Helga König im Gespräch mit der Sozialpsychologin und Germanistin Christiane Gorius M.A.

Die Sozialpsychologin und Germanistin Christiane Gorius M.A. hat sich auf Rhetorik-, Pilates- und Entspannungsseminare spezialisiert. Insgesamt hielt sie von 1995-2019 über 1300 Seminare innerhalb der betrieblichen Weiterbildung und der Erwachsenenbildung im Saarland und in der Bodenseeregion.

2010 erschien ihr Buch "Schmetterlingscoaching“, in dem sie die therapeutische Wirkung von Spielfilmen unter die Lupe nahm: Welche Wirkung haben Filme auf unsere Persönlichkeitsentwicklung?

In den nächsten Wochen erscheint ihr neustes Buch, das sich mit Transformation, Resilienz und den Farben der Seele beschäftigt.

Auf Twitter erlebt man sie als sehr engagierte Humanistin, deren Tweets stets zum Nachdenken anregen.
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Liebe Christiane Gorius es freut mich, dass Sie an dem Ethik-Langzeitprojekt "Interviews- Begegnungen mit Menschenfreunden im Netz" des Onlinemagazins "Buch, Kultur und Lifestyle" teilnehmen.

Nun die Fragen:

Helga König: Wie äußert sich nach Ihrer Ansicht Mitmenschlichkeit in Zeiten von Corona?

 Christiane Gorius
Foto: privat
Christiane Gorius: Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen in ihrer Lebensführung vorsichtiger geworden sind. Die letzten Monate haben nicht nur zu einer "Hab-Acht-Haltung" gegenüber sich selbst, sondern auch gegenüber anderen geführt. Natürlich gibt es Ausnahmen. Die meisten Menschen realisieren jedoch, dass das Leben kostbar und zerbrechlich ist. Diese Tatsache verstärkt die Eigenverantwortung gegenüber dem Dasein. So gehen immer mehr Personen und Gruppen gegen strukturelle Ungerechtigkeit vor, was ich persönlich sehr begrüße.

 Helga König
Helga König: Was bedeutet Ihnen Fairness?

Christiane Gorius: "Fair play" ist ein Anliegen, das auf allen sozialen Ebenen Priorität haben muss. Schiller sagte: "Der Mensch ist nur dort Mensch, wo er spielt." In jedem Fußballspiel gibt es Regeln. Wenn wir als Kinder (ich habe 5 Geschwister) ein neues Gesellschaftsspiel bekamen, so hat einer von uns zunächst einmal die Spielregeln vorgelesen und genau erklärt. Das war Ausgangsbedingung, um gerecht miteinander spielen zu können. Das ist für mich Fairness in den kleinsten Dingen. Hier beginnt für mich der Gerechtigkeitsbegriff. Alle sitzen am runden Tisch und haben gleiche Ausgangsbedingungen. Das ist demokratisch und gleichzeitig sehr anstrengend.

Helga König: Sie haben am 9.6.2020 nachstehenden Tweet gepostet: 
"Der Hass lähmt das Leben; die Liebe lässt es frei. Der Hass verwirrt das Leben, die Liebe bringt es in Einklang. Der Hass verdunkelt das Leben, die Liebe erhellt es." Martin Luther King 
Was war Ihr Motiv, diesen Tweet zu verfassen? 

Christiane Gorius: Wenn ich hasse, tue ich mir selbst weh. Genau das war mein Motiv für den Tweet. Im Netz finde ich Hass und Liebe. Beides. Ich höre von Leuten, die den sozialen Medien negativ gegenüber eingestellt sind. Sie meinen, dass auf Social Media vor allem polarisiert, gefaked und angegriffen wird. Übrigens hatte ich bevor ich mich für Twitter entschied, selbst diese Vorurteile gehegt. Twitter und die anderen Medien sind nur so gut, wie wir sie selbst machen! Sie spiegeln die menschliche Seele und ihre Abgründe wider. Damit müssen wir umgehen lernen. Dafür brauchen wir Spielregeln. 

Hass zieht energetisch runter. Er erzeugt eine emotionale Abwärtsspirale negativer Gefühle, die selbstzerstörerisch ist. Hass kann depressiv machen. Hass konfrontiert mit der eigenen "Schwarzgalligkeit! Ist übrigens ein wichtiges Thema meines neuen Buches."Schwarzgalligkeit" ist ein sehr alter Begriff für Depression. Negative Gedanken führen zu innerem Groll. Dieser Groll belastet nicht nur Galle und Leber. Er schlägt auf den ganzen Organismus! Das Beste Mittel gegen Hass ist nach wie vor Liebe. Aber dieses innere Umschalten vom einen Gefühl zum anderen, ist verdammt schwer. Ohne Mitgefühl hat die Menschheitsfamilie keine Chance, um zu überleben. Martin Luther King wurde ermordet, weil er ein Dorn im Auge derer war, die blind vor Hass waren.

Helga König: Sie setzen sich auf Twitter immer wieder für ein „Bedingungsloses Grundeinkommen“ ein. Was könnte das BGE nach ihrer Ansicht bewirken? 

Christiane Gorius: Das #BGE könnte gerechtere Ausgangsbedingungen für alle schaffen. Die Kluft zwischen Arm und Reich hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Die soziale Schieflage wird verstärkt, wenn wir alles so weiterlaufen lassen. Die wenigen Reichen werden im neoliberalistischen Gesellschaftsspiel immer reicher. Wenn ich jedoch jedem 1.200 Euro im Monat gebe, verbessert sich grundsätzlich seine Lebensqualität, was wiederum Auswirkungen hätte auf unser Gesundheitssystem. Das #BGE gibt jedem Menschen seine Würde wieder, denn jeder Mensch ist grundsätzlich wertvoll. Jeder Mensch könnte "fair play" genießen und dadurch viel mehr seinen freien Willen einsetzen in Sachen Jobwahl. Das größte Geschenk, das jeder Mensch besitzt, ist seine persönliche Gabe. Wenn er diese Aufgabe zur Welt bringt zum Wohle aller, wird er nicht nur sich selbst, sondern auch andere zufriedener machen. 

Helga König: Sie schreiben: "Resilienzkompetenz entwickelt sich zwar in der Kindheit, aber kann in jedem Alter erlernt und ausgebaut werden. Es kommt auf die Offenheit des Einzelnen an. Es ist nie zu spät, um gesund zu werden..." Können Sie unseren Lesern Ihren Gedanken näher erläutern und eventuell auch mitteilen, weshalb Resilienz zentral für ein gutes Zusammenleben ist? 

Christiane Gorius: Resilienz bedeutet, dass ich bereits in meiner Kindheit Widerstandskräfte entwickele, um psychisch, physisch und geistig gesund durchs Leben zu gehen. Von der Neuropsychologie wissen wir, dass die Verdrahtungen und Verschaltungen in unserem Gehirn, also seine Neuroplastizität, durchaus veränderbar ist. Genau das ist der Hoffnungsschimmer! Selbst als betagter Mensch kann ich mich weiterhin ändern. Zum Guten hin wie zum Schlechten. Das schlimmste Denkmuster ist für mich: "Schuster bleib bei deinen Leisten." Solche Glaubenssätze zerstören permanent Menschen. Evolution basiert auf Transformation und Wandlungsfähigkeit. Wer Hass umwandeln will in Liebe, muss Resilienz gelernt haben. Resilienz bedeutet, dass ich meine innersten Ressourcen wachrüttele und dafür sorge, dass sie mich durchs Leben tragen. Das ist unser Selbstwerttresor. Dort wo mein Schatten ist, liegt auch meine Kraft. 

Ich selbst beispielsweise leide an Skoliose (Beindifferenz) und muss deswegen täglich Gymnastik machen. Mit Zwanzig bin ich aufgrund dieser Tatsache am damaligen Saarländischen Landestheater während einer Vorstellung vor Rückenschmerzen zusammengebrochen. Mir war also früh klar, dass ich meine Rückenschmerzen ernst nehmen muss und täglich trainieren muss. Zehn Jahre später machte ich mich schließlich selbständig als Pilatestrainerin. Ich wollte das an die Welt weitergeben, was mich selbst heilt. Das ist das beste Selbstheilungsmittel. Zu meinen KurskundInnen gehören auch Leute, die über Achtzig sind. Pilates kann man immer lernen. Resilienz ist die seelische Kraft, die einen Fluch in Segen verwandeln lässt. 

Helga König: Wie unterscheidet sich Selbstliebe von Narzissmus und weshalb ist Selbstliebe mit Nächstenliebe vereinbar? 

Christiane Gorius: Selbstliebe speist sich aus Selbsterkenntnis, Selbstakzeptanz, Selbstfürsorge und Selbstverantwortung. Ich muss mich radikal mit mir selbst und meinen seelischen Abgründen konfrontieren. Das tut weh. Da schwappt auch Scheiße hoch. All das gehört zu mir. Auch meine Albträume. Selbstliebe ist der Stoff meines Nervenkostüms. Er ist nicht nur toll, sondern kann stinken. 

Narzissmus hingegen grenzt aus. Er blendet bewusst all das aus, was an meinem Ego knabbert. All das Kranke, Hässliche und Unangenehme wird nach Außen projektiert. Narzissmus sucht einen passenden Sündenbock. Er ist anfällig für Hass, Rassismus und Faschismus. 

Selbstliebe aber bedeutet, dass man sich annimmt, so wie man ist. Selbstliebe ist die Urform der Liebe. Denn jeder Mensch wird geliebt, wenn er sich selbst liebt (Resonanzgesetz). Wenn ich mich selbst liebe, werde ich also auch fähig, andere zu lieben. Leute, die sich selbst nicht lieben, kaufe ich die Empathie nicht ab. 

Helga König: Sie schreiben: "Die einen Menschen sind für uns die Hölle, die anderen sind das Paradies..." Wann wird ein Mensch für Sie zur Hölle? 

Christiane Gorius: Gute Frage! Ein Mensch, der mich einengt in meinen Grundrechten, macht mir das Leben zur Hölle. Ein Mensch, der mich meines freien Willens beraubt, sorgt garantiert dafür, dass ich ihn hassen muss. Wenn ich hasse, komme ich in einen Teufelskreis, denn letztlich hasse ich mich dann auch selbst. Wenn ich hasse, kann ich theoretisch zur Furie werden. Wenn ich Furie bin, will ich zerstören. Ich will draufhauen! Ich bin also nicht mehr in meiner inneren Mitte. Ich kann Hass nachempfinden, da ich als Schauspielschülerin in Hamburg auch Rollen von Mörderinnen einstudierte. Ich kann das nachempfinden. Ich bin sehr impulsiv. Gerade deswegen brauche ich jeden Tag Dinge, die mir gut tun und etwas Ruhe, um mich zu entspannen. Höllisch sind für mich also Menschen, die aus mir schlimmstenfalls eine Mörderin machen könnten.

Helga König: Sie haben meinen kürzlich verfassten Tweet "und im Übrigen bin ich der Ansicht, dass man #Julian_Assange endlich aus der Haft entlassen sollte" retweetet. Wofür steht Julian Assange Ihrer Ansicht nach? 

Christiane Gorius: Julian Assange hat das für uns ans Tageslicht gebracht, was weltweit gen Himmel stinkt. Er hat hervorragenden Journalismus gemacht. Die wichtigsten Medienhäuser der Welt waren an seiner Arbeit so lange interessiert, wie er ihr Goldesel war. Man hat von ihm glänzend profitiert! Als die USA ihn jedoch zum Staatsfeind erklärten, ließ man ihn eiskalt fallen. Der Fall zeigt, dass wir es leider auch mit einem moralischen Verfall gewisser Medien zu tun haben. Julian Assange sollte unbedingt entlassen werden! 

Helga König: Was bedeuten Ihnen die sozialen Netzwerke und was könnte hier verbessert werden? 

Christiane Gorius: Wie bereits oben erwähnt. Wir brauchen ethische Regeln innerhalb der sozialen Medien. Ich erlebe neben sehr erfreulichen Tweets leider auch Cybermobbing. Wenn es die Blocktaste nicht gäbe, wäre ich schon lange nicht mehr auf Twitter. Trotzdem sehe ich in den sozialen Netzwerken eine demokratische Ressource von großem Wert. Jeder kann zum Sender werden, wenn er es möchte. Ich gebe hier zu, dass ich eine Anhängerin von Klarnamen und echten Personenfotos bin. Das habe ich mal offen gepostet und bekam glatt einen Shitstorm. Es gab Leute, die mir schrieben, dass sie die Anonymität brauchen, um sich sozial zu schützen. Verstehe ich nur teilweise. Kann es nicht einen Zusammenhang geben zwischen Anonymität und Hass-Tweets? Ich nehme die Klarnamen ernster als die Katzenfotos. Mein gutes Recht, denn ich bekenne schließlich auch Farbe. 

Helga König:  Wie äußert sich Gleichgültigkeit von Mensch zu Mensch Ihrer Beobachtung nach im Hier und Jetzt am häufigsten? 

Christiane Gorius: Gleichgültigkeit ist eine Vorform des Konformismus. Wenn alles egal ist, entsteht ein Vakuum, dass von politischen Kräften genutzt werden kann, die ein Interesse am Ende der Demokratie haben. Der Konformismus ist immer ein idealer Nährboden für Nazis. Von Willi Graf habe ich gelernt, dass jeder Einzelne immer die ganze Verantwortung trägt. Wenn ich jedoch gleichgültig bin, so räume ich dem Guten und dem Bösen gleiche Chancen ein. Deswegen ist das Böse so banal (siehe Hannah Arendt). Für das Gute lohnt es sich jederzeit und überall, Farbe zu bekennen. Ich schließe mit Mark Aurel: "Die Seele hat die Farbe deiner Gedanken."  

Liebe Christiane Gorius, besten Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

Herzlich Helga König

Anbei  der Link zur  Homepage von Christiane Gorius: http://www.chrigorius.de/

Helga König im Gespräch mit #Christine_Neumeyer, Autorin von historischen Romanen und Krimis und Leiterin der Region Österreich des Netzwerks krimiliebender Frauen (Mörderische Schwestern).

#Christine_ Neumeyer ist Autorin von historischen Romanen und Krimis und Leiterin der Region Österreich des Netzwerks krimiliebender Frauen (Mörderische Schwestern). In den sozialen Netzwerken dokumentiert sie seit Jahren ihre menschenfreundliche Persönlichkeit. 

Liebe Christine Neumeyer, es freut mich, dass Sie an dem Ethik-Langzeitprojekt "Interviews- Begegnungen mit Menschenfreunden im Netz" des Onlinemagazins "Buch, Kultur und Lifestyle" teilnehmen.

Helga König: Was bedeutet Ihnen Mitmenschlichkeit? 

Christine Neumeyer
Foto: Ilse Haberleitner
Christine Neumeyer: Der Gedanke, dass alle Menschen auf dieser Erde in irgendeiner Weise miteinander verbunden sind. 

Helga König: Welche Rolle spielt Fairness in Ihrem Leben?

Christine Neumeyer: Fairness ist eine Frage der Haltung. Es spielt eine große Rolle im Umgang mit anderen. 

Helga König: Wie äußert sich ein faires Miteinander in Ihrem Netzwerk krimiliebender Frauen? 

Christine Neumeyer: Kennen Sie die Begriffe Stutenneid und Zickenkrieg? Gerne insb. von Männern gebraucht, wenn Frauen in Konkurrenz zueinander – oft um die Gunst eines Mannes – treten. Es sind schreckliche Begriffe. Sie stehen für das traditionelle Geschlechterbild und für Macht und Hierarchie. Die Gegenwart und Zukunft von Frauen sollte von Solidarität geprägt sein. Dafür stehen wir. 

 Helga König
Helga König: Sie schreiben seit 2012 auf Twitter. Hat sich das Verhalten der User seither sehr verändert und falls ja wie äußert sich dies? 

Christine Neumeyer: Ich bin seit etwa zwei bis drei Jahren verstärkt auf Twitter unterwegs. Früher habe ich Facebook bevorzugt. Aber dort wird mittlerweile viel getratscht. Auf Twitter finde ich mehr Information, weniger Tratsch. Ansonsten bemerke ich nicht, dass sich das Verhalten der User verändert hätte. 

Helga König: Wurden Sie als Autorin im Netz schon mal von Mobbern belästigt und falls ja wie haben Sie reagiert? 

 Christine Neumeyer
Foto: Ilse Haberleitner
Christine Neumeyer: Nicht bei Twitter. Bei Facebook kamen nach politischen Äußerungen manchmal höhnische oder respektlose Kommentare. Da ist es schon vorgekommen, dass ich die eine oder andere Person blockiert habe. Gemobbt habe ich mich nie gefühlt. Dazu möchte ich anmerken, dass soziale Medien Kammern oder Blasen von Gleichgesinnten bilden. Soziale Medien ersetzen keine objektive Medieninformation, welche notwendig ist, um den Blick für die Gesamtheit einer Gesellschaft nicht zu verlieren. 

 Helga König
Helga König: Sie verlinken immer wieder auch Medien-Beiträge, die sich mit dem Klimawandel befassen. Ist es Ihnen ein Anliegen auf diese Weise zur Aufklärung beizutragen oder was motiviert Sie ansonsten dazu? 

Christine Neumeyer: Klimawandel ist ein globales Thema, das uns alle betrifft. Ich mache mir Sorgen um unsere Erde, um alle Lebewesen. Ja, es ist mir ein Anliegen, ab und zu darauf hinzuweisen. 

Helga König: "Die schlimmste Art der Ungerechtigkeit ist die vorgespielte Gerechtigkeit." Platon (427 - um 348 v. Chr.). Was haben Sie zu diesem Satz zu sagen? 

 Christine Neumeyer
Foto: Ilse Haberleitner
Christine Neumeyer:  Zu diesem Satz von Platon fällt mir die Diskussion zu den Fluchtbewegungen nach Europa ein. Die eine Seite sieht das menschliche Leid, zeigt Interesse und will helfen. Die andere Seite versucht möglichst nicht mit flüchtenden Menschen und deren Unglück in Berührung zu kommen. Diese Menschen versuchen ihre Ablehnung und ihr Desinteresse an den Geschichten der zur Flucht gezwungenen Menschen mit Argumenten zu erklären, ohne dabei unmenschlich oder ungerecht zu erscheinen. Sie sehen sich als Opfer, fühlen sich in ihrem Frieden bedroht. Dabei vergessen sie, dass auch in ihrem Land nicht immer Frieden herrschte und Menschen zur Flucht gezwungen wurden. Dann fällt mir die Klimakrise ein. Europa sieht sich als moralische Instanz. Doch würden Kontinente, wie Afrika ebenso stark wie Europa die natürlichen Ressourcen verbrauchen, wäre es um das Weltklima noch viel schlechter gestellt. 

 Helga König
Helga König: Welchen ethischen Auftrag hat ein Krimischriftsteller (m/w)? 

Christine Neumeyer: Ein Krimischriftsteller (m/w) hat in erster Linie den Auftrag, Leser (m/w) spannend zu unterhalten. Darüber hinaus hat jeder Schriftsteller (m/w) die Möglichkeit, die Gesellschaft widerzuspiegeln. Mit guten Texten kann man subtil Gesellschaftskritik üben, ohne belehrend zu wirken. Das ist eine alte Geschichte. 

Helga König: Können Sie unseren Lesern Ihre Lieblingstugend nennen und begründen, weshalb sie diese Tugend besonders schätzen? 

 Christine Neumeyer
Foto: Ilse Haberleitner
Christine Neumeyer: Das Wohlwollen: Es steht für Freundlichkeit, Güte, Unterstützung. Tugenden, welche wir krimiliebenden Frauen besonders hochhalten. 

Helga König: "Wo Gemeinschaft herrscht, da herrscht auch Erfolg." (Publilius Syrus)  Würden Sie diesen Satz bejahen im Hinblick auf ein Autorenleben oder sind Autoren eher Einzelkämpfer für Ihren Erfolg? 

Christine Neumeyer: Das Schreiben und das Lesen begleiten und fördern die Entwicklung von Persönlichkeiten. Das Schreiben und das Lesen sind aber auch sehr einsame Tätigkeiten. Deshalb sind Gemeinschaften sehr wichtig. Im Fall der krimiliebenden Frauen, der Mörderischen Schwestern, stärkt die Gemeinschaft jede einzelne von uns. Seit 2017 habe ich in meiner Funktion der "Oberschwester für die Region Österreich" mit der Gruppe zahlreiche Projekte durchgeführt. Das Spektrum reicht von gemeinsamen Lesungen und Publikationen, Fortbildungsmaßnahmen, Theaterproduktionen, Benefizveranstaltungen, Geocaching, bis zur Lese/Schreib-Förderung an einer Wiener Brennpunktschule. Ja, wo Gemeinschaft herrscht, da herrscht auch Erfolg.

Liebe Christine Neumeyer, ich danke Ihnen herzlich für das aufschlussreiche Gespräch.

Ihre Helga König

Homepage von Christine Neumeyer: https://homepage.univie.ac.at/christine.neumeyer/Autorenhomepage/


Helga König im Gespräch mit Prof. Rahman Jamal, Business and Technology Fellow

Lieber Prof. Rahman Jamal, Sie sind in Burma geboren, in Paderborn aufgewachsen, haben dort auch Elektrotechnik studiert und leben nun in München und Paderborn. Sie sind Diplom-Ingenieur, haben jahrelang das globale Marketing einer weltweit agierenden Firma geleitet und sind heute dort als Business and Technology Fellow tätig. Da Sie in den sozialen Netzwerken aktiv sind und dort in so manchem Tweet erkennen lassen, dass Sie ein großer Menschenfreund sind, möchte ich heute einige Fragen an Sie richten. 

Helga König: Was bedeutet für Sie ein sinnstiftendes Miteinander in unserer Gesellschaft? 

Prof. Rahman Jamal
Foto: privat
Prof. Rahman Jamal: Steigen wir doch gleich mit der Sinnfrage ein: Für mich ist der Sinn des Lebens das Leben selbst – und zwar ein Zusammenleben mit anderen und der Natur. Mir ist hier aber sehr bewusst, dass jeder sich mit etwas anderem identifiziert, und dass es hier Überlappungen mit anderen Menschen gibt. Einige unserer Identitäten teilen wir vielleicht mit der einen Gruppe von Leuten, andere Identitäten wiederum mit anderen. Aber für mich ist Diversität ein Geschenk und eine Stärke, die wir pflegen und respektieren sollten. Aber wir müssen uns durchaus darüber im Klaren sein, dass das Leben mit Diversität ein herausfordernder Prozess ist. 

Zu glauben, im Pluralismus zu leben sei leicht, wäre falsch. Pluralismus ist eine ewige "work in progress", d. h. ein nie abgeschlossener Prozess, an dem wir alle beteiligt sind. Auch wenn viele annehmen, dass wir so unterschiedlich sind, gibt es auf einer fundamentalen Ebene weitaus mehr Gemeinsamkeiten, was erst auf den zweiten Blick deutlich wird. Denn, bevor ich Dieses oder Jenes bin, also bevor ich ein Ingenieur bin oder ein Buddhist oder etwas anderes, bin ich. Punkt. Und das Sein ist das, was uns alle verbindet, jenseits von Religionen, Kulturen, Überzeugungen, Ideologien usw. Integraler Bestandteil dieses Seins sind nichtphänomenale Eigenschaften wie bedingungslose Liebe, Mitgefühl, Schönheit, Friede, Achtsamkeit etc. Dies in uns (wieder) zu entdecken und in unserem Handeln widerzuspiegeln ist, worum es eigentlich im Leben geht. 

Wie Sie meinen Tweets auch entnehmen können, vertrete ich keine spezifische religiöse Sichtweise, sondern appelliere genau an das Gemeinsame aller, an gemeinsame Werte, denn ich glaube an eine der Religion und Kultur übergeordnete Dimension, die uns an einen Tisch bringt und auch einen besseren Umgang miteinander ermöglicht. Dieses Gemeinsame zu sehen und uns daran zu orientieren und eben nicht uns gegenseitig unsere Religionen und Kulturen aufzudrängen, ermöglicht erst ein sinnstiftendes Miteinander. 

Was die Umsetzung eines sinnstiftenden Miteinanders anbelangt, so bin ich absolut davon überzeugt, dass es uns eine innere Zufriedenheit gibt, wenn wir auf ein Ziel hinarbeiten, das die Gesellschaft voranbringt, wesentlich größer als wir selbst und erheblich mehr als die Summe der Einzelteile ist. Hier sei beispielsweise die Bewältigung der größten Herausforderungen der Menschheit genannt, wie sie etwa in den "grand challenges" der National Academy of Engineering zusammengefasst sind, und die auch National Instruments, die Firma, bei der ich arbeite, antreibt. Dazu gehören etwa der Zugang zum Trinkwasser für jeden Menschen auf der Welt, bessere medizinische Versorgung und die Erschwinglichkeit von Solarenergie. Durch solche Tätigkeiten hinterlassen wir die Welt in einem besseren Zustand als den, in dem wir sie vorgefunden haben. Und durch solch sinngebende Arbeit spüren wir eine einzigartige Verbundenheit zu etwas Übergeordnetem und sind dennoch völlig eins mit unserem wahren Selbst. 

 Helga König
Helga König: Wie wichtig ist Fairness, damit das Leben vieler erfolgreich verlaufen kann?

Prof. Rahman Jamal: Fairness ist meines Erachtens unabdingbar für ein erfolgreiches Miteinander. Das war im Übrigen auch der Grund dafür, dass ich den Beruf des Ingenieurs ergriffen habe: Ich wollte dazu beitragen, dass alle Menschen gerecht behandelt werden und die gleichen Chancen haben. Ich war von den unglaublichen technologischen Fortschritten inspiriert, die unseren Alltag verbessern. Ursprünglich aus einem Entwicklungsland, kam ich mit zehn Jahren nach Deutschland und war sehr überrascht über die Diskrepanz zwischen den Ländern. Ich sah, dass die Bevölkerung in einigen Staaten keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und medizinischer Versorgung hat, während all dies hierzulande als selbstverständlich angesehen wird. Daher entschied ich mich bewusst nicht für ein theoretisch-wissenschaftliches, sondern ein praxisnahes Studium, mit dem man zur Lösung solcher Probleme beitragen kann: Elektrotechnik. 

Ich bin fest davon überzeugt, dass es die achtsam eingesetzten Technologien sind, die Änderungen vorantreiben und die zwischen den Ländern klaffenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lücken schmälern können. Natürlich sind Ingenieure zwar auch Teil des Problems, weil sie oft nicht über die Konsequenzen ihres Handels nachdenken in puncto Nachhaltigkeit, Energieverbrauch etc. Aber sie sind es auch gleichzeitig, die mit dem richtigen Mindset dazu beitragen können, die größten gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen. Der Ingenieur muss dazu meiner Ansicht nach hinterfragen, ob seine Arbeit der Menschheit nützt. Er muss sich darüber im Klaren sein, welche Auswirkungen seine Entwicklung auf die Gesellschaft hat. Zudem ist er dazu angehalten, dem Recht der Menschen und der Natur Vorrang gegenüber etwaigen privaten oder Firmeninteressen einzuräumen. Meine Vision ist, dass eine der grundlegenden Eigenschaften des Ingenieurs von morgen eine humanistische Einstellung ist. 

Helga König: Sind Achtsamkeit, Demut, Bescheidenheit Tugenden, die vielen Menschen der westlichen Welt nur schwer zugänglich zu machen sind und falls ja, weshalb?

 Prof. Rahman Jamal
Foto: privat
Prof. Rahman Jamal:  Als jemand, der in beiden Kulturen zu Hause ist, muss ich das eher verneinen. Ich glaube, dass es allen so geht, unabhängig von ihrer Herkunft – auch wenn man landläufig der Meinung ist, die Menschen aus Fernost seien aufgrund ihrer Kultur besser für eine achtsame Haltung gewappnet. Ich glaube in der Tat, dass viele Menschen – ob westlicher oder fernöstlicher Kultur – Achtsamkeit und Meditation "betreiben", um ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Das ist ja mittlerweile ein großer Modetrend geworden. Egal, aus welchem Kulturkreis, alle versuchen, achtsam zu sein, um nicht alles so nah an sich herankommen zu lassen und erfolgreicher in ihrem Tun zu sein. Oder sie meditieren, um entspannter zu werden. Auch, wenn ich das gutheiße, ist es dennoch nur die halbe Miete. Sich ein Ziel zu setzen, ist genau der falsche Ansatz, sowohl was die achtsame Haltung anbelangt, also auch die Meditation, die oft damit verbunden ist. Das Problem in der Meditation ist nämlich nicht die Meditation, sondern der Meditierende, der etwas haben möchte! Kurzzeitige Entspannung und Gelassenheit können natürlich sehr wohl Nebeneffekte sein, aber sie sind eben kurzlebig. 

 Helga König
Helga König: Können aufrichtige Bescheidenheit und Demut den Menschen vor Hybris schützen und verantwortungsbewusster machen?

Prof. Rahman Jamal: Diese Frage stellt sich für mich gar nicht. Denn da sind wir zum einen wieder an dem Punkt, an dem ich etwas möchte – ich möchte z. B. nicht hochmütig sein, sondern bescheiden und demütig. Das ist einfach der falsche Ansatz. Zum anderen sind Dinge wie Bescheidenheit, Demut, Achtsamkeit usw. nichtphänomenale Eigenschaften, die man nicht erlernen kann, sondern die bereits in uns vorhanden sind und wiederentdeckt werden müssen. Um dies besser zu verstehen, gehen wir zuerst einmal einen Schritt zurück: Bevor ich Dieses oder Jenes bin, bin ich wie erwähnt erst einmal, es geht also um das Sein. Wenn man dieses Sein genauer untersucht, stellt man fest, dass es präsent ist, erfahrend, nicht lokalisierbar, nicht innerhalb der Zeit. Die populäre Annahme ist ja, dass wir geboren wurden, uns weiterentwickeln und dann irgendwann dann die Welt verlassen. Und wir meinen auch, das genau so zu erfahren: Wir sehen von außen, dass es bei den anderen exakt so abläuft. Aber ist das denn auch unserer unmittelbare Erfahrung? Nein! Denn diese Abgrenzung ist etwas, das wir erlernt haben. Aus meiner Sicht ist dies ein konditioniertes Verhalten. Das liegt schlichtweg an den Werkzeugen, die wir nutzen, allen voran die Sprache. 

Sprache ist zunächst für eine Welt der Dualität geschaffen. Uns wurde beigebracht, wie wir mit dieser Sprache unsere Erfahrungen abbilden können. Formulierungen wie bspw. "ich bin hier" und "die Natur ist dort" sind aus meiner Sicht keine unmittelbare Erfahrung, sondern eine mittels der Sprache und des Denkens wiedergegebene Abstrahierung, die die eigentliche Erfahrung in ein Korsett aus Subjekt, Prädikat und Objekt hineinpresst. Und irgendwann fangen wir auch noch an, die Welt durch die Brille der Sprache und des Denkens zu sehen – und glauben auch noch, dass das unsere tatsächliche Erfahrung ist. Dass wir hier eine Brille aufgesetzt haben, übersehen wir irgendwann einmal. 

Die dualistische Struktur, die die Sprache aufbaut, nämlich die von einem Sender von z. B. Mitgefühl und dem Empfänger, ist für mich sehr fragwürdig. Denn durch die Unterteilung in Subjekt und Objekt suggerieren uns unsere Werkzeuge die ganze Zeit, dass es eine Trennung zwischen den beiden gibt. Stellen Sie sich die Welt oder das Bewusstsein als Ozean vor, auf dem wir alle als Wellen erscheinen. Es mag knapp 8 Milliarden Wellen auf diesem Ozean geben, denen wir allen einen Namen geben, die bestimmte Eigenschaften haben, etc. Aber dennoch sind sie immer eine Bewegung des Ozeans. Stellen Sie sich mal vor, wenn eine bestimmte Welle auf die Idee käme, den Ozean zu suchen, was würde sie dann finden? Nichts! Denn sie war zu keinem Zeitpunkt etwas nichts anderes als der Ozean selbst! Und so haben wir eventuell auch erlernt, dass wir etwas Besseres, Schöneres, Größeres sind. Das heißt, so tauchen Dinge wie Hybris überhaupt erst auf! 

Die durch unser Denken und unsere Sprache schön in getrennte, unabhängig voneinander existierende Einheiten eingeteilte Welt gibt es in meiner unmittelbaren Erfahrung aber nicht. 

Helga König: In einem Interview, das ich gelesen habe, sagen Sie "Wer achtsam ist, dem fällt es ohnehin leichter, sich auf eine natürliche Weise auf den Anderen einzulassen." Können Sie dies näher erläutern?

 Prof. Rahman Jamal
Foto: privat
Prof. Rahman Jamal: Wenn nichtphänomenale Eigenschaften wie Achtsamkeit oder Mitgefühl völlig störungsfrei aus einem herausströmen, ist der Umgang mit den Menschen und der Natur weitgehend leidensfrei. Dann geht man aus einer ganz natürlichen Empathie heraus auf die Menschen zu und begegnet ihnen unvoreingenommen und mit Mitgefühl. Das ermöglicht es, sich eben auf den Anderen einzulassen, ihn und seine Bedürfnisse zu verstehen. 

Helga König: Sie sagen, dass für Ihren Führungsstil Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, gepaart mit mitfühlendem Handeln eine zentrale Bedeutung haben. Welche Resonanz zeigen Ihre Gegenüber, wenn Sie auf diese Weise mit Ihnen umgehen, ist das Feedback immer positiv?

Prof. Rahman Jamal: Nein, das ist ganz unterschiedlich und kommt darauf an, wer mich mit welcher Geisteshaltung betrachtet. Ein Taktiker aus dem Arbeitsleben, vor allem einer in der Führungsetage, glaubt sicher, dass mein Verhalten eine von mir zurechtgelegte Strategie ist, um etwas Bestimmtes zu erreichen. Ein solcher Mensch würde mit mir anders taktieren, als jemand, der im achtsamen Handeln eine Lebensphilosophie sieht. Jeder reagiert nach seinem Wissenstand, seiner Erfahrung und seinem Bezug zu seinem Leben. Daran kann ich nichts ändern. Aber wenn ich ehrlich bin, ist dies für mich auch sekundär, wie die anderen reagieren. 

Viele finden meine Einstellung interessant und erklären sie sich damit, dass ich aus einem östlichen Kulturkreis komme und dass mir solche Dinge quasi in die Wiege gelegt wurden. Das ist zwar eine nette Erklärung, die ich aber nicht akzeptieren kann, denn – wie eingangs erwähnt – bringen wir alle diese nichtphänomenalen Eigenschaften von vorneherein mit. Dann wiederum gibt es Menschen, die mehr dazu wissen möchten und sich aus dem Herzen heraus mit diesen Themen beschäftigen. Einige sagen mir, die Umstellung auf achtsames Handeln hätte ihr Leben verändert. Es ist aber auch schon passiert, dass Leute erst Jahre später auf mich zukamen und mir sagten: "Jetzt verstehe ich erst, was du damals meintest!" Und dann erst mehr wissen möchten. Meistens dann, wenn sie gerade in einer Lebenskrise sind. Dann ist das Fenster offener und die Menschen sind empfänglicher für neue Impulse.

Helga König
Helga König: Sie schreiben in einem Ihrer Tweets "This may sound a bit harsh, but being proud of all the acquired material objects of this world is like a prisoner being proud of his jail". Was möchten Sie Ihren Lesern dadurch nahebringen?

Prof.  Rahman Jamal: Da geht es genau um die Anhaftungen, das "Haben-Wollen“, das ich bereits erwähnte. Die meisten erwarten etwas aus bestimmten Situationen oder schöpfen ihre Zufriedenheit aus der materiellen Anschaffung. Beidem liegt der Wunsch zugrunde, etwas zu besitzen oder etwas zurückzubekommen, wenn man genug Zeit investiert. Im Geschäftsumfeld würde man hier von "ROI" (Return of Investment) sprechen. So meinen sie, wenn sie achtsam sind oder meditieren, dann erhalten sie etwas zurück, werden ruhiger, erfolgreicher, glücklicher oder was auch immer. Es geht aber eben darum, nicht aus einer Haltung heraus zu handeln oder eine Gegenleistung zu wollen, sondern erst loszulassen oder einfach zu geben. So wie die Sonne: Sie scheint für jeden und alles gleichermaßen, ohne dafür etwas zurück zu erwarten. Und was zurückkommt, ist meistens überwältigend! Ajahn Chahs berühmtes Zitat bringt es auf den Punkt: "Wenn du etwas loslässt, bist du etwas glücklicher. Wenn du viel loslässt, bist du viel glücklicher. Wenn du ganz loslässt, bist du frei."

Helga König: Werden Sie inhaltlich verstanden, wenn Sie Ihren Lesern einen Satz wie diesen "Spiritual teachings are strategies. They are neither the absolute truth nor to be found in the words. What is important is the unconditional love and compassion from which the teachings flow." entgegenbringen, wie reagieren Menschen auf diesen Satz?

 Prof. Rahman Jamal
Foto: privat
Prof.  Rahman Jamal: Das kann ich nicht genau beantworten, ob das alle in dieser Tiefenschärfe verstehen. Aber es reicht für mich zunächst auch, wenn solche Aussagen, die mir eher spontan einfallen, zum Innehalten anregen und die Leser dazu animieren, sich vielleicht etwas ausführlicher damit zu beschäftigen. Beispielsweise bei dem Zitat, das Sie eben erwähnten: Viele halten ihre spirituellen Lehren, die es wie Sand am Meer gibt, für die Wahrheit schlechthin. Und genau das ist etwas, was zu Hybris führt – und zwar zu einer spirituellen Hybris. Für mich sind spirituelle Lehren mögliche Wege, die auf unterschiedlichen Strategien basieren. Sie sind weder die absolute Wahrheit, noch kann die Wahrheit in den Worten der Lehre gefunden werden. Was aber wichtig ist, sind die bedingungslose Liebe und das Mitgefühl, aus denen die Lehre herausströmt. 

 Helga König
Helga König: Wenn wir Menschen bedingungslos, alles, was ist, lieben, besteht dann noch ein Grund, etwas zu verändern?

Prof. Rahman Jamal: Na ja, nur weil jeder all das, was ist, liebt, heißt es ja noch lange nicht, dass alles gut ist und dass es nicht dennoch Grund für Veränderungen gibt. Selbst, wenn wir annehmen, dass es kein vom Menschen verursachtes Leid gibt wie durch Hass, Krieg, Umweltsünden usw., wird es immer Bedürftige geben: Menschen, die schwer krank sind, mit dem Verlust einen lieben Menschen zurechtkommen müssen oder z. B. aufgrund von Naturkatastrophen alles verloren haben. Mitfühlend auf andere zuzugehen heißt, zu erkennen, was Der- oder Diejenige braucht und entsprechend zu handeln – und das bedeutet eben manchmal Veränderung. 

Helga König: Sie sagen, die Sprache des Herzens sei universell. Ist die kleine Sonnenblume, die Sie vielen Ihrer tiefgründigen Tweets beigefügt haben, ein Ausdruck der Sprache Ihres Herzens?

 Prof. Rahman Jamal
Foto: privat
Prof. Rahman Jamal: Die Sonnenblume ist für mich ein Symbol für das Sonnenhafte, das Licht, das alles durchströmt. Ich hätte genauso gut eine Sonne nehmen können, aber die Sonnenblume wird von der Sonne ernährt und gefällt mir einfach. Wenn Sie so wollen, sind wir alle kleine Sonnenblumen und spiegeln das Sonnenhafte wider. Um ihre Frage zu beantworten: Ja, natürlich – alle meine Handlungen kommen aus dem Herzen, auch die kleine Sonnenblume! Dass etwas aus dem Herzen kommt, ist genau das, was Achtsamkeit ausmacht.


Lieber Prof. Rahman Jamal, ich danke Ihnen vielmals für dieses wirklich aufschlussreiche Gespräch .

Herzlich  Ihre Helga König

https://twitter.com/RahmanNow

Helga König im Gespräch mit René Rothmund ist Gärtner, Sozialarbeiter und PR-Berater in Zürich.

René Rothmund ist Gärtner, Sozialarbeiter und PR-Berater in Zürich. Auf seiner Webseite "Stadtwurzel – Urban Gardening" schreibt er zu Gärtnern in der Stadt und auf Twitter betreibt er der Account „Stadtwurzel“, eine Informationsplattform für "Urban Gardening" oder auf gut Deutsch, Gärtnern in der Stadt und mehr.

Lieber René Rothmund, es freut mich, dass Sie an dem Ethik-Langzeitprojekt "Interviews- Begegnungen mit Menschenfreunden im Netz" des Onlinemagazins "Buch, Kultur und Lifestyle" teilnehmen. 

Dazu nun folgende Fragen an Sie:  

Helga König: Was bedeutet für Sie Mitmenschlichkeit? 

 René Rothmund
(Foto: privat)
René Rothmund: Mitmenschlichkeit hat für mich als Basis das Mitgefühl. Dieses beschränkt sich jedoch nicht auf die Menschen alleine, sondern schließt die gesamte Natur mit ein. Daraus resultiert für mich ein achtsamer Umgang mit Menschen, Tieren und Pflanzen und der Natur als Ganzes.

Helga König: Welche ethische Verpflichtung empfinden Sie der Natur gegenüber? 

René Rothmund: Ethik ist für mich ein etwas distanzierter Begriff. Mir liegt der Begriff der Moral näher. Moralisches Handeln beginnt bei mir selber. Bin ich achtsam mir gegenüber, bin ich es auch vermehrt gegenüber der Natur. Für mich ist die Natur ein lebendiger Organismus. Sie dient uns als Nahrungsquelle, erfreut uns mit ihrer Schönheit etc.. Daraus ergibt sich für mich, dass ich eine Verpflichtung gegenüber ihr habe und mich für ihren möglichst unversehrten Erhalt einsetze.

 Helga König
Helga König: Was bezwecken Sie soziologisch mit Ihrem Engagement für "Urban Gardening" und worum handelt es sich dabei überhaupt? 

René Rothmund: In erster Linie geht es mir darum, Informationen zum Thema Urban Gardening, Gärtnern in der Stadt, über meine Webseite zu verbreiten. (Exkurs: Die Urban Gardening Bewegung hat mit Liz Christy 1973 in New York ihren Anfang genommen. Daraus entstand eine Green Guerilla Bewegung, die den öffentlichen Raum als «Garden», soziokulturellen Raum betrachtete. Heute gibt es die Green Guerillas als einer der ältesten Urban Gardening Projekte immer noch, vorwiegend in den Armenvierteln von New York, South Bronx und Harlem.). Dabei finde ich alle Gartenprojekte interessant, ob im Schrebergarten, im Schulgarten, im interkulturellen Garten. Urban Gardening hat ja keinen klaren Definitionsbegriff, je nach Wissenschaftsdisziplin (Soziologie, Stadtentwicklung etc.) besteht eine etwas andere Begrifflichkeit. 

Helga König: Können Sie unseren Lesern den Sinn eines "interkulturellen Gartens" vermitteln und welche Chance sich in Städten durch solche Gartenprojekte im Hinblick auf Integration ergeben?

 René Rothmund
(Foto: privat)
René Rothmund: Das Anliegen der interkulturellen Gärten hat zum Ziel, über das Gärtnern geflüchteten Menschen eine mögliche Form der Integration in unsere Gesellschaft zu bieten. Gemeinsam gärtnern mit «Einheimischen» baut Vorurteile ab und ermöglicht so einen gemeinsamen Austausch über das Gärtnern hinaus. Für viele Flüchtlinge ist der Garten auch ein Stück Heimat, die sie verloren haben. Mit dem Anbau von Gemüse und Kräutern aus ihrem Ursprungsland bringen sie diese Heimat in ihren Garten zurück. 

Helga Köng: Welche Erfahrung konnte Sie in sogenannten "Familiengärten" in der Schweiz im Hinblick auf ein besseres Miteinander sammeln?

 Helga König
René Rothmund: Ich hatte das Vorurteil in mir, dass Familiengärten etwas Spießbürgerliches sind. Als ich selber vor 10 Jahren so einen Garten übernommen habe, konnte ich erleben, dass von diesem Vorurteil wenig wahr ist. Natürlich gibt es die herausgeputzten Gärten, aber das sind nur wenige. Neben mir haben 7 Studierende einen Garten, den sie gemeinsam pflegen, eine bosnische Familie baut ihr Gemüse an, eine Frau, die ihren Garten schon dreißig Jahre alleine bewirtschaftet und eine Tomatenspezialistin ist, ist eine weitere Nachbarin. Die Familiengärten sind ein Mikrokosmos unserer Gesellschaft, habe ich festgestellt. Ich kam und komme mit Menschen in Kontakt, die ich in meinem Leben nie kennengelernt hätte und es ergeben sich wundervolle Gespräche daraus. Zudem hilft man sich gegenseitig aus, bei Ferienabwesenheit, mit Setzlingen, mit Tipps und mit Werkzeugen.

 René Rothmund
Foto: privat
Helga König: Wie ich auf Ihrer Homepage gelesen habe, gibt es in der Schweiz das Projekt "Gartenkind", wo 900 Kinder an 75 Gartenstandorten in der ganzen Schweiz ihr eigenes kleines Gartenbeet pflegen und während der Arbeit im Garten Allerlei über das Gemüse, die Gartentiere und die Kreisläufe in der Natur erlernen. Ist dies ein nachahmenswerter Ansatz, um junge Menschen in allen Industrieländern frühzeitig umweltbewusster zu machen und wenn ja weshalb? 

René Rothmund: Unbedingt ja. Die Kinder lernen so schon früh, was eine Kartoffel oder eine Möhre ist und wie sie angebaut wird. Sie bekommen einen ganz anderen Bezug dazu, als wenn die Lebensmittel aus dem Regal im Supermarkt gekauft werden. In der Zwischenzeit gibt es zusätzlich in Zürich und Umgebung nebst dem «Gartenkind» noch die GemüseAckerdemie, die in Deutschland ja verschiedene Preise gewonnen hat. Sie verfolgen mehr einen Bildungsansatz und sind hier in den Schulen integriert. 

 Helga König
Helga König: Sie posteten am 22.6. "Kluge #Landwirtschaft kann die Wüste stoppen: Im Südosten Portugals ringen Menschen um fruchtbaren #Boden. Es ist ein spannender Versuch, die #Wüste zu bremsen. Fruchtbarer Boden dank #Bäumen, syntropische Landwirtschaft.“ Was könnte man vernetzungsmäßig tun, damit solche Informationen auch die zuständigen Stellen in Indien erreichten, wo Bauern sich aufgrund anhaltender Dürre und Ernteausfällen das Leben nehmen, wie Sie kürzlich Ihre Leser informiert haben? 

René Rothmund: Gute Frage. Hmm, wenn ich das wüsste. Ich bin einfach überzeugt davon, das Informationen dazu, ob in sozialen Medien oder in allgemeinen Medien die Bereitschaft erhöhen kann, sich dem Thema bewusst zu werden. In Zeiten des Klimawandels wächst das Bewusstsein, so wie ich das erlebe, dass wir sorgsamer mit unserer Erde umgehen müssen, wenn wir überleben wollen. 

Helga König: Verändert nach Ihrer Beobachtung das Gärtnern die Menschen und wenn ja auf welche Weise? 

 René RothmundFoto: privat
René Rothmund:  Was ich beobachte, ist dass sich die Menschen in der Stadt wieder mehr Naturnähe wünschen. Gärtnern, in einem Gemeinschaftsgarten oder Schrebergarten kann dieses Bedürfnis wieder etwas stillen. Mit dem Gärtnern kommt auch die Neugier dazu, Lebensmittel anzubauen. Ich kenne etliche in der Stadt, die aus diesem Wunsch nach Naturnähe angefangen haben zu gärtnern und nun richtige Freaks geworden sind, die möglichst viel an Gemüse, Salat und Beeren selber anbauen wollen. 

 Helga König
Helga König: Gärtner sollen besonders glückliche Menschen sein. Möchten Sie durch Ihr Engagement zum Glück der Menschen beitragen oder treibt sie ein anderes Motiv hauptsächlich an? 

René Rothmund: Ich glaube für sein Glück ist jeder selber zuständig. Aber gärtnern kann zu neuen Glücksmomenten führen. Ich habe die Webseite vor zwei Jahren gestartet, weil mich im innersten die Frage beschäftigte:» Können wir in der Stadt wieder zu einem großen Teil Selbstversorger werden, unabhängiger von einer Lebensmittelindustrie, die uns mit ihren Produkten teilweise vergiftet?» Welche Voraussetzungen müssten dazu gegeben sein oder müssten sich erfüllen? Wie und was braucht es seitens der Politik, der Städteplanung und von jedem Einzelnen dazu, um sich in diese Richtung zu bewegen? 

Helga König: Sie haben für Ihre Homepage eine ganze Reihe interessanter Interviews realisiert. Was vereint all die Gartenenthusiasten miteinander neben der Liebe zum Grün miteinander? 

 René Rothmund
René Rothmund: Die meisten sind von einer inneren Mission beseelt. Von einer Vision oder Utopie, die Welt zu einem besseren Ort zu gestalten. Dafür haben sie teilweise gutbezahlte Jobs aufgegeben, um sich ihrer Herzensangelegenheit zu widmen. Dabei spielt es weniger eine Rolle, ob diese Mission in einem Schrebergarten oder in einem großen Projekt stattfindet.  

Lieber René Rothmund,  ich danke Ihnen herzlich für das aufschlussreiche Gespräch

Ihre Helga König

Homepage von René Rothmund:"Stadtwurzel – Urban Gardening"

Helga König im Gespräch mit der Diplompsychologin Dr. Gabi Pörner

Die Diplompsychologin Dr. Gabi Pörner ist Expertin für Persönlichkeitsentwicklung, Business Coaching und Achtsamkeitstraining, zudem ist sie Autorin sehr bemerkenswerter Bücher (siehe "Buch, Kultur und Lifestyle/Psychologie).

Liebe Gabi Pörner, es freut mich, dass Sie an dem Ethik-Langzeitprojekt "Interviews- Begegnungen mit Menschenfreunden im Netz" des Onlinemagazins "Buch, Kultur und Lifestyle" teilnehmen.

Dazu nun folgende Fragen an Sie:

Helga König: Wie definieren Sie Mitmenschlichkeit?

 Dr. Gabi Pörner
Dr. Gabi Pörner: 
Mitmenschlichkeit ist die Basis für den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Wir Menschen sind Gruppenwesen. Obwohl jeder Mensch anders – eben einmalig – ist, haben wir alle die gleichen Bedürfnisse – wir wollen als Mensch gesehen, ernst genommen und wertschätzend behandelt werden. Das bedeutet für mich, andere Menschen, aber auch mich selbst mit Stärken und Schwächen zu akzeptieren, Fehler zu verzeihen und daraus zu lernen, uns offen auszutauschen und mitfühlend zu handeln.

 Helga König
Helga König: Was bedeutet Ihnen Fairness?

Dr. Gabi Pörner: Für mich ist Fairness ein Teil der Menschlichkeit und bedeutet, auf einer win-win-Basis mit anderen Menschen umzugehen und zusammen zu arbeiten – uns gegenseitig zu unterstützen und zu ermutigen., so dass Geben und Nehmen letztendlich ausgeglichen sind. Das Gegenteil ist – jemand anderen auszunutzen, ihn für die eigenen Zwecke auf Kosten des anderen einzuspannen, um sich selbst zu erhöhen.

Helga König: Wann ist in Ihren Augen ein Mensch ein Menschenfreund (m/w)?

Dr. Gabi Pörner: Wenn ein Mensch den anderen in seiner Einzigartigkeit - mit dessen Bedürfnissen, Werten, Wünschen, Erwartungen, Zielen anerkennt und sich ernsthaft mit ihm beschäftigt. Auf dieser Basis können wir über alle Themen ehrlich miteinander reden, achtsam miteinander umgehen, sind für Feedback dankbar und können voneinander lernen. Sich selbst nicht mit seinen Gedanken und Gefühlen zu identifizieren, sich nicht für den Nabel der Welt halten, klar sein und Humor helfen dabei ungemein!

Helga König: Ist es für einen Psychologen (m/w) Grundbedingung ein Menschenfreund (m/w) zu sein?

 Dr. Gabi Pörner
Dr. Gabi  Pörner: Es ist wünschenswert. Mich interessiert es in meinem Beruf, mit welchen Anliegen Menschen kommen, welche unbewussten hinderlichen Einstellungen und Schutzprogramme hinter dem offensichtlichen Verhalten stecken, wie derjenige erweiternde Alternativen findet, seine Kraftquellen aktivieren und seine Potenziale entfalten kann. Dabei ist für mich wichtig, mich einzufühlen und dennoch bei mir zu bleiben, nicht zu werten und gegebenenfalls Grenzen zu setzen, das eigene Handeln zu reflektieren und immer wieder zu merken, dass wir alle Menschen sind, verletzlich und stark, mit Höhen und Tiefen und täglichen Lernchancen.

 Helga König
Helga König: Wann wird es Zeit- bei aller Zugewandtheit und Geduld- zu seinen Mitmenschen NEIN zu sagen?

Dr. Gabi Pörner: Wenn das Gefühl aufkommt, manipuliert, ausgenutzt und übervorteilt zu werden. Wenn jemand sich übergriffig verhält, ausschließlich über sich selbst redet, dabei den Gesprächspartner nicht wirklich wahrnimmt und dessen Grenzen verletzt. Das ist leichter gesagt als getan, denn viele Menschen haben unbewusst gelernt, es anderen Recht machen zu müssen. Sie sind geschult darauf, was diese brauchen, so dass sie ihre eigenen Bedürfnisse nicht wahrnehmen oder dass sie ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie sich abgrenzen.

Helga König: Wir erleben im Netz nicht nur Mobber und Stalker, über die bereits genügend geredet worden ist, sondern auch Menschen, die sich in die Herzen ihrer potentiellen Opfer hineinbohren, um auf diese Weise mit ihnen ein übles Machtspiel zu spielen. Mit dieser Thematik befassen Sie sich gerade wie Sie mir erzählt haben. Wie ticken diese HerzenbrecherInnen im Netz, woran erkennt man Sie frühzeitig ?

 Dr. Gabi Pörner
Dr. Gabi Pörner: Ich spreche jetzt von #Romance_Scamming – über Liebesbetrug im Internet. Damit habe als Coach Erfahrungen gemacht. Romance Scamming ist ein Millionengeschäft. Den Scammern (Betrügern) geht es dabei nur um eines: um Geld. Dabei nutzen sie gezielt die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Menschen nach Liebe, Verbundenheit und Nähe aus und gehen sie wie folgt vor:

• Sie legen sich Fake-Profile zu und klauen von anderen Menschen Fotos – sehen darauf gut aus, scheinen erfolgreich und arriviert, haben oft ein Kind.
• Sie haben ein schweres Schicksal hinter sich, gaukeln über Wochen hehre Werte wie "Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Nächstenliebe" vor, sprechen sehr bald von “Liebe“ und gemeinsamem Leben.
• Sie wollen von ihren Opfern alles wissen, scheinen liebevoll, verständnisvoll und bieten eine breite Schulter zum Anlehnen. Sie schicken täglich mehrmals Nachrichten – immer ohne persönliche Ansprache und machen sich unentbehrlich.
• Hat das Opfer sich verliebt, kündigen sie einen Besuch an, doch vorher müssen sie beruflich ins Ausland – meist nach Afrika. Dort erleiden sie einen Unfall, müssen ins Krankenhaus oder gar ins Gefängnis. Die Kreditkarten werden gestohlen, sie haben kein Geld und brauchen Geld, immer mehr Geld. 
• Schickt ein Opfer kein Geld mehr, wird es übel beschimpft und die Beziehung abgebrochen.

Helga König: Wie geht es den Opfern? 

Dr. Gabi Pörner: Sie wurden abhängig von der ständigen Zuwendung, wähnten sich kurz vor dem Ziel ihrer Träume und wurden dann zweifach betrogen – finanziell und emotional. Zudem müssen sie die Trennung von einem vermeintlich geliebten Menschen verarbeiten. Alles zusammen kann traumatisierend wirken und ist eine herausfordernde Aufgabe, diese verletzenden Erfahrungen zu verarbeiten und mit der massiven Selbstkritik, der Scham, aber auch der Wut auf sich selbst und die Betrüger umzugehen. Sie haben dann auch die Chance, aus der Vergangenheit zu lernen, können sich stabilisieren, sich besser verstehen, sich mitfühlend und fürsorglich zur Seite stehen, Selbstvertrauen, aber auch neue Perspektiven gewinnen und ihr Leben achtsam gestalten. 

 Helga König
Helga König: Welche Erfahrung haben Sie selbst auf Facebook mit #Romance_Scammern gemacht? 

Dr. Gabi Pörner: Ich habe einmal über ein paar Wochen mit einem korrespondiert. Mich hat gewundert, wieso er nach mir ständig Komplimente machte und mich schon nach drei Mails anscheinend vermisste. Er sprach mich nie mit meinem Namen an, sondern immer mit "honey". Mir fielen dann kleine Widersprüche auf, schließlich kam mir alles sehr merkwürdig vor, so dass ich den Kontakt abbrach.

Helga König: Achtsamkeit im Umgang mit neuen Followern bzw. Facebookfreunden, wie könnte die aussehen? 

 Dr. Gabi Pörner
Dr. Gabi Pörner:
• Schauen Sie sich das Foto genau an. 
• Achten Sie darauf, ob derjenige Freunde hat und wie lange er schon auf Facebook ist. 
• Ist er mit einigen von Ihren Freunden verbunden? 
• Fragen Sie, wie er auf Sie gekommen ist?
• Bitten Sie um immer neue Fotos (da es Fake-Profile sind, sind auch nur eine beschränkte Anzahl von Fotos vorhanden. Sie passen dann oft nicht zu den von ihm genannten Örtlichkeiten) 
• Wenn verschiedene Punkte, die unter 6. zusammenkommen – brechen Sie sofort den Kontakt ab.

Helga König: Der Aphoristiker #Karl_Feldkamp postete dieser Tage: "Von manchem Facebook-Foto lächelt eine mühsam erhoffte Dauer(-selbst-)verliebtheit." Wie viel persönliches Bildmaterial ist nach Ihrer Meinung Facebookfreunden zumutbar? 

Dr. Gabi Pörner: Facebook und Co. bieten natürlich die Möglichkeit, sich wundervoll mit seinen eigenen Größen- und Idealvorstellungen zu inszenieren und sich selbst mit einer App zu perfektionieren - sich faltenfrei, mit großen Augen, dicken Lippen und superschlank zu präsentieren. Jeder hat auf der Basis von Selbstverantwortung und Wahlfreiheit und die Chance, das zu zeigen, was er für richtig hält – und hat dann mit den jeweiligen Konsequenzen zu leben.

Helga König: Halten Sie Vertrauen im Netz für naiv, würden Sie generell davor warnen? 

Dr. Gabi Pörner:  Vertrauen entsteht nicht von einem Post zum nächsten, sondern kann im Lauf von Monaten durch das Lesen der Nachrichten, den Austausch und Live-Treffen wachsen. 100%ige Garantien gibt es nicht. Aber bei uns hat es doch auch geklappt oder nicht?

Ja, das hat es, liebe Gabi und das beweist, es kann klappen, wenn man offen aufeinander zugeht.

Herzlichen Dank für das aufschlussreiche Interview und die vielen hilfreichen Tipps für die LeserInnen  von "Buch, Kultur und Lifestyle".

Helga König

Anbei die Website von Dr. Gabi Pörner:http://www.tim-training.de/profil_poerner.html

Helga König im Gespräch mit dem Theologen Michael Becker

Michael Becker ist Theologe. Er war 25 Jahre lang Gemeindepfarrer zuerst in Marburg, später an der Bischofskirche St. Martin in Kassel. Die folgenden 15 Jahre bis zum Ruhestand 2013 war er Rundfunkpfarrer beim Hessischen Rundfunk.

Lieber Michael Becker, es freut mich, dass Sie an dem Ethik-Langzeitprojekt "Interviews- Begegnungen mit Menschenfreunden im Netz" des Onlinemagazins "Buch, Kultur und Lifestyle" teilnehmen. Dazu nun folgende Fragen an Sie:

Helga König: Wann verhält sich nach Ihrer Ansicht ein Mensch mitmenschlich?

 Michael Becker
Foto: Anja Köhne
Michael Becker:  Menschlichkeit äußert sich im Mitfühlen wollen. Mitfühlen ist nicht Billigen. Es ist das Wissen darum, dass andere Menschen sind wie ich. Sie sind nicht schlechter, sondern anders. Nur auf diesem Grund darf ich ein Urteil über Handlungen wagen.

Helga König: Welchen Stellenwert hat für Sie Ethik im Hier und Heute?

Michael Becker: Ethik ist zu allen Zeiten der Versuch, das gemeinsame Leben von Menschen in Liebe und Rücksicht aufeinander zu gestalten

Helga König
Helga König: "Hinter mancher Heiterkeit wohnt viel Verzweiflung", haben Sie am 29. März getwittert. Woran kann man diese als Beobachter erkennen und was empfehlen Sie uns zu tun, ohne aufdringlich zu wirken, wenn wir besagte Verzweiflung bei einem Gegenüber wahrnehmen? 

Michael Becker:  Ich meine, Verzweiflung an einer übertriebenen Heiterkeit zu erkennen. Ich kann wenig dagegen tun; nur zuhören. Mitunter spürt der angebliche Heitere bei Rückfragen, dass er viel Traurigkeit überdeckt. 

Helga König: "Ich kenne Menschen, die brauchen andere aus nur einem Grund: Damit diese sie bewundern. Andere sind immer nur Publikum, das diesen Menschen auf der Bühne zu applaudieren hat." Diesen Tweet haben Sie am 27.3. gepostet. Wie gehen Sie mit solchen Narzissten um, ohne Sie zu verletzten? 

  Michael Becker
Foto: Anja Köhne
Michael Becker:  Manchmal mit einer gewissen Ironie. Manchmal gehe ich ihnen aus dem Weg. Gelegentlich weise ich sie vorsichtig darauf hin, dass sie ihre Geltung übertreiben. 

Helga König: "Man sollte nie unterschätzen, wie viel persönlicher Neid sich in sachlicher Kritik verbergen kann", schreiben Sie am 25.3. Wie geht ein Menschenfreund mit versteckten Neidattacken um? 

Michael Becker:  Die kann man nur zu erkennen versuchen durch Gespräche mit anderen – und dann auszuhalten versuchen. Nach einer gewissen Zeit laufen sie dann womöglich ins Leere, mit Hilfe von anderen.

Helga König: "Liebenswert sind Menschen, die, innerlich wie äußerlich, niemals nur so tun, als ob", ist ein weiterer Ihrer Gedanken. Was steckt in der Regel hinter Verschleierungstaktiken tatsächlicher Motive? 

Michael Becker:  Meistens Unsicherheit. Oft eine gewisse Unkenntnis, wer man wirklich ist. Manchmal ein Hang, mehr sein zu wollen, als man ist. 

 Helga König
Helga König: Sie schreiben: "Der Mensch, der zu Dir hält, nicht zu Deinen Taten, sondern zu Dir, weil jeder ja mehr ist als seine Taten, dieser Mensch ist kostbar; und selten." Weshalb sind solche Menschen so selten zu finden, weshalb ist allerorten Persönlichkeitsmangel fast der Normalzustand?

Michael Becker:  Menschen haben oft viel Sorge davor, sich zu erkennen – und erkannt zu werden. Viele wissen nicht, was da wohl herauskommt. Außerdem hält man gerne zu den Stärkeren. Es braucht besondere Kräfte und Selbstwert, zu Menschen zu stehen, die einen Fehler gemacht haben oder gar schwere Schuld auf sich geladen haben.

Helga König: "Aus Gründen der Menschlichkeit ist es nicht erlaubt, den Schmerz eines anderen kleinzureden, nur weil man selber den Schmerz nicht hat.". Können Sie diesen, Ihren Gedanken näher ausführen?

  Michael Becker
Foto: Anja Köhne
Michael Becker:  Im Kleinreden liegt oft ein gewisser Hochmut, der sich in Gedanken äußert wie: ‚Das könnte mir nicht passieren!‘ Doch, kann es. Vielleicht nicht deckungsgleich, aber ähnlich. Der Schmerz eines anderen ist immer wirklich. Ihm begegne ich nicht hochmütig, sondern in Demut und Dankbarkeit, verschont zu sein.

Helga König "Wer Leid aus dem Weg geht, weil er Angst hat, wird nicht ruhiger, sondern vermehrt seine Angst." Was können Menschen tun, um Ihren Ängsten ins Gesicht zu schauen? 
  
Michael Becker: Die größte Hilfe ist wohl das kritische Gespräch mit einem Menschen, der mir auch liebevoll meine Ausflüchte nimmt. Und von dem ich weiß, dass er mich nicht verurteilt. 

 Helga König
Helga König: "Ich wünschte, ich könnte jedem, der mir begegnet, ein wenig Hoffnung geben", haben Sie Ihren Lesern auf Twitter kürzlich mitgeteilt. Was bedeutet Ihnen Hoffnung und weshalb möchten Sie diese gerne an alle, die Ihnen begegnen verschenken?

Michael Becker: Ich habe neulich gedacht, ich wäre gerne von Beruf Hoffnungsentdecker. Ich könnte in einer Hütte auf einem belebten Platz sitzen und Menschen einladen: "Kommt, wir entdecken zusammen die Hoffnung!" Ich möchte Hoffnung entdecken, weil sie Sinn verspricht – auch in dem, was gegen meinen Willen geschieht und mir Schmerzen macht. Persönlich glaube ich, dass jeder Menschen fähig ist, in seinem Leben Sinn zu erkennen; auch wenn man sich das Leben einmal ganz anders vorgestellt hatte.

Lieber Michael Becker, ich danke Ihnen herzlich für das aufschlussreiche Gespräch.

Ihre Helga König

Helga König im Gespräch mit der Sozialpsychologin und Germanistin Christiane Gorius M.A.

Die Sozialpsychologin und Germanistin Christiane Gorius M.A. hat sich auf Rhetorik-, Pilates- und Entspannungsseminare spezialisiert. Insge...