willen liegt darin, dass jeder sich in jeder Situation dafür entscheiden muss, ob er gottzugewandt oder gottabgewandt verhält. Damit haben wir alle Verantwortung, die wir nicht, wie in anderen Glaubenskonstrukten oder Ideologien, an andere delegieren, abgeben können. Nein, WIR sind verantwortlich für unser Denken und vor allem dem daraus resultierenden Handeln. 

Helga König: Eckart Tolle schreibt: "Die Verschmutzung des Planeten ist nur die Spiegelung im Außen von einer psychischen Verschmutzung im Inneren, ein Spiegel für die Millionen von unbewussten Menschen, die keine Verantwortung für ihren inneren Raum übernehmen." Wie sehen Sie dies? 

 Uwe Prink
Foto: Melanie Jost
Uwe Prink: Mit der Beantwortung dieser Frage verweise ich auf die Antwort zu Frage Nr. 8. Auch Frage Nr. 7 beantwortet in Teilen dieses Thema. Die Schlüsselbegriffe dazu sind Macht, Chancengleichheit und Bildung. Millionen von Menschen wird die Verantwortung für ihren inneren Raum aus Machtinteressen durch falsche Religionsauslegungen und Ideologien abgenommen. Und Millionen von Menschen wissen nicht einmal, dass es in ihnen einen inneren Raum gibt. Der Planet ist ebenso ein Organismus der vernetzten Welt wie auch die Lebewesen, die ihn bevölkern. Und wenn der Schmutz überhand nimmt, dann lässt er sich das nicht länger bieten. Das mögen auch diejenigen, die über Bildung verfügen und denen es gut geht, nicht gern wissen, weil es unbequem ist. 

 Helga König
Helga König: Friedrich Nietzsche soll gesagt haben: "Wer sich tief weiß, bemüht sich um Klarheit; wer der Menge tief scheinen möchte, bemüht sich um Dunkelheit." Was meinen Sie dazu? 

Uwe Prink:  Ich erweitere das Zitat um diesen Satz: . . . "Denn die Menge hält Alles für tief, dessen Grund sie nicht sehen kann: sie ist so furchtsam und geht so ungern in's Wasser." Ich würde es folgendermaßen auslegen: Wer redlich bemüht in sein Inneres schaut und dort eine Erklärung für sein Dasein findet, unabhängig von jeglichen falschen Lehren, der hat es nicht nötig, der Menge tief zu scheinen. Er ist nicht auf diesen Zuspruch angewiesen, weil ihm klar ist, dass das nur eitel ist. Derjenige, der die Menge verführen möchte, der sie in irgendetwas, was ihm von Nutzen ist, hineinmanipulieren möchte, bemüht sich um Dunkelheit, damit die Lüge nicht sichtbar wird. Nietzsche sprach vom Übermenschen, den ich als Bindeglied zum göttlichen Bewusstsein sehe und nicht, wie in der falschen Auslegung als Herrscher über andere, weil er "über" ihnen steht. Der Übermensch möchte weder über andere herrschen noch beherrscht werden. Er braucht diese Bestätigung nicht mehr, weil er schon einen Schritt weiter ist, nämlich einen Bewusstseinsschritt. Die Furchtsamkeit der Menge hat mit Angst zu tun. Angst gehört zum menschlichen Dasein. Die Meisten fürchten den Blick ins Innere, weil sie Angst davor haben, was da zum Vorschein kommt. Es ist die Angst vor dem Unbekannten, vor möglichen "Leichen im Keller". Die lassen sie lieber schlummern. Diese Leute sind dann leichte Opfer für Bauernfänger mit falschen Lehren.

Lieber Uwe Prink, ich  danke Ihnen ganz herzlich für das aufschlussreiche Gespräch.

Ihre Helga König

Anbei der Link zur Homepage von Uwe Prink:http://www.uwe-prink.de/

Helga König im Gespräch mit Prof. Rahman Jamal, Business and Technology Fellow

Lieber Prof. Rahman Jamal, Sie sind in Burma geboren, in Paderborn aufgewachsen, haben dort auch Elektrotechnik studiert und leben nun in M...