Helga König im Gespräch mit dem Instructional Designer und Berater für Ausbildungslösungen Marc Schnau

Marc Schnau ist ein derzeit in der Schweiz lebender Instructional Designer und Berater für Ausbildungslösungen. Auf Twitter kennt man ihn als einen sehr interessierten, menschenfreundlichen Zeitgenossen, mit dem man gerne im Dialog steht.

Lieber Marc Schnau ich freue mich, dass sie am Ethikprojekt "Interviews. Begegnungen mit Menschenfreunden im Netz" teilnehmen. Dazu an Sie nun einige Fragen.

Helga König: Was bedeutet für Sie ein sinnstiftendes Miteinander beruflich als auch privat? 

 Marc Schnau
Marc Schnau: Mir geht es im Miteinander um Toleranz, Zugewandtheit, gemeinsame Werte, gegenseitige Achtung. Wenn man es so beschreiben mag, um unsere Sozial- und Wertegemeinschaft als gesellschaftsumfassende Klammer. Und das sowohl im privaten, wie auch in öffentlichen/beruflichen Bereich. Diese Klammer hat in den vergangenen Jahrzehnten vieles, wenn nicht alles zusammen gehalten. Spätestens seit den 90er Jahren ist aber zu beobachten, wie uns dieser Rahmen mit zunehmender Geschwindigkeit unter den Füßen wegbröckelt. Und diese Entwicklung nimmt vor allem in Ländern mit (rechts-) populistischen Regierungen immer mehr Fahrt auf. Aktuell lässt sich zum Beispiel in Österreich beobachten, wie effizient die Sozial- und Wertegemeinschaft als gesellschaftliches Fundament der Gesellschaft von verantwortlichen Stellen, meist populistisch agierenden Mitgliedern der führenden politischen und wirtschaftlichen Gruppen, gezielt demontiert wird. 

Es beginnt immer mit der Marginalisierung einzelner Bevölkerungsgruppen. Im beruflichen Rahmen sind nach meiner Erfahrung keine guten bis sehr guten Leistungen, zum Beispiel im Projektgeschäft, möglich, wenn es in dem Miteinander Störungen gibt. Vor kurzem habe ich beispielsweise ein großes "Unternehmen" in Wien kennengelernt, in dem Neid, Missgunst und ähnliches vorherrschen. Die Führung begeht dort den fatalen Fehler, nicht aktiv gegen solche Fehlentwicklungen anzugehen. In der Folge ist die Kommunikation innerhalb der und zwischen den Ebenen massiv gestört, die eigentliche Leistungserbringung hängt vor allem an dem überdurchschnittlichen Engagement einzelner Personen. Brechen diese irgendwann weg ... 

Auch die Güte der Leistungen leidet in solch einem Arbeitsumfeld massiv. Mit all dem will ich mich jetzt keinesfalls als der große Menschenversteher, welcher alles richtig macht, hinstellen. Das ganze Thema, übergeordnet würde ich hier vielleicht "Kommunikation" setzen wollen, ist bei weitem nicht so einfach, wie es einen viele glauben machen wollen. Ganz im Gegenteil, es ist eine Angelegenheit von Stolpern, Sackgassen, Schlaglöchern, falschem Abbiegen usw. 

 Helga König
Helga König: Wie entscheidend ist Ihrer Meinung nach Fairness für ein friedliches Miteinander?

Marc Schnau: Fairness … ist meiner Meinung nach nicht das allein Entscheidende. Tatsächlich halte ich Empathie für wesentlich wichtiger. Um eine Situation, Begebenheit oder sonst etwas wirklich fair beurteilen zu können, braucht Mensch zig Fakten. Und dazu muss der oder die Beurteilende diese Fakten auch noch verstehen und richtig einsortieren können. Meiner Meinung nach ist es, mit Ausnahme von Expertinnen/Experten, niemandem wirklich möglich. Hier kommt unter anderem die Empathie ins Spiel, welche Menschen auch befähigt, von der Faktenlage her nicht schnell fassbares grob einzuordnen und in einem gewissen Rahmen zumindest zu gewichten, ggf. grob zu bewerten.

Um auf die Fairness zurückzukommen: Fairness ist natürlich wichtig, Fair zu sein ist aber keine leichte Übung. Ich würde sie sogar als komplex bezeichnen. Mit Offenheit und Gesprächsbereitschaft ist sicherlich ein guter Anfang gemacht. Dazu gehört auch, dass man sich schnellstmöglich von dem Beharren und dem verkrampften Beharren auf Positionen verabschiedet und vielleicht erstmal beginnt, nach Gemeinsamkeiten bzw. gemeinsamen Positionen zu suchen.

Helga König: Sie schreiben in einem Tweet "Und ja, ich denke, dass sich bei geistig gesunden Menschen Empathie ausbilden lässt. Mit der freien Entscheidung tue ich mich schwer". Können Sie den Gedanken hier etwas näher ausführen?

 Marc Schnau
Marc Schnau: Empathie lässt sich meiner Meinung nach trainieren. Indem Mensch lernt hinzuschauen, nicht vorschnell zu urteilt, sondern erst nach Beschäftigung mit den Fakten eine Meinung erlaubt. Grundsätzlich denke ich, dass Empathie eine Fähigkeit ist, die von klein auf erfahren und geübt werden sollte. Das Leben wird spürbar leichter und vielleicht etwas weniger rätselhaft. Was die freie Entscheidung angeht: nein ich denke nicht, dass mit Ausnahme psychisch nicht so ganz gesunder Menschen, jemand das empathische Empfinden belieben ein- oder ausschalten kann. Empathie ist mehr fühlen als denken und unsere Gefühle sind in der Regel einfach da, sie fragen nicht, bestimmen aber einiges.

  Helga König
Helga König: Sie haben mir erzählt, dass Sie seit einigen Jahren zwei Projekte der Stanford-University unterstützen. Dabei geht es darum, Bildung in abgelegene, problematische Regionen dieser Welt zu bringen, so etwa für Kinder von Wanderarbeitern in Südamerika oder im tiefsten Thailand. Können Sie dazu unseren Lesern Näheres berichten? 

Marc Schnau: Bei den Projekten handelt es sich um "1001 Stories" und "SMILE", zwei Bildungsprojekte unter der Überschrift "Seeds of Empowerment", bei denen ich als Project Assistant im Bereich Field Operations and Technology mitwirke. Wobei ich meine Aktivitäten dort aus zeitlichen Gründen deutlich zurückgefahren habe. https://www.seedsofempowerment.org/our-team/ In "1001 Stories" geht es z.B. darum, Kindern der Millionen von Wanderarbeitern in Südamerika mit Hilfe von überlieferten Geschichten und vor allem Liedern nicht nur Lesen und Schreiben zu vermitteln, sondern auch einen Begriff von einer eigenen Kultur nahezubringen. Diese Geschichten, Lieder und darauf aufbauenden Übungen, werden mit Hilfe eigens zu diesem Zweck entwickelter, sehr einfacher, äußerst wartungsarmer Kleinstcomputer in der Breite verteilt, zwischendurch immer wieder neu bestückt und z.B. an kleinen Solar-Stationen geladen. 

Den Eltern werden auf diese Art einfachste Grundlagen der Hygiene, Erstversorgung u.a vermittelt. Seeds of Empowerment bestückt ganze Klassen und Schulen weit draußen, jenseits der sogenannten Zivilisation mit einfachen Laptops oder Tablets, welche mit Lernmitteln bestückt sind. Die Vernetzung innerhalb der Schulen erfolgt mittels einfacher, brotdosengroßer WLAN-Router, die Lehrkräfte und Schüler/innen können so miteinander kooperieren, sich austauchen usw. Wichtig ist auch hier, dass alles robust, wartungsarm, einfach bedienbar ist und über Solarpanels, Autobatterien o.ä. versorgt werden kann. 

Helga König: Sie haben heute in einem Dialog geäußert "Ich habe den Eindruck, dass erhebliche Teile der Bevölkerung dringend das Zuhören lernen müssen." Ist Zuhören eine Grundvoraussetzung für ein friedliches Miteinander und falls ja weshalb? 

 Marc Schnau
Marc Schnau: Diese und die folgenden Fragen und Antworten stehen alle mehr oder weniger miteinander in Zusammenhang. Wir haben einen Stand der Diskussionskultur erreicht, in dem nur noch die eigenen Positionen vertreten, ja verteidigt werden, aber niemand mehr in Ruhe zuhören mag, Es macht nicht nur in den Online Netzwerken den Eindruck, dass, wer am lautesten brüllt, zuletzt Recht behält. Und das lernen die Menschen unter anderem auch in Talkshows, in denen es nur noch um den spektakulärsten Krawall zu gehen scheint. Ja, Zuhören ist ganz sicher eine Grundvoraussetzung für ein friedliches Miteinander. Zu zeigen "Ich höre Dich" und dann sachlich, ohne diese überzogene aufgeblasene Emotionalität, die unterschiedlichen Standpunkte zu diskutieren, ist so wichtig. Im besten Fall stellt man hinterher fest, dass man selbst auch etwas gelernt hat, vielleicht sogar die eigene Meinung hinterfragt, überdenkt und ggf. anpasst. Man könnte ja wirklich falsch gelegen haben. 

  Helga König
Helga König: Sie haben einen Tweet retweetet, den ich sofort gelikt habe, als ich ihn las: "Rassismus ist- wenn Dein Kopf zu klein ist für die Weite der Welt". Was möchten Sie diesem Tweet, diesen kommentierend hinzufügen? 

Marc Schnau: Eigentlich gibt es dazu nicht viel zu sagen. Na, doch: es ist keinesfalls abfällig gemeint. Dahinter steckt eine relativ einfache Wahrheit, nämlich das Unbekanntes oder auch Unbegreifliches Angst bzw. Unsicherheit erzeugt. Heute würde ich so einen Tweet nicht einfach retweeten, es ist missverständlich, hat das Potential, andere Menschen vor den Kopf zu stoßen. Und Menschen, egal welcher Herkunft oder Bildungsschicht, die sich vor den Kopf gestoßen, beleidigt, beschimpft oder gering geschätzt fühlen, sind für sachliche Diskussionen kaum mehr zugänglich. 

Helga König: Ein anderer Tweet, den Sie retweetet haben, lautet "Klarheit verlangt Offenheit im Denken". Was bewirken Denkbarrieren gesellschaftlich und wie könnte man sich gemeinschaftlich bemühen, diese zu beseitigen? 

 Marc Schnau
Marc Schnau: Offenheit bedeutet für mich, dass ich bewusst darauf achte, auch, vielleicht sogar bevorzugt, Meinungen, Artikel und Beiträge zu lesen, wahrzunehmen, die eben nicht meine Meinung wiederspiegeln, sondern eher kontrovers sind und andere Argumente und andere Sichtweisen vertreten. Bewusst die eigene Informationsblase verlassen, sich nicht in gegenseitiger Bestätigung ausruhen, sondern genau hinschauen und den Dialog suchen. Offenheit im Denken verlangt nach Offenheit in der Kommunikation. Gerade in den sogenannten sozialen Medien ist dieses Verharren in der eigenen Filterblase und das Herumdreschen auf Menschen, die es wagen auch kritische, vielleicht sogar missliebige Meinungen zu äußern nahezu ununterbrochen zu beobachten. Ich halte das für sehr gefährlich, der Diskurs stirbt, es geht nur mehr um die Wahrung von Positionen, nicht um die echte Diskussion von Inhalten (die auch mal unangenehm sein darf, oder wehtun darf). just me, Marc 

 Helga König 
Helga König:"Wie kriegen wir Herzenswärme in die Köpfe vieler?“ fragen Sie in einem Tweet. Könnte mehr Herzenswärme in den Köpfen vieler Ihrer Meinung nach die Welt verändern und wenn ja, wie? 

Marc Schnau: Menschen, die sich an die Hand genommen fühlen, die merken, dass sie gesehen, wahrgenommen und respektiert werden, laufen wesentlich weniger in die Gefahr, den heutigen radikalen Rattenfängern und vermeintlichen Heilsbringern jedweder Couleur und politischen Ausrichtung in die Hände zu fallen. Wahrgenommene, gehörte Menschen sind Gesprächen und Argumenten gegenüber zugänglich. Menschen, die abfällig behandelt, an den Rand der Gesellschaft geschoben werden, ganz sicher nicht. 

Helga König: Hat sich Ihre Art zu kommunizieren, durch die sozialen Netzwerke verändert? 

 Marc Schnau
Marc Schnau:  Nein. Ja. Vielleicht. :-) Ich kommuniziere im Netz anders, als im wahren Leben. Im Netz fehlen zu viele Ausdrucksmöglichkeiten, die Diskussionskultur ist teilweise fragwürdig, tlw. wie auf Twitter, durch Zeichenbeschränkungen stark beschnitten. Im Netz tummeln sich ungezählte Sender, aber nur wenige sind anscheinend auch willens zu empfangen bzw. zu diskutieren. In Fachforen sieht das glücklicherweise noch ein wenig anders aus. Twitter, Facebook und Co. sind hier etwas anders aufgestellt. Am meisten missfällt mir, dass mittlerweile auf allen Plattform der Umgang miteinander immer unangenehmer wird und man schon sehr genau schauen muss, wem man folgt, in die Kreise aufnimmt.

Lieber Marc Schnau, besten Dank für das aufschlussreiche Gespräch

Ihre Helga König

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