Helga König im Gespräch mit dem Heilpädagogen, Logotherapeuten und bekennenden Lebenskünstler Prof. Dr. Dieter Lotz

Prof. Dr. Dieter Lotz ist Heilpädagoge, Logotherapeut sowie bekennender Lebenskünstler und als solcher, wie seine  Tweets  verdeutlichen, ein humoriger Menschenfreund. 

Lieber Prof. Dr. Dieter Lotz, es freut mich, dass Sie an dem Ethik-Projekt "Interviews- Begegnungen mit Menschenfreunden" teilnehmen. Dazu an Sie folgende Fragen:

Helga König: Was bedeutet für Sie Mitmenschlichkeit? 

 Prof. Dr. Dieter Lotz
Prof. Dr. Dieter Lotz: Mitmenschlichkeit bedeutet für mich, dass unsere Mitmenschen "ohne Ansehen der Person" gleich sind. Jeder Mensch verdient Respekt, Rücksicht und Wertschätzung seiner Person. Das bedeutet aber nicht, alle Taten von Menschen zu akzeptieren! Achte den Täter, aber ächte (mitunter) die Tat! Lautet ein geflügeltes Wort. 

 Helga König
Helga König: Welchen Stellenwert hat für Sie Fairness im Umgang mit Ihren Mitmenschen? 

Prof. Dr. Dieter Lotz: Die Goldene Regel lautet: "Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst." Oder: "Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu." Fairness ist meine Absicht, ob mein Gegenüber mich oder mein Tun als fair bewertet, obliegt seiner Interpretation. Gibt es eine Diskrepanz, so besteht Gesprächsbedarf! 

Helga König: Sie haben dieser Tage nachstehende Forderung retweetet: "Wir brauchen ein philosophisches Studium Generale für ALLE Studierenden (in einem 1. Studienjahr von dann regulär 6 Studienjahren)."Können Sie unseren Lesern begründen, weshalb das nach Ihrer Ansicht wirklich wichtig ist? 

 Prof. Dr. Dieter Lotz 
Prof. Dr. Dieter Lotz: Bildung besteht für mich aus Erfahrung, Wissen und Erkenntnis. Gerade letztere kommt nach meiner Beobachtung in Bildungseinrichtungen zu kurz oder entfällt. Es geht einmal um Erkenntnistheorie und zum anderen um die vertiefende Behandlung existentiell notwendiger Lebensthemen, wie Kommunikation und Konfliktlösungen, oder um finanzielle und physische Haushaltsgestaltungen, um nur wenige der sinnvollen Themen zu benennen.  

Helga König: Carl Ludwig Börne schrieb "Humor ist die äußerste Freiheit des Geistes; Humor ist immer souverän." Wie sehen Sie das? 

Prof. Dr. Dieter Lotz: So ähnlich hat es auch Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, gesagt. Aus seiner Sicht trägt Humor in der Logotherapie dazu bei, dass der Mensch als "Selbstdistanz" sich selber erkennen kann. Er kann über sich lachen! So hat er die Gelegenheit, aus der Verhaftung mit dem Leiden herauszuwachsen. Siehe auch: https://shop.auditorium-netzwerk.de/detail/index/sArticle/5430/sCategory/2818 5)

Helga König: Sie haben meinen Tweet "Wir dürfen Demütigungen nicht zulassen, denn sie schaden unserer Würde. Ohne das Gefühl von Würde, verkümmert der Mensch" retweetet. Was bedeutet für sie ein würdevolles Leben?

 Prof. Dr. Dieter Lotz
Prof. Dr. Dieter Lotz:  Der Begriff Wert hat eine mindestens zweifache Bedeutung. Einmal bezieht er sich auf Materielles, anderseits auf Immaterielles beziehungsweise Ideelles. "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ [Art. 1 Absatz 1 GG] ... und auch einer jeden Person sich selbst und anderen gegenüber! Dieser Anspruch ist zwar als Text und Intention unanfechtbar, er wird aber meines Erachtens viel zu oft mit Füßen getreten! Ja: ohne Wertschätzung und Würdeerfahrung verkümmerte ein Mensch. Wir sprechen hier von Deprivation: ein Mensch wird um seiner existentiellen Bedürfnisse beraubt. Insofern ist Wertschätzung ein Geschenk, ein Kind kann nicht selber seinen Wert fühlen. Es ist nahezu angewiesen auf wertschätzende Resonanz. Tipp: Baer, Udo und Frick-Baer, Gabriele: (2009) Würde und Eigensinn. Beltz Verlag, Weinheim

Helga König: "Psychopathische Machthaber sind unberechenbar. Ihrer Willkür begegnet man wie? Devot? Konfrontativ? Huldigend?" Wie beantworten Sie Ihren jüngst geposteten Tweet?

Prof. Dr. Dieter Lotz: Ihre Unberechenbarkeit macht Psychopathen so gefährlich, insbesondere wenn sie Macht haben über andere, so wie manche -nicht wenige- Führungspersonen. Ich bezweifle leider auch ihre Einsichtsfähigkeit in ihre Persönlichkeitsstruktur. Daher finde ich wirksame Kontrollgremien in Demokratien so wichtig. Diese werden in Diktaturen systematisch abgebaut. Ideal sind oder wären Leitungspersonen, die ihre Aufgabe als Dienst verstehen. Wichtig ist auch, dass sie rechenschaftspflichtig sind, etwa einem Parlament oder ihren Mitarbeitern gegenüber. Sie sind "nur" Bevollmächtigte. 

Helga König: Woran mangelt es den Menschen Ihrer Ansicht in unseren neoliberalen Zeiten am meisten? 

 Prof. Dr. Dieter Lotz
Prof. Dr. Dieter Lotz: Im Bildungsbereich an Muße; Schule sei auch ein Ort der Muße, Reflektion und Besinnung! In der Wirtschaft an Mäßigung. Die Konsumversessenheit lenkt ab vom Wesentlichen. In der Gesellschaft am Sinn für den Anderen. Der Singularismus (nicht der Individualismus!) stehe auf dem Prüfstand der Gemeinschaft. Für wen und mit wem will ich leben? 

Helga König: Woran denken Sie spontan, wenn Sie den Begriff "sich kümmern" hören? 

Prof. Dr. Dieter Lotz: Systeme wie die Familie, Bildungseinrichtungen oder Betriebe leben von Menschen, die sich kümmern und Verantwortung übernehmen! Sie erkennen die Notwendigkeit, sich zu kümmern – unabhängig davon, was andere tun.

Helga König: Ein Mensch mit Humor erfreut seine Mitmenschen. Wie verhält es sich dies Ihrer Meinung nach bei einem ironischen oder gar zynischen Menschen? 

 Prof. Dr. Dieter Lotz
Prof. Dr. Dieter Lotz: Ironie und Zynismus sind Entgleisungen des Humors. Betroffene haben oft selber solche Umgangserfahrungen machen müssen. Wer unstimmig ist als Zyniker etwa, brauchte aus meiner Sicht ein paar (Logo-)Therapiestunden. Die generelle Frage lautet: lebe ich so wie ich lebe mit innerer Zustimmung? 

Helga König: Welchen Stellenwert hat für Sie Gerechtigkeit im Verhältnis zur Freiheit? Die Schwester der Freiheit ist die Verantwortung. Mündet meine Freiheit hinein in Verantwortung für eine Aufgabe oder einen anderen Menschen? 

Prof. Dr. Dieter Lotz: Freiheit sollte also Verantwortung intendieren. Die Gerechtigkeit ist so eine Sache für sich: wer bewertet sich und andere diesbezüglich? Auch hier geht es um die aufrichtige Absicht. Mein akademischer Lehrer Wolfgang Klenner sagte dazu: "Gerechtigkeit gibt es nur im Himmel!"

Lieber Prof. Dr. Dieter Lotz, ich danke Ihnen vielmals für das erhellende Interview
Ihre Helga König

Anbei die Website von Prof. Dr. Dieter Lotz:http://www.heilpaedagogik-lotz.de/

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