Helga König im Gespräch mit der Sozialpsychologin und Germanistin Christiane Gorius M.A.

Die Sozialpsychologin und Germanistin Christiane Gorius M.A. hat sich auf Rhetorik-, Pilates- und Entspannungsseminare spezialisiert. Insgesamt hielt sie von 1995-2019 über 1300 Seminare innerhalb der betrieblichen Weiterbildung und der Erwachsenenbildung im Saarland und in der Bodenseeregion.

2010 erschien ihr Buch "Schmetterlingscoaching“, in dem sie die therapeutische Wirkung von Spielfilmen unter die Lupe nahm: Welche Wirkung haben Filme auf unsere Persönlichkeitsentwicklung?

In den nächsten Wochen erscheint ihr neustes Buch, das sich mit Transformation, Resilienz und den Farben der Seele beschäftigt.

Auf Twitter erlebt man sie als sehr engagierte Humanistin, deren Tweets stets zum Nachdenken anregen.
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Liebe Christiane Gorius es freut mich, dass Sie an dem Ethik-Langzeitprojekt "Interviews- Begegnungen mit Menschenfreunden im Netz" des Onlinemagazins "Buch, Kultur und Lifestyle" teilnehmen.

Nun die Fragen:

Helga König: Wie äußert sich nach Ihrer Ansicht Mitmenschlichkeit in Zeiten von Corona?

 Christiane Gorius
Foto: privat
Christiane Gorius: Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen in ihrer Lebensführung vorsichtiger geworden sind. Die letzten Monate haben nicht nur zu einer "Hab-Acht-Haltung" gegenüber sich selbst, sondern auch gegenüber anderen geführt. Natürlich gibt es Ausnahmen. Die meisten Menschen realisieren jedoch, dass das Leben kostbar und zerbrechlich ist. Diese Tatsache verstärkt die Eigenverantwortung gegenüber dem Dasein. So gehen immer mehr Personen und Gruppen gegen strukturelle Ungerechtigkeit vor, was ich persönlich sehr begrüße.

 Helga König
Helga König: Was bedeutet Ihnen Fairness?

Christiane Gorius: "Fair play" ist ein Anliegen, das auf allen sozialen Ebenen Priorität haben muss. Schiller sagte: "Der Mensch ist nur dort Mensch, wo er spielt." In jedem Fußballspiel gibt es Regeln. Wenn wir als Kinder (ich habe 5 Geschwister) ein neues Gesellschaftsspiel bekamen, so hat einer von uns zunächst einmal die Spielregeln vorgelesen und genau erklärt. Das war Ausgangsbedingung, um gerecht miteinander spielen zu können. Das ist für mich Fairness in den kleinsten Dingen. Hier beginnt für mich der Gerechtigkeitsbegriff. Alle sitzen am runden Tisch und haben gleiche Ausgangsbedingungen. Das ist demokratisch und gleichzeitig sehr anstrengend.

Helga König: Sie haben am 9.6.2020 nachstehenden Tweet gepostet: 
"Der Hass lähmt das Leben; die Liebe lässt es frei. Der Hass verwirrt das Leben, die Liebe bringt es in Einklang. Der Hass verdunkelt das Leben, die Liebe erhellt es." Martin Luther King 
Was war Ihr Motiv, diesen Tweet zu verfassen? 

Christiane Gorius: Wenn ich hasse, tue ich mir selbst weh. Genau das war mein Motiv für den Tweet. Im Netz finde ich Hass und Liebe. Beides. Ich höre von Leuten, die den sozialen Medien negativ gegenüber eingestellt sind. Sie meinen, dass auf Social Media vor allem polarisiert, gefaked und angegriffen wird. Übrigens hatte ich bevor ich mich für Twitter entschied, selbst diese Vorurteile gehegt. Twitter und die anderen Medien sind nur so gut, wie wir sie selbst machen! Sie spiegeln die menschliche Seele und ihre Abgründe wider. Damit müssen wir umgehen lernen. Dafür brauchen wir Spielregeln. 

Hass zieht energetisch runter. Er erzeugt eine emotionale Abwärtsspirale negativer Gefühle, die selbstzerstörerisch ist. Hass kann depressiv machen. Hass konfrontiert mit der eigenen "Schwarzgalligkeit! Ist übrigens ein wichtiges Thema meines neuen Buches."Schwarzgalligkeit" ist ein sehr alter Begriff für Depression. Negative Gedanken führen zu innerem Groll. Dieser Groll belastet nicht nur Galle und Leber. Er schlägt auf den ganzen Organismus! Das Beste Mittel gegen Hass ist nach wie vor Liebe. Aber dieses innere Umschalten vom einen Gefühl zum anderen, ist verdammt schwer. Ohne Mitgefühl hat die Menschheitsfamilie keine Chance, um zu überleben. Martin Luther King wurde ermordet, weil er ein Dorn im Auge derer war, die blind vor Hass waren.

Helga König: Sie setzen sich auf Twitter immer wieder für ein „Bedingungsloses Grundeinkommen“ ein. Was könnte das BGE nach ihrer Ansicht bewirken? 

Christiane Gorius: Das #BGE könnte gerechtere Ausgangsbedingungen für alle schaffen. Die Kluft zwischen Arm und Reich hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Die soziale Schieflage wird verstärkt, wenn wir alles so weiterlaufen lassen. Die wenigen Reichen werden im neoliberalistischen Gesellschaftsspiel immer reicher. Wenn ich jedoch jedem 1.200 Euro im Monat gebe, verbessert sich grundsätzlich seine Lebensqualität, was wiederum Auswirkungen hätte auf unser Gesundheitssystem. Das #BGE gibt jedem Menschen seine Würde wieder, denn jeder Mensch ist grundsätzlich wertvoll. Jeder Mensch könnte "fair play" genießen und dadurch viel mehr seinen freien Willen einsetzen in Sachen Jobwahl. Das größte Geschenk, das jeder Mensch besitzt, ist seine persönliche Gabe. Wenn er diese Aufgabe zur Welt bringt zum Wohle aller, wird er nicht nur sich selbst, sondern auch andere zufriedener machen. 

Helga König: Sie schreiben: "Resilienzkompetenz entwickelt sich zwar in der Kindheit, aber kann in jedem Alter erlernt und ausgebaut werden. Es kommt auf die Offenheit des Einzelnen an. Es ist nie zu spät, um gesund zu werden..." Können Sie unseren Lesern Ihren Gedanken näher erläutern und eventuell auch mitteilen, weshalb Resilienz zentral für ein gutes Zusammenleben ist? 

Christiane Gorius: Resilienz bedeutet, dass ich bereits in meiner Kindheit Widerstandskräfte entwickele, um psychisch, physisch und geistig gesund durchs Leben zu gehen. Von der Neuropsychologie wissen wir, dass die Verdrahtungen und Verschaltungen in unserem Gehirn, also seine Neuroplastizität, durchaus veränderbar ist. Genau das ist der Hoffnungsschimmer! Selbst als betagter Mensch kann ich mich weiterhin ändern. Zum Guten hin wie zum Schlechten. Das schlimmste Denkmuster ist für mich: "Schuster bleib bei deinen Leisten." Solche Glaubenssätze zerstören permanent Menschen. Evolution basiert auf Transformation und Wandlungsfähigkeit. Wer Hass umwandeln will in Liebe, muss Resilienz gelernt haben. Resilienz bedeutet, dass ich meine innersten Ressourcen wachrüttele und dafür sorge, dass sie mich durchs Leben tragen. Das ist unser Selbstwerttresor. Dort wo mein Schatten ist, liegt auch meine Kraft. 

Ich selbst beispielsweise leide an Skoliose (Beindifferenz) und muss deswegen täglich Gymnastik machen. Mit Zwanzig bin ich aufgrund dieser Tatsache am damaligen Saarländischen Landestheater während einer Vorstellung vor Rückenschmerzen zusammengebrochen. Mir war also früh klar, dass ich meine Rückenschmerzen ernst nehmen muss und täglich trainieren muss. Zehn Jahre später machte ich mich schließlich selbständig als Pilatestrainerin. Ich wollte das an die Welt weitergeben, was mich selbst heilt. Das ist das beste Selbstheilungsmittel. Zu meinen KurskundInnen gehören auch Leute, die über Achtzig sind. Pilates kann man immer lernen. Resilienz ist die seelische Kraft, die einen Fluch in Segen verwandeln lässt. 

Helga König: Wie unterscheidet sich Selbstliebe von Narzissmus und weshalb ist Selbstliebe mit Nächstenliebe vereinbar? 

Christiane Gorius: Selbstliebe speist sich aus Selbsterkenntnis, Selbstakzeptanz, Selbstfürsorge und Selbstverantwortung. Ich muss mich radikal mit mir selbst und meinen seelischen Abgründen konfrontieren. Das tut weh. Da schwappt auch Scheiße hoch. All das gehört zu mir. Auch meine Albträume. Selbstliebe ist der Stoff meines Nervenkostüms. Er ist nicht nur toll, sondern kann stinken. 

Narzissmus hingegen grenzt aus. Er blendet bewusst all das aus, was an meinem Ego knabbert. All das Kranke, Hässliche und Unangenehme wird nach Außen projektiert. Narzissmus sucht einen passenden Sündenbock. Er ist anfällig für Hass, Rassismus und Faschismus. 

Selbstliebe aber bedeutet, dass man sich annimmt, so wie man ist. Selbstliebe ist die Urform der Liebe. Denn jeder Mensch wird geliebt, wenn er sich selbst liebt (Resonanzgesetz). Wenn ich mich selbst liebe, werde ich also auch fähig, andere zu lieben. Leute, die sich selbst nicht lieben, kaufe ich die Empathie nicht ab. 

Helga König: Sie schreiben: "Die einen Menschen sind für uns die Hölle, die anderen sind das Paradies..." Wann wird ein Mensch für Sie zur Hölle? 

Christiane Gorius: Gute Frage! Ein Mensch, der mich einengt in meinen Grundrechten, macht mir das Leben zur Hölle. Ein Mensch, der mich meines freien Willens beraubt, sorgt garantiert dafür, dass ich ihn hassen muss. Wenn ich hasse, komme ich in einen Teufelskreis, denn letztlich hasse ich mich dann auch selbst. Wenn ich hasse, kann ich theoretisch zur Furie werden. Wenn ich Furie bin, will ich zerstören. Ich will draufhauen! Ich bin also nicht mehr in meiner inneren Mitte. Ich kann Hass nachempfinden, da ich als Schauspielschülerin in Hamburg auch Rollen von Mörderinnen einstudierte. Ich kann das nachempfinden. Ich bin sehr impulsiv. Gerade deswegen brauche ich jeden Tag Dinge, die mir gut tun und etwas Ruhe, um mich zu entspannen. Höllisch sind für mich also Menschen, die aus mir schlimmstenfalls eine Mörderin machen könnten.

Helga König: Sie haben meinen kürzlich verfassten Tweet "und im Übrigen bin ich der Ansicht, dass man #Julian_Assange endlich aus der Haft entlassen sollte" retweetet. Wofür steht Julian Assange Ihrer Ansicht nach? 

Christiane Gorius: Julian Assange hat das für uns ans Tageslicht gebracht, was weltweit gen Himmel stinkt. Er hat hervorragenden Journalismus gemacht. Die wichtigsten Medienhäuser der Welt waren an seiner Arbeit so lange interessiert, wie er ihr Goldesel war. Man hat von ihm glänzend profitiert! Als die USA ihn jedoch zum Staatsfeind erklärten, ließ man ihn eiskalt fallen. Der Fall zeigt, dass wir es leider auch mit einem moralischen Verfall gewisser Medien zu tun haben. Julian Assange sollte unbedingt entlassen werden! 

Helga König: Was bedeuten Ihnen die sozialen Netzwerke und was könnte hier verbessert werden? 

Christiane Gorius: Wie bereits oben erwähnt. Wir brauchen ethische Regeln innerhalb der sozialen Medien. Ich erlebe neben sehr erfreulichen Tweets leider auch Cybermobbing. Wenn es die Blocktaste nicht gäbe, wäre ich schon lange nicht mehr auf Twitter. Trotzdem sehe ich in den sozialen Netzwerken eine demokratische Ressource von großem Wert. Jeder kann zum Sender werden, wenn er es möchte. Ich gebe hier zu, dass ich eine Anhängerin von Klarnamen und echten Personenfotos bin. Das habe ich mal offen gepostet und bekam glatt einen Shitstorm. Es gab Leute, die mir schrieben, dass sie die Anonymität brauchen, um sich sozial zu schützen. Verstehe ich nur teilweise. Kann es nicht einen Zusammenhang geben zwischen Anonymität und Hass-Tweets? Ich nehme die Klarnamen ernster als die Katzenfotos. Mein gutes Recht, denn ich bekenne schließlich auch Farbe. 

Helga König:  Wie äußert sich Gleichgültigkeit von Mensch zu Mensch Ihrer Beobachtung nach im Hier und Jetzt am häufigsten? 

Christiane Gorius: Gleichgültigkeit ist eine Vorform des Konformismus. Wenn alles egal ist, entsteht ein Vakuum, dass von politischen Kräften genutzt werden kann, die ein Interesse am Ende der Demokratie haben. Der Konformismus ist immer ein idealer Nährboden für Nazis. Von Willi Graf habe ich gelernt, dass jeder Einzelne immer die ganze Verantwortung trägt. Wenn ich jedoch gleichgültig bin, so räume ich dem Guten und dem Bösen gleiche Chancen ein. Deswegen ist das Böse so banal (siehe Hannah Arendt). Für das Gute lohnt es sich jederzeit und überall, Farbe zu bekennen. Ich schließe mit Mark Aurel: "Die Seele hat die Farbe deiner Gedanken."  

Liebe Christiane Gorius, besten Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

Herzlich Helga König

Anbei  der Link zur  Homepage von Christiane Gorius: http://www.chrigorius.de/

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