Helga König im Gespräch mit Bhajan Noam, Buchautor, Dozent, Atempädagoge und Prana-Yogalehrer

Bhajan Noam ist als Dozent, Atemtherapeut und Atempädagoge (BEAM-Mitglied), Prana-Yogalehrer, Spiritueller Heiler (DGH-Mitglied), Buchautor von aktuell 17 Büchern und Kolumnist für das Magazin YOGA Aktuell tätig. Mit 18 Jahren begann sein Yoga-Weg; Wehrdienstverweigerung; Studium an der Kunsthochschule; anthroposophisches Studium am Humboldtkolleg. Fünfjähriges Studium zum Atemtherapeuten und Atempädagogen am Prof. Ilse Middendorf Institut. Weiterbildungen in Fußreflexzonen-Therapie bei Hanne-Marquardt, Klangtherapie bei Peter Hess, Ernährungslehre an der Reformhaus-Fachakademie, Heilerseminare bei mehreren Lehrern. Er ist Schüler des indischen Meisters Osho und von Byron Katie (The Work). Seit 35 Jahren arbeitet Bhajan Noam als Dozent und Therapeut.

Lieber Bhajan Noam, im Netz lernt man Sie als einen feinsinnigen Menschenfreund kennen und genau deshalb möchte ich heute 10 Fragen auf dem Blog "Interviews - Begegnungen mit Menschenfreunden im Netz" im Onlinemagazin "Buch, Kultur und Lifestyle" an Sie richten.

Helga König:  Ist Mitmenschlichkeit der Motor für all die Aktivitäten, die Ihr Berufsleben ausmachen? 

Bhajan Noam
(aus seinem Bestand)
Bhajan Noam:
Meine Antworten werden manchmal etwas anders ausfallen als vielleicht erwartet. Ich habe zum Beispiel kein Berufsleben. Ich habe EIN LEBEN. Das war seit Beginn meines Erwachsenenlebens schon immer so. Ich habe noch nie einen gebuchten Urlaub gemacht. Ich habe manchmal viele Jahre überhaupt keinen Urlaub gemacht. Ich unterscheide nicht zwischen sog. Arbeit und sog. Freizeit oder Urlaub. Ich lebe mein Leben. Und in diesem Leben ist Mitmenschlichkeit das Normale, egal wie die Tätigkeit aussieht. 

Ein Straßenfeger macht es für seine Mitmenschen, ein Bäcker, ein Koch, eine Friseuse, ein Schuster, ein Schreiner, ein Töpfer, ein Musiker … Wo der Geschäftsgedanke im Vordergrund ist, stimmt etwas nicht, stimmt auch die Ware oder Dienstleistung nicht. An erster Stelle muss der Mitmensch stehen. Nicht anders ist es beim Dozenten und Therapeuten. 

Alles sollte der Gesundheit dienen, der Gesundheit des Einzelnen Menschen, wie auch dem Heilsein der Gesellschaft insgesamt. Eine saubere Straße, ein wohlschmeckendes Brot, ein mit Liebe gekochtes Gericht usw., es dient alles dem gleichen Zweck: dem gesunden Menschen, der heilen Gesellschaft. Und eigentlich ist der Lehrer und Therapeut erst dann notwendig, wenn alles andere schon nicht mehr so ganz stimmt. Und so ist es ja. Als bei mir irgendwann eine Berufswahl anstand, blieb mir keine große Auswahl. Ich sah sehr klar, in der Ausübung der allermeisten sog. Berufe in der heutigen Welt vergiften oder vera….en wir unsere Mitmenschen. Das ist nicht übertrieben. Schau etwas tiefer. - Ich hatte schon in der Schule den Beinamen "Weltverbesserer". Und das war keineswegs wohlwollend gemeint, zwar auch nicht gerade verachtend, zumindest aber wurde ich belächelt für meine Haltung und was ich so äußerte. Zum Glück nicht von allen. Ich hatte auch Freunde, die irgendwo ähnlich dachten.

Helga König
Helga König:
Ist Fairness im Leben für Sie essentiell und wenn ja weshalb? 

Bhajan Noam: Ich glaube Fairness trifft es nicht ganz. Für mich jedenfalls nicht. Da besteht noch eine Distanz. Mitmenschlichkeit trifft es besser. Osho hatte noch einen tiefergehenden Begriff: Freundlichkeit. Freundlichkeit ist die höchste Gesinnung, noch über Freundschaft und Liebe. Sie ist etwas Grundlegendes, sie ist das, was einen wahrhaftigen Menschen erst ausmacht und was alles weitere schon beinhaltet. Und das ist naturgegeben essentiell, wenn wir nicht in Streit oder gar in Kriege fallen wollen.

Helga König: Ist die Liebe entscheidend für einen Menschen, der sich der Friedfertigkeit verpflichtet fühlt und falls ja weshalb? 

Bhajan Noam: Wo keine Menschenliebe herrscht, existiert keine Friedfertigkeit. Und umgekehrt ist es dasselbe. Wenn Liebe keine Friedfertigkeit beinhaltet, wie kann sie sich dann Liebe nennen? Nur darf man Friedfertigkeit nicht mit Untätigsein oder Naivität verwechseln. Auch der Friedfertige kämpft einen Kampf. Er streitet für den Frieden. Er fordert und fordert heraus. Sei es einfach nur durch sein bloßes Sein und Auftreten. Frieden ist kein Geschenk, er will errungen werden, zunächst erstmal bei jedem in sich selbst. Das ist keine kleine Aufgabe. Sie fordert unsere Bewusstheit in jedem Moment. Und dann kommt der Lehrer ins Spiel. Haben wir etwas in uns erkannt und verwirklicht, ist das erst der Anfang. Auch ein Buddha hat sich nicht ins Nirvana zurückgezogen. Seine heilige Aufgabe war es, wieder in die Niederungen zu den Menschen zurückzukehren und sie zu lehren, was er in sich gemeistert hat. Aus der Liebe heraus, aus dem Herzen heraus lehren wir den in uns als einzige menschliche Seinsweise erkannten Frieden. Und alleine nur das ist überzeugend. 

Helga König: Sie haben in diesen Tagen die auf Youtube veröffentlichte Rede für den Frieden des Pazifisten Eugen Drewermann bei den Protesten gegen Kriegspolitik im Rahmen der Sicherheitskonferenz 2026 München verlinkt. Was hat Sie besonders berührt an dieser Rede?

Bhajan Noam: Seine ganze Persönlichkeit berührt mich. Seine Klarheit, seine absolute Geradlinigkeit, seine Bestimmtheit, gerade auch seine notwendig lauten Worte. Er verkörpert ein resolutes Eintreten für den Frieden im Sinne eines Jesu Christi auf vorbildliche Weise. Ihm auf individuelle Weise nachzueifern, ihn sich als Vorbild zu wählen, ist unser aller Aufgabe, wollen wir echten Frieden bewirken in dieser Welt." 

Helga König: In jungen Jahren haben Sie den Wehrdienst verweigert. Ist Ihr Pazifismus durch Ihr Elternhaus geprägt worden oder geschah dies anderweitig? 

Bhajan Noam: Ich bin im besten Sinne christlich aufgewachsen. Mein Großonkel, der Pfarrer in unserer Gemeinde war, der mich taufte und konfirmierte und mir durch seine Persönlichkeit, sein Vorbild und seine nachhaltig wirkenden Predigten Wesentliches für meinen Lebensweg vermachte, war als junger Mann Pfarrer im Widerstand. Als einer der Ersten, neben Dietrich Bonhoeffer und weiteren, unterschrieb er die "Barmer Erklärung" gegen die Einmischung des Hitlerregimes in die Evangelische Kirche. Mein Vater war zehn Jahre Berufssoldat mit Leib und Seele. Und ich ehre ihn ebenso für seine Geradlinigkeit, seine Wahrhaftigkeit, sein Charisma. Das ist für mich kein Widerspruch. Er ist mir genauso ein großes Vorbild. 

Nun zu meiner Verweigerung. Ich bin sehr frei aufgewachsen. Ich kann jedem erzählen, ich bin im Paradies aufgewachsen, wortwörtlich. Mein Vater hatte eine große Obstplantage, wo es alle Früchte gab, von Äpfeln und Birnen bis hin zu Pfirsichen und Aprikosen und alles Strauchobst. Unser Grundstück war mein Reich. Für einen Staat hatte und habe ich keinen Sinn. Als meine Einberufung kam, verstand ich nicht, was das soll. Wieso ich? Wissen die nicht, wer ich bin, war mein erster Gedanke. Und so natürlich, wie ich dachte, schrieb ich auch ans Kreiswehramt zurück. Aber das verstanden sie offensichtlich nicht. Ich hatte mir aber schon eine Zivildienststelle beim Roten Kreuz gesichert und legte Widerspruch gegen die Einberufung ein. Es folgte dann eine lange Geschichte, die ich hier nicht ausbreite, nur andeute. Ich wurde bei der ersten, zweiten und dritten Verhandlung nicht anerkannt und landete aufgrund meiner absoluten Weigerung für ein paar Wochen im Gefängnis, worauf ich bis heute stolz bin. Ich befinde mich in bester Gesellschaft mit einigen hoch ehrenwerten Vorfahren aus meiner Ahnenlinie. Letzten Endes wurde ich ausgemustert und hatte meinen Willen durchgesetzt. Das ist die Kurzfassung.

Helga König: Sie haben sich mit Konfuzius, Laotse und anderen fernöstlichen Lehrern befasst. Was können deren Gedanken zu einer friedfertigeren Welt beitragen? 

Bhajan Noam: Noch mehr als Konfuzius und Laotse schätze ich Dschuang Dsi, ein Schüler Laotses. Von ihm gibt es die bekannte Geschichte vom Schmetterlingstraum, die André Heller in Liedform fasste. Mit dieser Geschichte verwirrte Dschuang Dsi seine Schüler zunächst. Er erzählte ihnen: "Heute Nacht träumte mir, ich sei ein Schmetterling, ein sich wohl und glücklich fühlender Schmetterling, der von Blüte zu Blüte flatterte und nichts von einem Dschuang Dsi wusste. Dann erwachte ich. Und nun weiß ich nicht, hat Dschuang Dsi geträumt er sei ein Schmetterling oder hat der Schmetterling geträumt, er sei Dschuang Dsi. Wer bin ich jetzt ?" Er brachte für seine Schüler damit zum Ausdruck, dass wir letztlich alle reines Sein sind und auf dieser Ebene unverbrüchlich mit einander verbunden sind. Jeder sollte sich in das Leben des anderen "hineinträumen", ihn in seinem tiefsten Kern erfahren, in seiner Seele. Wie können wir uns dann mit diesem Bewusstsein bekämpfen? Wir schlagen und verletzen uns nur immer selbst. 

Helga König: In einem Ihrer Bücher schreiben Sie einleitend "Jede Krankheit basiert auf einem Mangelzustand. Unabhängig vom Namen einer Krankheit gibt es bestimmte Mangelzustände, die fast jeder hat und die als Grundlage zur Gesundung behoben werden müssen". Worum geht es hierbei und wie können Sie dabei helfen, diese Mangelzustände herauszufinden oder gar zu beheben? 

Bhajan Noam: Das muss ich ergänzen: jede Krankheit besteht entweder aus einem Mangel oder einem Zuviel. Pauschal gesehen besteht der Mangel aus dem Fehlen von lebenswichtigen Vitaminen, Mineralien, vollwertigen Nähr- und Vitalstoffen und natürlich häufig auch aus einem Fehlen an Liebe, an Aufmerksamkeit, an Wertschätzung, an Respekt, an freier Entfaltungsmöglichkeit. Und das Zuviel kann aus einer Überernährung, einer Überbelastung und/oder aus den vielen Umweltgiften bestehen, die in uns gelangen. Ein bewusstes sich Befassen mit diesem Themenkomplex ist unerlässlich. Doch wenn man mal begonnen hat und das Grundlegende verstanden hat, ist es nicht wirklich so schwierig. Literatur dazu gibt er hinlänglich. Und als Therapeut bin ich selbstverständlich auch Berater.

Helga König: Können Sie als Atemtherapeut und Yogalehrer Ihre Schützlinge entstressen und falls ja, wie kann sich so deren Leben positiv verändern? 

Bhajan Noam: Ich kann niemanden entstressen. Ich kann Angebote machen. Das Tun und Umsetzen liegt bei jedem selbst. Und letztlich geht es immer ums Bewusstsein. In der wirklichen Therapie gibt es keine passiven Patienten/Klienten/Schüler. Ich nenne sie "Mach-mal-Patienten", die sich hinlegen und denken, der Therapeut richtet es. Die gibt es bei mir nicht. Ein Therapeut muss immer auch ein fähiger Pädagoge sein, sonst ist er kein Therapeut. Er weist den Klienten darauf hin, sich zu sensibilisieren für alle Belange seines Lebens. Sensibilisierung schafft Bewusstsein. Bewusstsein weckt ein Selbstverantwortungsgefühl. Alleine das ist schon eine große positive Veränderung. Und daraus erwächst alles weitere in einem natürlichen Prozess. Atem ist Leben. Sensibilisieren wir uns für den Atem, nähern wir uns dem wahrhaftigen Leben, Atemzug für Atemzug, Schritt für Schritt. Wir spüren, dass wir eine Kraft in uns haben, die uns nie verlässt, auf die immer Verlass ist. Die Kraft, die im Atem liegt, vermag alles zu ändern. Der Atem steht im Mittelpunkt aller körperlicher Funktionen und ist zugleich Mittler zwischen Körper, Seele und Geist. Lernen wir unseren Atem nach und nach kennen, lernen wir auch uns immer besser und tiefer verstehen. Verstehen ist der erste Schritt zur Veränderung.

Helga König:  Auf welche Weise heilen Sie als spiritueller Heiler jene, die sich Ihnen anvertrauen? 

Bhajan Noam: Das ist nicht so leicht zu erklären. Zunächst einmal heilt ein Heiler nicht, er spricht in seinem Klienten den inneren Heiler an, der dann die Arbeit leistet. Bruno Gröning, in dessen Gegenwart in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Hunderte, ja Tausende von zum Teil als unheilbar geltenden Krankheiten genasen, sagte stets, er heile nicht, er kümmere sich nicht einmal um Krankheiten, er fordere lediglich die Menschen auf, den natürlichen Heilstrom in sich zu spüren und wirken zu lassen. 

Ich hatte schon früh die Gabe, Dinge zu sehen, die andere nicht sehen. Das liegt vielleicht an den Genen, die ich von meinen Großvater geerbt habe, der einerseits ein Feingeist war, Geige spielte, Theaterstücke schrieb und andrerseits auch nebenher als Rutengänger tätig war, was er mir schon als Fünfjährigem beibrachte. Meine Gabe spirituell energetisch zu behandeln, reifte heran in meiner atemtherapeutischen Ausbildung, mit Reiki-Einweihungen unmittelbar in der traditionellen Linie und im Zusammensein mit dem afrikanischen Medizinmann Okonfu Rao Kawawa und einer indianischen Schamanin. Hinzu kommen Mitbringsel aus Vorleben. Neben dem Sehen lernte ich, durch Handauflegen aber auch über die ferne Energien im Körper eines anderen zu harmonisieren. Wir sind in Wahrheit Energiewesen, davon geht die chinesische Medizin aus, wie auch der indische Ayurveda. Kommt der Energiefluss in Harmonie, sind Blockaden aufgelöst, regeneriert sich auch der sog. materielle Körper wieder. 

Helga König: Auf Ihrer Facebookseite liest man "Musik heilt, Musik tröstet, Musik bringt Freude". Ist das eine spirituelle Botschaft an Ihre Follower? 

Bhajan Noam: Heinrich Heine sagte: "Wenn die Worte aufhören, beginnt die Musik". Ich bin sehr der klassischen Musik und der Oper zugetan. In meinem langen und erfüllten Leben war ich mit zwei Opernsängerinnen liiert. Von Professor Dr. Christoph Rueger gibt es das schöne Buch „Die musikalische Hausapotheke“, ein Buch, das jeder besitzen sollte, der eine Liebe zur Musik pflegt. Hier werden für alle Krankheiten und Beschwerden heilungsunterstützende Kompositionen aufgelistet. Neben der Klassik sind auch Jazzstücke dabei. 

Helga König: Was verstehen Sie unter einer spirituellen Lebensweise und könnte diese zu mehr Mitmenschlichkeit führen? 

Bhajan Noam: Spiritualität, Religiosität basiert auf Mitmenschlichkeit. Jesus lehrte das Allergrößte: die Feindesliebe. Das hatte außer Buddha zuvor niemand gelehrt. Über Buddha gibt es eine Geschichte, in der er in einem Wald dem Mörder Angulimala begegnete, der bereits 999 Menschen umgebracht hatte und auf den Tausendsten wartete. Buddha trat ihm angstfrei entgegen, was den Mörder irritierte. Er sprach Buddha an: "Weißt du nicht, wer ich bin?" "Doch", erwiderte Buddha, "deswegen komme ich ja zu dir"“. "Ich werde dich töten, wenn Du nicht schnell fliehst", warnte er Buddha. "Das kannst Du tun, beantworte mir zuvor nur eine Frage". "Gut", sprach der Mörder, "Welche Frage hast du? Ein Mann wie du ist mir noch nie begegnet." "Brich bitte einen Zweig von diesem Baum"“, fordert er ihn auf. Angulimala tat es wie unter Hypnose. "Kannst du ihn jetzt wieder zum Anwachsen bringen?" "Bist du verrückt", rief Angulimala, "das kann ich nicht." "Wenn du kein Leben erzeugen kannst, darfst du auch nicht töten", sagte Buddha sanft. Angulimala, dem plötzlich Tränen in die Augen schossen, weil der verstanden hatte, kniete vor Buddha nieder, berührte seine Füße und bat ihn, sein Schüler werden zu dürfen. - Weil Buddha nicht urteilte, auch nicht über einen grausamen Mörder, weil er ihm sogar sein Leben hingab, konnte er etwas in diesem Menschen verändern.!" (Das ist eine von vielen Geschichten aus meinem Buch "Der Meister".)

Lieber Bhajan Noam, herzlichen Dank für das interessante Interview. 

Ihre Helga König

Helga König im Gespräch mit Dr. Gertrud Müller, Soziologin, Verhaltenswissenschaftlerin, Psychoonkologin

Liebe Gertrud Müller, Sie sind Soziologin, Verhaltenswissenschaftlerin, Psychoonkologin, und wurden in Philosophie an der LMU München zum Thema "Was ist S(s)chuld?" promoviert. Auf Twitter betreiben Sie einen Account und empfehlen diesen dort mit den Worten: "Eine neue Welt: wir helfen uns, teilen miteinander und lernen voneinander, wir achten dankbar die Natur."

Es freut mich, Sie für ein Interview auf "Buch, Kultur und Lifestyle" habe gewinnen können und dass Sie hier an dem Ethik-Langzeitprojekt "Interviews- Begegnungen mit Menschenfreunden im Netz" teilnehmen. 

Helga König: Was bedeutet Ihnen Fairness ? 
Dr. Gertrud Müller
Foto: Kai Schlander

Dr. Gertrud Müller:
Fairness bedeutet für mich eine Balance von Geben und Nehmen, im Austausch: jeder gibt was er/sie gern geben kann und erhält vom anderen das, was der/die andere gern geben mag, freiwillig und unkompliziert. 

Ich habe dazu Fairhandelsscheine entwickelt: https://survivalscales.de/sozialeintelligenz/ 

Helga König: Wie sollte nach ihrer Meinung das Helfen in Kriegsgebieten wie derzeit in der Ukraine ausschauen? 

Dr. Gertrud Müller: In meiner Vorlesung Schulpsychologie hatte ich dieses Semester zwei Friedenspädagoginnen als Gastdozentinnen eingeladen, die erfolgreiche Friedensprojekte mit geflüchteten ukrainischen Frauen und Kindern durchführen. Vor allem wird hier psychische Gesundheit geübt und gelernt um die negativen Lebenseinstellungen zu überwinden, die durch den Krieg entstanden sind. 

Was ich persönlich aus Gesprächen mit Ukrainerinnen und Russinnen gehört habe, leiden beide Bevölkerungsgruppen unter dem Krieg. Die russischen und ukrainischen Menschen waren oft vor dem Krieg befreundet, sind teilweise verwandt miteinander. Es ist sicher wichtig die wechselseitige Verhärtung durch die Kriegs-Feindseligkeit wieder aufzuweichen und zu erkennen, die Gegner sind auch Menschen, die ohne Krieg und in Ruhe und Frieden leben möchten. 

Meines Erachtens ist das erste und wichtigste Ziel Ruhe in die aufgeheizte Atmosphäre zu bringen: Anzustreben ist ein gegenseitiger Waffenstillstand, dass nicht noch mehr Leid geschieht. Nach einem Waffenstillstand können Verhandlungen aufgebaut werden. 

Aus der christlichen Geschichte, auf die sich beide Völker berufen, lernen wir, dass Auge um Auge/Zahn um Zahn nicht die Lösung sein kann. Die gemeinsamen christlichen Werte beider Kulturen könnten sinnstiftend zum Frieden beitragen 

Und es ist wichtig, dass Frauen mehr Einfluss gewinnen. Frauen können auf Männer mäßigenden Einfluss gewinnen. Männer sind leider durch die Evolution und die Jahrtausende der Kriegsgeschichte sehr an Gewalt gewöhnt und finden Gewalt teilweise als normal und vor allem als männlich. Das ist ein großes Problem im Krieg, weil damit die brutalsten Männer als die männlichsten und tapfersten gelten und die friedlicheren Männer kaum mehr mäßigend einwirken können. 

Zudem ist ein großes Problem, dass die Bevölkerung Krieg als Schicksal ansieht, auf das es keinen Einfluss hat. Es ist wichtig die wechselseitige Kriegspropaganda zu durchschauen und die wechselseitige Feindseligkeit so weit als möglich zu minimieren. 

Von dem buddhistischen Mönch Thich Nhat Hanh wird berichtet, dass er an der Kriegsfront spazieren ging. Die Leute sagten: "Der Mann ist verrückt, er geht an der Front spazieren."

Thich Nhat Hanh erwiderte gelassen: "Ich weiß nicht wer verrückter ist: Die Leute, die sich gegenseitig erschießen, oder ich, der spazieren geht."

Jürgen Drewermann meinte es sei eine Möglichkeit auch gegnerische Soldaten menschlich zu behandeln, ihnen Essen und Trinken zu geben, auch das kann dazu beitragen, dass sich die Feindseligkeit reduziert. 

Es gibt im Krieg sicher kein Patentrezept. Viele melden sich auch an Einsatzorte, an denen sie niemanden erschießen müssen (Sanitätsdienst, Küche, Reparatur) 

Soldaten haben auch selbst die Möglichkeit den Krieg zu sabotieren. Mir erzählten viele ehemalige Kriegsteilnehmer, dass sie bewusst danebengeschossen hätten, da sie es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten, andere zu töten. 

Helga König
Helga König: 
Sie haben am 3.1.23 folgenden Tweet verfasst: "Kapitalismus, Kommunismus, Oligarchien, Religionen, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Börsen… sind im Machtspiel gefangen: Glorifizieren und bücken, belohnen und strafen, anhimmeln und degradieren. Kaum einer prüft wie viel Schaden diese Machtspiele anrichten." Weshalb wird Ihrer Meinung dieser Schaden nicht geprüft? 

Dr. Gertrud Müller: Machthierarchien und Kriege sind zu einer Kultur geworden. Kulturen werden von Menschen anerkannt, so auch die Kampf- und Kriegslogik. 

Kulturregeln sind wie Spielregeln, es gilt als Ehrensache sich daran zu halten, sonst wird man als Spielverderber ausgegrenzt, darf nicht mehr mitspielen. Diese Mechanismen werden schon als Kind erlernt und sind den Menschen deshalb relativ unbewusst. 

Es gibt ein so genanntes Kriegsrecht, das heißt, wenn jemand beim angeordneten Krieg nicht mitspielt, kann er sehr hart bestraft werden. Wer will das schon riskieren? 

Der Druck ist in der aktuellen Situation ist oft entscheidend fürs eigene Überleben. Der Schaden, so sagen Kriegsteilnehmer wird erst begutachtet, wenn der "Fog of war" vergangen ist, d.h. wenn sich der Nebel des Krieges gelichtet hat.

Menschen halten sich an die Macht- und Kriegsspielregeln, so wie sie sich an die Regeln halten bei Mühle, Dame, Schach und Monopoly. 

Helga König: Ebenfalls am 3.1.23 haben Sie geschrieben: "Nicht nur 2022, seit ich lebe, enttäuschen mich kranke Gesellschaften, das Unvermögen Verantwortung für Fehlentscheidungen zu übernehmen. Fehler werden in allen möglichen/unmöglichen Formen auf andere projiziert. Menschen manipulieren, zwingen, bekämpfen und töten sich gegenseitig." Wie könnten die Mitglieder kranker Gesellschaften von ihrem Narzissmus befreit werden, der ja offenbar Ursache für das von Ihnen formulierte Verhalten ist? 

Dr. Gertrud  Müller: Das ist eine sehr gute und zugleich schwierige Frage:  Menschen verhalten sich, so wie sie es gelernt haben. Haben sie von narzisstischen Vorbildern ein narzisstisches Verhalten gelernt, wird das kaum reflektiert. Der narzisstischen Person selbst ist ihr Verhalten vertraut und für sie selbst fühlt sich das narzisstische Verhalten normal an. Leider verfügen narzisstische Persönlichkeiten über wenig Empathie und können sich deshalb wenig in andere einfühlen; Sie sind jedoch interessiert und auch bereit Führungspositionen zu übernehmen und führen gern andere Personen. 

Die einfühlsameren und gefügigeren Personen folgen gern dem, was ihnen angeordnet wird und wehren sich selten gegen Vorschriften. 

So verfestigt sich in den meisten Gesellschaften eine relativ narzisstische Oberschicht und eine relativ unterwürfige Unterschicht. Beide sind mehr oder weniger in ihren Verhaltensmustern gefangen und können ihre wechselseitigen Macht- und Ohnmachtsspiele kaum durchschauen. 

2019 habe ich deshalb das Buch geschrieben "Machtspiele waren gestern" um diese Zusammenhänge zu erläutern und Menschen Mut zu machen, diese kranken Spiele zu erkennen und auszusteigen.

Helga König:  Am 30.12. 2022 schrieben Sie "Jedes Wissen hat ein Verfallsdatum; viele halten dennoch lieber an engen, altem und tradiertem Wissen fest. Das Leben bietet auch ganzheitliche und natürliche Lebensmöglichkeiten an mit zahlreichen Wirkungen und Relativitäten." Können dies bitte näher erläutern? 

Dr. Gertrud Müller: Vor ca. 100 Jahren galt der Aderlass als anerkannte medizinische Methode, obwohl auch viele Menschen gerade wegen dem Aderlass gestorben sind, wie wir heute wissen, Aderlass ist nur in wenigen Fällen eine geeignete Methode. 

Menschen neigen dazu Allheilmittel und Einheitslösungen zu suchen und zu finden, ein gewonnenes Wissen wird damit zu absoluten Realität erklärt. Eine Lösung für alles, das erscheint logisch und praktisch. 

Das Leben ist jedoch relativ und nicht absolut, das haben die meisten Menschen, auch viele Gelehrte immer noch nicht verstanden. In dem Glauben, dass ein gewonnenes Wissen immer Gültigkeit hat wird es wieder und wieder tradiert, obwohl es immer offensichtlicher wird, dass da etwas nicht stimmen kann. 

Nehmen Sie das Beispiel von Galileo, er entdeckte, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt, wie von der Kirche behauptet. Er entging nur knapp der Todesstrafe, weil er dieses Wissen veröffentlichte. 

Ignaz Semmelweis erkannte, dass Händewaschen der Ärzte vielen Frauen nach der Geburt das Leben retten kann, wegen der Übertragung von Krankheitserregern. Wie wurde er damals von den Kollegen angegriffen und verlacht, obwohl er Recht hatte.  

Wissen ist nicht absolut, wenn es in einigen Situationen zutrifft in anderen aber nicht. In diesen Fällen ist Wissen relativ. Wir müssten viel mehr tradiertes Wissen auf den Prüfstand stellen um uns als Menschheit weiter zu entwickeln. 

Helga König: Sie schreiben Frieden und Harmonie sind Naturgesetze. Wie begründen Sie dies? 

Dr. Gertrud Müller: Ich nenne Ihnen ein paar ganz einfache und anschauliche Beispiele: 

Schauen Sie Mutter und Kind an, bei Mensch und Tier. Kümmert sich die Mutter um ihr Kind überlebt es, kümmert sie sich nicht um ihr Kind und gibt es keine Stiefmutter stirbt das Kind. 

Die Natur lässt stärkere Formen des Parasitismus nicht zu, es sterben der Wirt und der Parasit. 

Wann sterben mehr Menschen und Tiere, in Friedens- oder in Kriegszeiten? 

Ich beobachte auch immer wieder, dass Menschen aus friedlichen Familien und Umgebungen gesünder sind. 

Helga König: Auch schreiben Sie: "Liebe und Zuversicht sind stärker als Macht, Kontrolle und Geldgier". Weshalb sind so viele gut ausgebildete Menschen dann primär an Macht, Kontrolle und Geldgier interessiert? 

Dr. Gertrud Müller: Wenn wir das einzelne Leben anschauen kann es sein, dass ein geldgieriger Soziopath länger lebt als ein liebevoller unterwürfiger Mensch. 

Beobachtet man jedoch ganze Generationen und Dynastien, so überleben liebevollere und zuversichtlichere Sippen, Familien und Gesellschaften länger, während Soziopathen kaum in der Lage sind für kommende Generationen zu sorgen. 

Das beste Beispiel für ein Zusammenlaben in Harmonie und Frieden sind Menschen, die in sogenannten "bluezones" leben und durch ihren liebevollen, zuversichtlichen und naturverbundenen Lebensstil gesund bleiben und uralt werden. 

Helga König: Sie schreiben zudem: "Wahre Macht ist nicht Macht über andere. Wahre Macht beherrscht sich selbst: die eigene Empfindlichkeit, die eigene Angst und Wut. Wahre Macht beobachtet Ziele & Wünsche, das Sprechen & Handeln, die eigene Größe & Schwäche, die eigene Lernfähigkeit, Fortschritte & Fehler,…"  Warum streben Ihrer Ansicht nach nicht nur Despoten das Gegenteil dessen an, was sie hier beschreiben, ist es Mangel an Erkenntnis? "

Dr. Gertrud Müller: Meiner Beobachtung nach handelt es sich bei Machtgier um kurzsichtiges Denken. Gerade in der Konsumgesellschaft, sollen Bedürfnisse sofort befriedigt werden. Lebt ein Mensch immer danach kurzfristige Befriedigung zu erhalten, ist er nicht mehr in der Lage langfristige Ziele zu fokussieren und anzustreben. 

Bei einem Zoom-Meeting erzählte uns der Blackfoot Indianer Pablo Camille Russell http://www.pablorussell.com/, dass sie in ihrer Kultur lernen Entscheidungen erst zu fällen, wenn sie sich sicher wären, dass diese Entscheidungen auch 7 Generationen nachher noch gut für ihre Nachkommen sind. 

Wer denkt heute in unserer Wirtschaft über das eigene Leben hinaus, in der Politik, über die nächste Legislaturperiode? Die Menschen, die so handeln können nichts dafür, auch sie haben es in unserer Kultur nicht anders gelernt. 

Wir können jedoch nach innen hören und spüren, die Natur beobachten und von anderen gerade von den indigenen Völkern sehr viel lernen. Die indigenen Völker können die Rhythmen der Natur noch hören, die Natur in ihrer Ganzheit wahrnehmen.

Helga König: Auch lassen Sie uns wissen: "Gesellschaftsführer sind verstrickt in Machtspiele, sie verstehen nicht wie sich Frieden ganz natürlich entwickeln kann. Sie glauben Frieden muss mit Kriegen erzwungen werden. Die Bürger glauben der Obrigkeit und deren Spuk und spielen das kranke Spiel mit." Was, wenn man Machtspiele offenlegt? 

Dr. Gertrud Müller:  Es geht darum zu erkennen, dass das Leben ein Spiel ist. Wir können ein Lieblingsspiel haben und das immer wieder spielen, oder wir können viel Spiele haben. 

Wichtig ist zu erkennen, dass wir Spiele mitspielen und beenden können und dass wir nicht mitspielen müssen, wenn uns das Spiel nicht gefällt oder schadet. 

Wir brauchen uns von niemanden Spielregeln diktieren lassen. Wenn wir das nicht erkennen sind wir im Machtspiel gefangen. 

Helga König: Welche Tugend ist Ihnen am wichtigsten und weshalb? 

Dr. Gertrud Müller: Carl Rogers, ein berühmter Professor für Psychotherapie des letzten Jahrhunderts, nannte 3 wichtige Faktoren wie Menschen gelingende Beziehungen aufbauen können:

Empathie, positive Wertschätzung und Echtheit. 

Nach meiner Erfahrung sind das die drei wichtigsten Faktoren um liebevolle Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. 

Ich möchte jedoch betonen, dass auch ich, obwohl ich viel in diesem Fach gelernt habe und mich beständig in Empathie, Wertschätzung und Echtheit übe, eine Lernende bin und bleiben werde. Die Lernmöglichkeiten sind im Gegensatz zum Wissen unendlich.


Liebe Gertrud Müller, ich danke Ihnen herzlich für das außerordentlich aufschlussreiche Gespräch.

Herzlich 
Ihre Helga König

https://blog-gertrud-mueller.de/

Helga König im Gespräch mit Wolf - Alexander von Wangenheim, Elektroingenieur und * Pazifist *.

Lieber Wolf - Alexander von Wangenheim, Sie lassen uns im Netz wissen, dass Sie Elektroingenieur, Pazifist, Träumer und Wald- Seeliebhaber sind. Auf Twitter hat man Gelegenheit, Ihre Geisteshaltung und Ihre Liebe zur Natur ein wenig kennenzulernen.

Es freut mich, Sie für ein Interview auf "Buch, Kultur und Lifestyle" habe gewinnen können und dass Sie hier an dem Ethik-Langzeitprojekt "Interviews- Begegnungen mit Menschenfreunden im Netz"  teilnehmen.

Helga König: Sie schreiben, dass Sie Pazifist sind. Kann es nach Ihrer Meinung einen Pazifismus mit Waffen geben? 

Wolf-Alexander von Wangenheim

Wolf - Alexander von Wangenheim:
Der Pazifismus braucht keine Waffen, um etwas zum Guten zu wenden.

Göttliche Regeln machen Waffen nicht notwendig.

Wenn jemand mit Herz, Geist und Verstand die Gebote GOTTES lebt, wird dadurch kein Schaden entstehen.

Mahatma Gandhi, Lida Gustava Heymann, Martin Luther King, Mutter Teresa usw. waren Pazifisten.

Diesem Anspruch werden die wenigsten gerecht.

Helga König

Helga König:
Was sind für Sie die Grundlagen friedlichen Zusammenlebens? 

Wolf - Alexander von Wangenheim: Erstens die 10 Gebote (Dekalog) bzw. die Grundregeln aus anderen Religionen. Zweitens mit sich selbst in den Frieden zu kommen. Hierzu empfehle ich das Buch des Dalai Lama: "Ethik ist wichtiger als Religion".

Helga König: Sie haben am 16. September nachstehenden Satz retweetet: "Es sind Wärme & Güte der Herzen, die Menschen Größe verleihen." Was hat Sie bei diesem Satz zu RT veranlasst?

Wolf - Alexander von Wangenheim: Ja, das war ein Tweet vom Dalai Lama ins Deutsche übersetzt. Unsere Vorbilder sind in der Regel Stars in Film und Sport, Millionäre, Milliardäre – also Menschen mit weltlicher Macht. Laut Werbung sollen wir hier in Europa abfahren auf Geld, Macht, Aktien, Yachten, Villen, teure Kleidung, Autos, Events, Fun, cooles Outfit, Medien, Computer, smarte Geräte, Partys und steile Karrieren.

Im Tweet vom Dalai Lama geht es um eine andere Sichtweise. Die inneren Werte stehen im Vordergrund und ihre Wirkung auf die Menschen. Jeder sollte sich selbst überlegen, was auf seinem spirituellen Weg wichtig ist. 

Helga König: Retweetet haben Sie am 5. September den Satz: "Das Meiden bestimmter Menschen zum Schutz deiner emotionalen Gesundheit ist keine Schwäche. Es ist Weisheit."   Mir selbst fallen in diesem Zusammenhang toxische Zeitgenossen ein. Ist es ethisch vertretbar, diese aus dem eigenen Leben auszuschließen?

Wolf - Alexander von Wangenheim: 

Ja!

Jeder kann nur innerhalb seiner eigenen Möglichkeiten agieren. Man sollte sich nicht überfordern – aus Liebe zu sich selbst. Schwierige Menschen am besten nicht bewerten, aber sich von ihnen mit Respekt verabschieden. Sie aus dem eigenen Geist entfernen, ist nicht einfach. Falls sie einen nur aufregen, weil sie ein unbewältigtes Thema von einem selbst triggern, wird ein anderer Zeitgenosse kommen und die Sache wird neu hochkommen. Toxische Menschen gibt es nicht, da das Toxische aus bestimmten Situationen heraus entsteht. So kommen wir beispielsweise im Urlaub mit vielen fremden Leuten freundschaftlich in Kontakt. Es gibt weniger Druck wie z. B. in Arbeitsverhältnissen. 

Helga König: Ist für Sie als Pazifist einen Tyrannenmord zu akzeptieren, wenn er offensichtlich die einzige Möglichkeit darstellt, ungezählte Menschenleben zu retten? 

Wolf - Alexander von Wangenheim: Hier sollten wir über die "Allmacht Gottes" nachdenken. Die Aktion und das Ergebnis, wie in Ihrer Frage beschrieben, halte ich für unrealistisch. Die Macht, auf diese Weise das Weltgeschehen zu beeinflussen, haben wir nicht. 

Helga König: Wie weit kann ein Mensch die Welt verändern? 

Wolf - Alexander von Wangenheim: Ich glaube, dass ein Gebet die Welt mehr verändern kann als eine Aktion in der 3D-Welt. Ein Mensch kann sich im Gegensatz zu einem Atom entscheiden. Wie und wann wir uns existenziell entscheiden oder ob aktuell ein fertiges Programm abläuft, wissen wir nicht. Wie dieses Programm entstanden ist und wie die Hardware dazu aussieht, weiß ich leider nicht. 

Eine vereinfachte IT (Informationstechnik) analog zu unserem Leben, kann ich berufsbedingt an Computersystemen erkennen. Es gibt Hardware, Betriebssysteme, Quellcodes, Compiler und Anwender. Den Menschen sehe ich hier zum Teil bei der Herstellung des Quellcodes und bei dem Anwender.

Noch ein Spruch zum Schluss: "Alles geschieht nach unseren Wünschen, aber nach Gottes Regeln."

Helga König: Was bedeutet Ihnen Gerechtigkeit? 

Wolf - Alexander von Wangenheim: Es gibt 1000 Vorstellungen von Gerechtigkeit und nur eine Gerechtigkeit im Himmel. Vielleicht ist auf der Welt die göttliche Gerechtigkeit bereits vorhanden. Wenn ich das glaube, so stellt dies bereits viele Vorstellungen und Meinungen auf den Kopf.

Die Bibelstellen Nehemia 9,33 und 1. Johannes 1,9 finde ich hier spannend:

"Du, unser Gott, bist gerecht bei allem, was über uns kommt; du hast die Treue bewahrt, wir haben uns schuldig gemacht."

"Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit."

Etwas Comedy nebenbei: Schiedsrichter beim Fußball sind natürlich immer gerecht. 

Helga König: Gibt es für Sie eine Lieblingstugend und falls ja, weshalb hat genau diese den höchsten Stellenwert bei Ihnen?

Wolf - Alexander von Wangenheim: Eine Lieblingstugend habe ich nicht, aber ich sage es mal mit 1. Korinther 12+13:

"Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich´s stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen." 

Helga König: Hat Wahrheit vielerlei Gesichter oder gibt es nur eine Wahrheit? 

Wolf - Alexander von Wangenheim: Menschliche Wahrheit hängt von dem Betrachter ab. Somit gibt es viele davon. Viele Menschen leben auch in mehreren Wahrheiten.

Gut anschaulich sehe ich dieses im Sport. Da gibt es Regeln, Schiedsrichter, Fans, Zuschauer, Sportler, Journalisten, Kritiker Trainer und ein Pfiff und danach viel Geschrei.

Helga König: Machen "Freund"-"Feind"-Betrachtungen Sinn oder sind sie kontraproduktiv, wenn man Frieden herstellen möchte? 

Wolf - Alexander von Wangenheim: Die Freund-Feind-Betrachtung liegt in unserer Natur. Sie ist nicht hilfreich für den Frieden, insbesondere wenn sie missverständlich und unpräzise ist. Im Alter sollte diese Betrachtungsweise abnehmen, was aber nicht immer einfach ist. So bewundere ich Menschen, die sich mit ihren Peinigern treffen und ihnen verzeihen. Beispiele aus dem Jugoslawienkrieg haben mich bewegt.

Bei den aktuellen politischen Diskussionen würde es schon was bringen, wenn wir in unseren Sätzen zwischen Land, Regierung, Parlament, einzelnen Personen, Bevölkerung und Teile der Bevölkerung unterscheiden.

So kann beispielsweise ein Land niemals Krieg beginnen. Es sind immer Menschen, denen das einfällt. Ein Land besteht auch aus Bergen, Flüssen, Tälern, Straßen und Wäldern.

Des Weiteren wird argumentiert, dass Deutschland ein reiches Land sei. Aber stimmt das wirklich? Es hat zwar eine gute Infrastruktur und ein gutes Bruttoinlandsprodukt, aber gleichzeitig auch hohe Schulden. Der materielle und finanzielle Reichtum ist bei der Bevölkerung sehr unterschiedlich.

Helga König: Sie schreiben "Ins Licht gehen ist immer eine gute Idee". Was bedeutet das für Sie im übertragenen Sinne? 

Wolf - Alexander von Wangenheim: Die Leser wollte ich zum Schmunzeln bringen.

Einfach selbst ausprobieren. Smile!

Lieber Wolf - Alexander von Wangenheim, ich danke Ihnen herzlich für das aufschlussreiche  Interview. 

Helga König


Wolf-Alexander von Wangenheim, sprachlich überarbeitet von C. Gorius.

Helga König im Gespräch mit der Sozialpsychologin und Germanistin Christiane Gorius M.A.

Die Sozialpsychologin und Germanistin Christiane Gorius M.A. hat sich auf Rhetorik-, Pilates- und Entspannungsseminare spezialisiert. Insgesamt hielt sie von 1995-2019 über 1300 Seminare innerhalb der betrieblichen Weiterbildung und der Erwachsenenbildung im Saarland und in der Bodenseeregion.

2010 erschien ihr Buch "Schmetterlingscoaching“, in dem sie die therapeutische Wirkung von Spielfilmen unter die Lupe nahm: Welche Wirkung haben Filme auf unsere Persönlichkeitsentwicklung?

In den nächsten Wochen erscheint ihr neustes Buch, das sich mit Transformation, Resilienz und den Farben der Seele beschäftigt.

Auf Twitter erlebt man sie als sehr engagierte Humanistin, deren Tweets stets zum Nachdenken anregen.
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Liebe Christiane Gorius es freut mich, dass Sie an dem Ethik-Langzeitprojekt "Interviews- Begegnungen mit Menschenfreunden im Netz" des Onlinemagazins "Buch, Kultur und Lifestyle" teilnehmen.

Nun die Fragen:

Helga König: Wie äußert sich nach Ihrer Ansicht Mitmenschlichkeit in Zeiten von Corona?

 Christiane Gorius
Foto: privat
Christiane Gorius: Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen in ihrer Lebensführung vorsichtiger geworden sind. Die letzten Monate haben nicht nur zu einer "Hab-Acht-Haltung" gegenüber sich selbst, sondern auch gegenüber anderen geführt. Natürlich gibt es Ausnahmen. Die meisten Menschen realisieren jedoch, dass das Leben kostbar und zerbrechlich ist. Diese Tatsache verstärkt die Eigenverantwortung gegenüber dem Dasein. So gehen immer mehr Personen und Gruppen gegen strukturelle Ungerechtigkeit vor, was ich persönlich sehr begrüße.

 Helga König
Helga König: Was bedeutet Ihnen Fairness?

Christiane Gorius: "Fair play" ist ein Anliegen, das auf allen sozialen Ebenen Priorität haben muss. Schiller sagte: "Der Mensch ist nur dort Mensch, wo er spielt." In jedem Fußballspiel gibt es Regeln. Wenn wir als Kinder (ich habe 5 Geschwister) ein neues Gesellschaftsspiel bekamen, so hat einer von uns zunächst einmal die Spielregeln vorgelesen und genau erklärt. Das war Ausgangsbedingung, um gerecht miteinander spielen zu können. Das ist für mich Fairness in den kleinsten Dingen. Hier beginnt für mich der Gerechtigkeitsbegriff. Alle sitzen am runden Tisch und haben gleiche Ausgangsbedingungen. Das ist demokratisch und gleichzeitig sehr anstrengend.

Helga König: Sie haben am 9.6.2020 nachstehenden Tweet gepostet: 
"Der Hass lähmt das Leben; die Liebe lässt es frei. Der Hass verwirrt das Leben, die Liebe bringt es in Einklang. Der Hass verdunkelt das Leben, die Liebe erhellt es." Martin Luther King 
Was war Ihr Motiv, diesen Tweet zu verfassen? 

Christiane Gorius: Wenn ich hasse, tue ich mir selbst weh. Genau das war mein Motiv für den Tweet. Im Netz finde ich Hass und Liebe. Beides. Ich höre von Leuten, die den sozialen Medien negativ gegenüber eingestellt sind. Sie meinen, dass auf Social Media vor allem polarisiert, gefaked und angegriffen wird. Übrigens hatte ich bevor ich mich für Twitter entschied, selbst diese Vorurteile gehegt. Twitter und die anderen Medien sind nur so gut, wie wir sie selbst machen! Sie spiegeln die menschliche Seele und ihre Abgründe wider. Damit müssen wir umgehen lernen. Dafür brauchen wir Spielregeln. 

Hass zieht energetisch runter. Er erzeugt eine emotionale Abwärtsspirale negativer Gefühle, die selbstzerstörerisch ist. Hass kann depressiv machen. Hass konfrontiert mit der eigenen "Schwarzgalligkeit! Ist übrigens ein wichtiges Thema meines neuen Buches."Schwarzgalligkeit" ist ein sehr alter Begriff für Depression. Negative Gedanken führen zu innerem Groll. Dieser Groll belastet nicht nur Galle und Leber. Er schlägt auf den ganzen Organismus! Das Beste Mittel gegen Hass ist nach wie vor Liebe. Aber dieses innere Umschalten vom einen Gefühl zum anderen, ist verdammt schwer. Ohne Mitgefühl hat die Menschheitsfamilie keine Chance, um zu überleben. Martin Luther King wurde ermordet, weil er ein Dorn im Auge derer war, die blind vor Hass waren.

Helga König: Sie setzen sich auf Twitter immer wieder für ein „Bedingungsloses Grundeinkommen“ ein. Was könnte das BGE nach ihrer Ansicht bewirken? 

Christiane Gorius: Das #BGE könnte gerechtere Ausgangsbedingungen für alle schaffen. Die Kluft zwischen Arm und Reich hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Die soziale Schieflage wird verstärkt, wenn wir alles so weiterlaufen lassen. Die wenigen Reichen werden im neoliberalistischen Gesellschaftsspiel immer reicher. Wenn ich jedoch jedem 1.200 Euro im Monat gebe, verbessert sich grundsätzlich seine Lebensqualität, was wiederum Auswirkungen hätte auf unser Gesundheitssystem. Das #BGE gibt jedem Menschen seine Würde wieder, denn jeder Mensch ist grundsätzlich wertvoll. Jeder Mensch könnte "fair play" genießen und dadurch viel mehr seinen freien Willen einsetzen in Sachen Jobwahl. Das größte Geschenk, das jeder Mensch besitzt, ist seine persönliche Gabe. Wenn er diese Aufgabe zur Welt bringt zum Wohle aller, wird er nicht nur sich selbst, sondern auch andere zufriedener machen. 

Helga König: Sie schreiben: "Resilienzkompetenz entwickelt sich zwar in der Kindheit, aber kann in jedem Alter erlernt und ausgebaut werden. Es kommt auf die Offenheit des Einzelnen an. Es ist nie zu spät, um gesund zu werden..." Können Sie unseren Lesern Ihren Gedanken näher erläutern und eventuell auch mitteilen, weshalb Resilienz zentral für ein gutes Zusammenleben ist? 

Christiane Gorius: Resilienz bedeutet, dass ich bereits in meiner Kindheit Widerstandskräfte entwickele, um psychisch, physisch und geistig gesund durchs Leben zu gehen. Von der Neuropsychologie wissen wir, dass die Verdrahtungen und Verschaltungen in unserem Gehirn, also seine Neuroplastizität, durchaus veränderbar ist. Genau das ist der Hoffnungsschimmer! Selbst als betagter Mensch kann ich mich weiterhin ändern. Zum Guten hin wie zum Schlechten. Das schlimmste Denkmuster ist für mich: "Schuster bleib bei deinen Leisten." Solche Glaubenssätze zerstören permanent Menschen. Evolution basiert auf Transformation und Wandlungsfähigkeit. Wer Hass umwandeln will in Liebe, muss Resilienz gelernt haben. Resilienz bedeutet, dass ich meine innersten Ressourcen wachrüttele und dafür sorge, dass sie mich durchs Leben tragen. Das ist unser Selbstwerttresor. Dort wo mein Schatten ist, liegt auch meine Kraft. 

Ich selbst beispielsweise leide an Skoliose (Beindifferenz) und muss deswegen täglich Gymnastik machen. Mit Zwanzig bin ich aufgrund dieser Tatsache am damaligen Saarländischen Landestheater während einer Vorstellung vor Rückenschmerzen zusammengebrochen. Mir war also früh klar, dass ich meine Rückenschmerzen ernst nehmen muss und täglich trainieren muss. Zehn Jahre später machte ich mich schließlich selbständig als Pilatestrainerin. Ich wollte das an die Welt weitergeben, was mich selbst heilt. Das ist das beste Selbstheilungsmittel. Zu meinen KurskundInnen gehören auch Leute, die über Achtzig sind. Pilates kann man immer lernen. Resilienz ist die seelische Kraft, die einen Fluch in Segen verwandeln lässt. 

Helga König: Wie unterscheidet sich Selbstliebe von Narzissmus und weshalb ist Selbstliebe mit Nächstenliebe vereinbar? 

Christiane Gorius: Selbstliebe speist sich aus Selbsterkenntnis, Selbstakzeptanz, Selbstfürsorge und Selbstverantwortung. Ich muss mich radikal mit mir selbst und meinen seelischen Abgründen konfrontieren. Das tut weh. Da schwappt auch Scheiße hoch. All das gehört zu mir. Auch meine Albträume. Selbstliebe ist der Stoff meines Nervenkostüms. Er ist nicht nur toll, sondern kann stinken. 

Narzissmus hingegen grenzt aus. Er blendet bewusst all das aus, was an meinem Ego knabbert. All das Kranke, Hässliche und Unangenehme wird nach Außen projektiert. Narzissmus sucht einen passenden Sündenbock. Er ist anfällig für Hass, Rassismus und Faschismus. 

Selbstliebe aber bedeutet, dass man sich annimmt, so wie man ist. Selbstliebe ist die Urform der Liebe. Denn jeder Mensch wird geliebt, wenn er sich selbst liebt (Resonanzgesetz). Wenn ich mich selbst liebe, werde ich also auch fähig, andere zu lieben. Leute, die sich selbst nicht lieben, kaufe ich die Empathie nicht ab. 

Helga König: Sie schreiben: "Die einen Menschen sind für uns die Hölle, die anderen sind das Paradies..." Wann wird ein Mensch für Sie zur Hölle? 

Christiane Gorius: Gute Frage! Ein Mensch, der mich einengt in meinen Grundrechten, macht mir das Leben zur Hölle. Ein Mensch, der mich meines freien Willens beraubt, sorgt garantiert dafür, dass ich ihn hassen muss. Wenn ich hasse, komme ich in einen Teufelskreis, denn letztlich hasse ich mich dann auch selbst. Wenn ich hasse, kann ich theoretisch zur Furie werden. Wenn ich Furie bin, will ich zerstören. Ich will draufhauen! Ich bin also nicht mehr in meiner inneren Mitte. Ich kann Hass nachempfinden, da ich als Schauspielschülerin in Hamburg auch Rollen von Mörderinnen einstudierte. Ich kann das nachempfinden. Ich bin sehr impulsiv. Gerade deswegen brauche ich jeden Tag Dinge, die mir gut tun und etwas Ruhe, um mich zu entspannen. Höllisch sind für mich also Menschen, die aus mir schlimmstenfalls eine Mörderin machen könnten.

Helga König: Sie haben meinen kürzlich verfassten Tweet "und im Übrigen bin ich der Ansicht, dass man #Julian_Assange endlich aus der Haft entlassen sollte" retweetet. Wofür steht Julian Assange Ihrer Ansicht nach? 

Christiane Gorius: Julian Assange hat das für uns ans Tageslicht gebracht, was weltweit gen Himmel stinkt. Er hat hervorragenden Journalismus gemacht. Die wichtigsten Medienhäuser der Welt waren an seiner Arbeit so lange interessiert, wie er ihr Goldesel war. Man hat von ihm glänzend profitiert! Als die USA ihn jedoch zum Staatsfeind erklärten, ließ man ihn eiskalt fallen. Der Fall zeigt, dass wir es leider auch mit einem moralischen Verfall gewisser Medien zu tun haben. Julian Assange sollte unbedingt entlassen werden! 

Helga König: Was bedeuten Ihnen die sozialen Netzwerke und was könnte hier verbessert werden? 

Christiane Gorius: Wie bereits oben erwähnt. Wir brauchen ethische Regeln innerhalb der sozialen Medien. Ich erlebe neben sehr erfreulichen Tweets leider auch Cybermobbing. Wenn es die Blocktaste nicht gäbe, wäre ich schon lange nicht mehr auf Twitter. Trotzdem sehe ich in den sozialen Netzwerken eine demokratische Ressource von großem Wert. Jeder kann zum Sender werden, wenn er es möchte. Ich gebe hier zu, dass ich eine Anhängerin von Klarnamen und echten Personenfotos bin. Das habe ich mal offen gepostet und bekam glatt einen Shitstorm. Es gab Leute, die mir schrieben, dass sie die Anonymität brauchen, um sich sozial zu schützen. Verstehe ich nur teilweise. Kann es nicht einen Zusammenhang geben zwischen Anonymität und Hass-Tweets? Ich nehme die Klarnamen ernster als die Katzenfotos. Mein gutes Recht, denn ich bekenne schließlich auch Farbe. 

Helga König:  Wie äußert sich Gleichgültigkeit von Mensch zu Mensch Ihrer Beobachtung nach im Hier und Jetzt am häufigsten? 

Christiane Gorius: Gleichgültigkeit ist eine Vorform des Konformismus. Wenn alles egal ist, entsteht ein Vakuum, dass von politischen Kräften genutzt werden kann, die ein Interesse am Ende der Demokratie haben. Der Konformismus ist immer ein idealer Nährboden für Nazis. Von Willi Graf habe ich gelernt, dass jeder Einzelne immer die ganze Verantwortung trägt. Wenn ich jedoch gleichgültig bin, so räume ich dem Guten und dem Bösen gleiche Chancen ein. Deswegen ist das Böse so banal (siehe Hannah Arendt). Für das Gute lohnt es sich jederzeit und überall, Farbe zu bekennen. Ich schließe mit Mark Aurel: "Die Seele hat die Farbe deiner Gedanken."  

Liebe Christiane Gorius, besten Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

Herzlich Helga König

Anbei  der Link zur  Homepage von Christiane Gorius: http://www.chrigorius.de/

Helga König im Gespräch mit #Christine_Neumeyer, Autorin von historischen Romanen und Krimis und Leiterin der Region Österreich des Netzwerks krimiliebender Frauen (Mörderische Schwestern).

#Christine_ Neumeyer ist Autorin von historischen Romanen und Krimis und Leiterin der Region Österreich des Netzwerks krimiliebender Frauen (Mörderische Schwestern). In den sozialen Netzwerken dokumentiert sie seit Jahren ihre menschenfreundliche Persönlichkeit. 

Liebe Christine Neumeyer, es freut mich, dass Sie an dem Ethik-Langzeitprojekt "Interviews- Begegnungen mit Menschenfreunden im Netz" des Onlinemagazins "Buch, Kultur und Lifestyle" teilnehmen.

Helga König: Was bedeutet Ihnen Mitmenschlichkeit? 

Christine Neumeyer
Foto: Ilse Haberleitner
Christine Neumeyer: Der Gedanke, dass alle Menschen auf dieser Erde in irgendeiner Weise miteinander verbunden sind. 

Helga König: Welche Rolle spielt Fairness in Ihrem Leben?

Christine Neumeyer: Fairness ist eine Frage der Haltung. Es spielt eine große Rolle im Umgang mit anderen. 

Helga König: Wie äußert sich ein faires Miteinander in Ihrem Netzwerk krimiliebender Frauen? 

Christine Neumeyer: Kennen Sie die Begriffe Stutenneid und Zickenkrieg? Gerne insb. von Männern gebraucht, wenn Frauen in Konkurrenz zueinander – oft um die Gunst eines Mannes – treten. Es sind schreckliche Begriffe. Sie stehen für das traditionelle Geschlechterbild und für Macht und Hierarchie. Die Gegenwart und Zukunft von Frauen sollte von Solidarität geprägt sein. Dafür stehen wir. 

 Helga König
Helga König: Sie schreiben seit 2012 auf Twitter. Hat sich das Verhalten der User seither sehr verändert und falls ja wie äußert sich dies? 

Christine Neumeyer: Ich bin seit etwa zwei bis drei Jahren verstärkt auf Twitter unterwegs. Früher habe ich Facebook bevorzugt. Aber dort wird mittlerweile viel getratscht. Auf Twitter finde ich mehr Information, weniger Tratsch. Ansonsten bemerke ich nicht, dass sich das Verhalten der User verändert hätte. 

Helga König: Wurden Sie als Autorin im Netz schon mal von Mobbern belästigt und falls ja wie haben Sie reagiert? 

 Christine Neumeyer
Foto: Ilse Haberleitner
Christine Neumeyer: Nicht bei Twitter. Bei Facebook kamen nach politischen Äußerungen manchmal höhnische oder respektlose Kommentare. Da ist es schon vorgekommen, dass ich die eine oder andere Person blockiert habe. Gemobbt habe ich mich nie gefühlt. Dazu möchte ich anmerken, dass soziale Medien Kammern oder Blasen von Gleichgesinnten bilden. Soziale Medien ersetzen keine objektive Medieninformation, welche notwendig ist, um den Blick für die Gesamtheit einer Gesellschaft nicht zu verlieren. 

 Helga König
Helga König: Sie verlinken immer wieder auch Medien-Beiträge, die sich mit dem Klimawandel befassen. Ist es Ihnen ein Anliegen auf diese Weise zur Aufklärung beizutragen oder was motiviert Sie ansonsten dazu? 

Christine Neumeyer: Klimawandel ist ein globales Thema, das uns alle betrifft. Ich mache mir Sorgen um unsere Erde, um alle Lebewesen. Ja, es ist mir ein Anliegen, ab und zu darauf hinzuweisen. 

Helga König: "Die schlimmste Art der Ungerechtigkeit ist die vorgespielte Gerechtigkeit." Platon (427 - um 348 v. Chr.). Was haben Sie zu diesem Satz zu sagen? 

 Christine Neumeyer
Foto: Ilse Haberleitner
Christine Neumeyer:  Zu diesem Satz von Platon fällt mir die Diskussion zu den Fluchtbewegungen nach Europa ein. Die eine Seite sieht das menschliche Leid, zeigt Interesse und will helfen. Die andere Seite versucht möglichst nicht mit flüchtenden Menschen und deren Unglück in Berührung zu kommen. Diese Menschen versuchen ihre Ablehnung und ihr Desinteresse an den Geschichten der zur Flucht gezwungenen Menschen mit Argumenten zu erklären, ohne dabei unmenschlich oder ungerecht zu erscheinen. Sie sehen sich als Opfer, fühlen sich in ihrem Frieden bedroht. Dabei vergessen sie, dass auch in ihrem Land nicht immer Frieden herrschte und Menschen zur Flucht gezwungen wurden. Dann fällt mir die Klimakrise ein. Europa sieht sich als moralische Instanz. Doch würden Kontinente, wie Afrika ebenso stark wie Europa die natürlichen Ressourcen verbrauchen, wäre es um das Weltklima noch viel schlechter gestellt. 

 Helga König
Helga König: Welchen ethischen Auftrag hat ein Krimischriftsteller (m/w)? 

Christine Neumeyer: Ein Krimischriftsteller (m/w) hat in erster Linie den Auftrag, Leser (m/w) spannend zu unterhalten. Darüber hinaus hat jeder Schriftsteller (m/w) die Möglichkeit, die Gesellschaft widerzuspiegeln. Mit guten Texten kann man subtil Gesellschaftskritik üben, ohne belehrend zu wirken. Das ist eine alte Geschichte. 

Helga König: Können Sie unseren Lesern Ihre Lieblingstugend nennen und begründen, weshalb sie diese Tugend besonders schätzen? 

 Christine Neumeyer
Foto: Ilse Haberleitner
Christine Neumeyer: Das Wohlwollen: Es steht für Freundlichkeit, Güte, Unterstützung. Tugenden, welche wir krimiliebenden Frauen besonders hochhalten. 

Helga König: "Wo Gemeinschaft herrscht, da herrscht auch Erfolg." (Publilius Syrus)  Würden Sie diesen Satz bejahen im Hinblick auf ein Autorenleben oder sind Autoren eher Einzelkämpfer für Ihren Erfolg? 

Christine Neumeyer: Das Schreiben und das Lesen begleiten und fördern die Entwicklung von Persönlichkeiten. Das Schreiben und das Lesen sind aber auch sehr einsame Tätigkeiten. Deshalb sind Gemeinschaften sehr wichtig. Im Fall der krimiliebenden Frauen, der Mörderischen Schwestern, stärkt die Gemeinschaft jede einzelne von uns. Seit 2017 habe ich in meiner Funktion der "Oberschwester für die Region Österreich" mit der Gruppe zahlreiche Projekte durchgeführt. Das Spektrum reicht von gemeinsamen Lesungen und Publikationen, Fortbildungsmaßnahmen, Theaterproduktionen, Benefizveranstaltungen, Geocaching, bis zur Lese/Schreib-Förderung an einer Wiener Brennpunktschule. Ja, wo Gemeinschaft herrscht, da herrscht auch Erfolg.

Liebe Christine Neumeyer, ich danke Ihnen herzlich für das aufschlussreiche Gespräch.

Ihre Helga König

Homepage von Christine Neumeyer: https://homepage.univie.ac.at/christine.neumeyer/Autorenhomepage/


Helga König im Gespräch mit Bhajan Noam, Buchautor, Dozent, Atempädagoge und Prana-Yogalehrer

Bh ajan Noam ist als Dozent, Atemtherapeut und Atempädagoge (BEAM-Mitglied), Prana-Yogalehrer, Spiritueller Heiler (DGH-Mitglied), Buchau...