Helga König im Gespräch mit Klaus Pohlmann, CEO einer Softwarefirma

Lieber Klaus Pohlmann, Sie sind CEO einer Softwarefirma und lassen in Ihren Tweets erkennen, dass Sie sich für Fairness und ein gutes Miteinander engagieren. 

Helga König: Augenhöhe scheint für Sie ein immer wiederkehrendes Thema zu sein. Können Sie hierzu Näheres erläutern? 

 Klaus Pohlmann
Klaus Pohlmann: Dieses scheint ein Eindruck von außen zu sein. Nun, da Sie es aber ansprechen, kann ich versichern, dass vor jeder Sache der Mensch steht, mit dem gesprochen, diskutiert oder entschieden wird. Sprechen meint auch hören, zuhören. Sich einlassen. Ein weites Feld. Augenhöhe heißt für mich aber auch, jenseits von Rollen, der Sache oder Aufgabe gemeinsam ihre Aussage abzuringen. 

Helga König: Welche Grundbedingungen müssen nach Ihrer Ansicht erfüllt sein, damit ein Mensch als fair handelnd bezeichnet werden kann? 

Klaus Pohlmann: Als fair lässt sich schlussendlich all das bezeichnen, was im Geben und Nehmen, in jeder Diskussion eine einseitige Vorteilnahme ausschließt. Ich denke jedoch auch, dass diese Prämisse eine idealistische ist und nicht ständig erreicht wird. Näher kommt man vielleicht, wenn akzeptiert wird, dass nicht Gleichheit, sondern Gerechtigkeit oberster Probierstein im menschlichen Miteinander vorherrscht. Ein Versuch, denke ich. 

 Helga König
Helga König: Ihr Motto, das Ihrem privaten Twitter-Account zugrunde liegt, lautet "Mehr Erfahrung, als auf einen Standpunkt geht, macht man schnell." Was bedeutet dies, im Hinblick auf Ihre ethischen Betrachtungsweisen? 

Klaus Pohlmann: Zwischen meinem Motto und dem hohen Gut der Ethik liegt sicher eine große Entfernung. Denn dieses Motto bedeutet doch nur, dass ein Standpunkt etwas Kleines ist und mit jeder Erfahrung der Platz auf dem Standpunkt minimiert wird und damit Neues nicht mehr erfahren werden kann. In diesem Zusammenhang fällt mir der Aphorismus von Walter Benjamin ein. Er schrieb, "Überzeugen ist unfruchtbar". Das ist der vielleicht beste Vergleich zum Standpunkt. In der Umkehrung folgt die Botschaft: Öffne Dich Deinen Mitmenschen und öffne Dich neuen Erkenntnissen.

Helga König: Dieser Tage haben Sie einen Satz des Widerstandskämpfers Hans Scholl gepostet: "Inmitten einer Welt der brutalen Negation erkenne ich die positiven Werte. (…) Die Schatten sind um des Lichts willen da. Aber das erste ist das Licht." Was geht Ihnen bei diesem Satz durch den Kopf? 

  Klaus Pohlmann
Klaus Pohlmann: Nun, die Welt ist ein Dualismus. Nichts gilt ohne sein Gegenteil. Alles, ob Gut und Böse, Hell und Dunkel etc wird erst dadurch erkennbar. Hans Scholl nimmt dieses in seinen Fokus, erkennt aber eine Priorität. Das Positive, hier das Licht, ist zuerst, denn nur dadurch entsteht der Schatten. Vielleicht denkt er an die Szene im Studierzimmer. Goethes Faust gibt dort beredtes Beispiel. 

Helga König: Was möchten Sie Ihren Followern durch die von Ihnen vermutlich nicht grundlos ausgesuchten, wöchentlich geposteten Sentenzen von Philosophen vermitteln? 

Klaus Pohlmann:  Ach, was muss in allem eine Absicht liegen. Für mich ist es eine Freude, gewisse Weisheiten aus der Philosophie oder aus den Leseerfahrungen zu posten. Ein wenig für mich und mit dem Glück möglicher positiver Resonanzen. Denn es gibt genügend Menschen, die sich in dieser Welt jenseits der täglichen Herausforderungen geistig auf einer anderen Ebene bewegen oder bewegen möchten. Interessant ist, dass man sich gegenseitig kaum kennt, außer in diesem virtuellen Raum. Manes Sperber hat im Zusammenhang von Autor und Leser über die Begegnung zweier Einsamkeiten gesprochen. Vielleicht passt das zu den virtuellen Begegnungen.

 Helga König
Helga König: Sie haben dieser Tage zudem nochmals an Frank Schirrmachers Buch "Technologischer Totalitarismus" erinnert. Weshalb war Ihnen dieser Post wichtig? 

Klaus Pohlmann: Frank Schirrmacher, zu früh gestorben, war einer der großen Denker dieser Zeit. Mit luzider Klarheit konnte er Dinge sehen, benennen und aufrütteln. Ich weiß, dass ich hier nur den Autor ansprechen kann. Denn seine Haltung zu anderen Menschen war durchaus ambivalent. Darüber will ich hier nichts sagen. Aber seine Bücher, geschrieben in den Zeiten zunehmender Digitalisierung und Beobachtung, Bewertung in den sozialen Medien, sind schon aufschlussreich. Sein letztes großes Werk: EGO widmet sich der Gegensätzlichkeit von Individualismus und Gesellschaft in Zeiten der technologischen Erneuerung. Das Buch ist noch zu erwerben. 

Helga König: Zu Ihren Lieblingsposts scheint ein Satz von Kafka zu gehören. Dieser lautet: “Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.” Welches Buch empfehlen Sie habsüchtigen Zeitgenossen in diesem Zusammenhang und weshalb? 

  Klaus Pohlmann
Klaus Pohlmann: Zunächst kann ich nur sagen, dass ich Kafka gerne lese und jedem auch empfehle. Man muss aber auch bereit sein, diesen Existentialismus Kafkas auszuhalten, die Tiefe menschlicher Empfindung aus Scheitern und Leben anzunehmen. Ihre Frage bezüglich habsüchtiger Zeitgenossen führe ich auf Ihren Diktus und Ihre Präferenz auf Twitter dem Thema gegenüber zurück. Dieses teile ich nicht. Wenn Sie aber über ein Buch nachdenken, das dem Haben ein Sein gegenüberstellt, dann sind Sie immer noch bei Erich Fromm, Haben und Sein. Egal zu welcher Zeit, hier liegt tiefe Menschlichkeit als Prämisse, ein eigenes Leben in einer Gemeinschaft zu ermöglichen.

 Helga König
Helga König: Welche Bedeutung hat Musik nach Ihrer Ansicht für ein positives Miteinander? 

Klaus Pohlmann: Als im September 2001 die Zwillingstürme in New York ein Ground Zero erschufen, stand die Welt Kopf. Im Oktober des gleichen Jahres erschien das Apple iPod. In der Biographie von Steve Jobs steht sinngemäß, was er in dieser düsteren Atmosphäre als für die Zeit notwendig ansah: Musik. Warum Musik? Wir lieben Musik und es sei immer gut, das zu tun, was man liebt. Und es ist mehr als einsichtig, dass Sehen einen Horizont hat und nur nach außen geht. Musik, wie jeder Laut, ist unbegrenzt und bewirkt eine Resonanz ins Innere. Denken Sie nur an das Buch Mose. Der bedeutende Satz dort: Höre, Israel. Höre!! Und was meine Posts angeht, wissen Sie ja, dass es durchaus verschiedene youtube-links zu gewissen Vorlieben gibt. Bach, Chopin, Pink Floyd und manchmal neu Entdecktes. Die Bedeutung von Musik darf man nicht unterschätzen. 

Helga König: Worauf müssen sich die Menschen bei zunehmender Digitalisierung einstellen und worauf sollten alle achten im Zusammenhang mit digitaler Kommunikation? 

  Klaus Pohlmann
Klaus Pohlmann: Sich einstellen zu wollen, ist ein Stillstand. Es bleibt bei einer ständigen Entwicklung, einer ständigen Veränderung. Diese gilt es zumindest zu sehen und darin eine Entscheidung zu treffen, wo Teilhabe erfolgt oder eben nicht. Ich denke auch, dass Menschen unterschiedlichen Alters dort unterschiedlich mitmachen oder profitieren. Vor einiger Zeit hat Armen Avanessian in der Sternstunde im Schweizer Fernsehen folgendes gesagt: "Wenn man einen technologischen Analphabetismus pflegt, werden die Steuerungsmöglichkeiten immer geringer." Er sieht also eine Form von Selbstbestimmung nur dort, wo Kenntnis vorliegt. Da hat er Recht. Was die Kommunikation angeht, wird es nicht anders werden als im Moment. Das Trollwesen, die unterschiedlichen Arten auf Menschen zuzugehen, bleibt. Ändern lässt sich wenig außerhalb des eigenen Selbst. Wenn es einen Rat geben soll, dann bleibt nur der: Verhalte Dich, wie man sich Dir gegenüber verhalten soll. Immer. Und in Bezug auf den zur Zeit grassierenden Hass, verzichte auf eine gleichgeartete Spiegelung.

  Helga König
Helga König: Was möchten Sie zu Ihrem Strindberg- Tweet "Die ganze Kultur ist eine große, endlose Zusammenarbeit" ausführen? 

Klaus Pohlmann: Betrachtet man die Welt der Unternehmen und verfolgt ein wenig den neuen Gedanken nach New Work, Eigenverantwortung, Selbstführung und Führung, fällt auf, dass die Veränderung zwar durch eine Technologie initiiert, aber letztendlich eine zwischenmenschliche und damit kulturelle Veränderung darstellt. Diese neue Kultur erzwingt in letzter Instanz das Einreißen von Silos. Vertikale Strukturen werden verlassen zu Gunsten horizontaler Strukturen mit ausgeprägter Kommunikation. 

Lassen wir den Bogen zur Frage 1 zu, dann bestimmt gerade Augenhöhe diese Kommunikation. Kommunikation mit vollständiger Beteiligung aller, jenseits antiquierten Silodenkens, fordert eine an den Unternehmenszielen ausgerichtete Zusammenarbeit, heute unter dem Stichwort "Kollaboration" in aller Munde. Was Strindberg vor über 100 Jahren postulierte, war ein Wunsch in einer Zeit der Industrialisierung. Aber wir sehen, dass Literatur nicht an Bedeutung verliert, wenn es um die Zukunft geht, in der die Kultur des Miteinanders das Zueinander in der Zusammenarbeit fordert.

Lieber Klaus Pohlmann, ich danke Ihnen für das aufschlussreiche Gespräch.

Ihre Helga König

Link zum Twitter-Account: https://twitter.com/KlausW_Pohlmann

Helga König im Gespräch mit Sonya Winterberg, finnlandschwedische Journalistin, Autorin und Filmemacherin.

Liebe Sonya Winterberg, Sie sind eine finnlandschwedische Journalistin, Autorin und Filmemacherin. Gemeinsam mit Ihrem Ehemann Yury haben Sie u.a. eine Biographie über Käthe Kollwitz geschrieben. Dieses Buch habe ich damals auf "Buch, Kultur und Lifestyle" vorgestellt.

Am 20. 2. 2018 haben Sie auf Twitter auf Ihre Reportage "Kinderhandel- mitten in Europa" hingewiesen, die auf Arte ausgestrahlt wurde und dort noch bis zum 20.5. 2018 verfügbar ist. In dieser Reportage, die Sie gemeinsam mit Sylvia Nagel gemacht haben, zeigen Sie zu welch niederträchtigem Verhalten Menschen fähig sind.

Auf Wikipedia erfährt man, dass die Schwerpunkte Ihres Tuns "Krieg, Trauma, soziale Gerechtigkeit und Integration" sind, das heißt demnach, dass Sie Ihr Leben offenbar dem Altruismus gewidmet haben.

Meine Fragen an Sie in diesem Zusammenhang:

Helga König: Was bedeutet für Sie Mitmenschlichkeit?

 Sonya Winterberg
Copyright: Susanne Pech
Sonya Winterberg: Es ist für mich eines der wichtigsten philosophischen und spirituellen Konzepte. Jeder Mensch ist zuallerst ein Mensch, der fühlt, denkt, spürt. Jeder Mensch trägt Liebe in sich und jeder hat Anliegen, das Bedürfnis zu wachsen, sich zu entwickeln. Dies anzuerkennen und das Gegenüber als Mensch zu begreifen, ist für mich die Grundlage von Mitmenschlichkeit. 

 Helga König
Helga König: ...und was bedeutet für Sie Fairness? 

Sonya Winterberg:  Dafür gibt es ja auch ein deutsches Wort und Konzept: Anständigkeit. In erster Linie bedeutet das für mich einen positiven sozialen Umgang mit anderen. In meiner Arbeit ist es aber auch das Beschreiben von Zuständen, die weniger "anständig" sind. Oft geht es dabei um die angemessene Verteilung von Ressourcen, den Zugang zu Informationen oder die Art und Weise, wie in Gesellschaft und Politik Entscheidungen getroffen werden. 

Helga König: Ihre Reportage, die mich sehr entsetzt hat, zeigt, wozu Soziopathen fähig sind. Sie thematisieren dort, wie minderjährige Mädchen und Jungs sexuell ausgebeutet, gefoltert sowie zum Betteln geschickt werden und kaum eine Chance haben, der Tortur zu entkommen. Worin sehen Sie die Ursachen für das unsägliche Verhalten der Menschenhändler und Täter? 

  Sonya Winterberg
Copyright: Susanne Pech
Sonya Winterberg:  Im Prinzip ist das ja eine Frage, die unser Film an die Zuschauer stellt. Ich habe darauf keine einfache Antwort. Phänomene wie Sklaverei und Zwangsprostitution sind so alt wie die Menschheit. Nun hat sich die Gesellschaft, auch in sozialer Hinsicht, entwickelt und es gibt heute einen weitgehend sozialen Konsens bei uns und in dem, was wir als westliche Welt bezeichnen, dass bestimmte Verhaltensweise nicht akzeptabel sind und auch strafrechtlich verfolgt werden müssen. Dazu gehören die allgemeinen Menschen- und auch Kinderrechte. Was mir allerdings als nicht gelöst scheint, ist wie wir diese Rechte garantieren. 

Wenn uns ein Polizist sagt, dass er keine Ressourcen hat, gezielt nach Kindern zu suchen, mit denen gehandelt wird, weil die Ressourcen in die Terrorbekämpfung gesteckt werden, ist das ebenso traurig wie die Aussage, dass die Polizei im Darknet kaum ermitteln kann. Es ist eine Rechtsgüterabwägung, die häufig zu Ungunsten der Schwächsten ausgeht. Eine Missverständnis möchte ich noch ansprechen. Ja, die Täter wirken auf uns abnorm (Sie sagen "Soziopathen"), wenn wir um ihre Taten wissen. Das Phänomen ist jedoch so häufig, dass wir leider davon ausgehen müssen, dass es sich um relativ normal wirkenden Menschen handelt. Väter, Großväter, Nachbarn, Arbeitskollegen. Gerade im Bereich sexueller Ausbeutung geben zwar viele Männer zu, sich von besonders jungen Mädchen oder Jungfrauen angezogen zu fühlen. Kaum einer mag jedoch darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn sie die entsprechenden Dienstleistungen in Anspruch nehmen. 

 Helga König
Helga König: Wie man erfährt, ist das Internet der bevorzugte Marktplatz für die "Ware" Kind, und hier besonders das "Darknet", das seinen Nutzern Anonymität gewährt. Was müsste seitens aller Staaten getan werden, damit endlich das "Darknet" offen gelegt werden kann, um diesem grausamen Spuk ein Ende zu bereiten?

Sonya Winterberg: Ich denke es ist unrealistisch zu glauben, man könne das Darknet auflösen oder verbieten. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Anonymität des Darknets ein wichtiger Schutz ist, beispielsweise für Dissidenten in Diktaturen. Die Frage, die sich für uns im Hinblick auf das Darknet ergeben hat, ist vor allem, wieso Politik und Gesellschaft offenbar nicht gewillt ist, Polizei und Ermittler so auszustatten, dass sie beispielsweise illegale Angebote hacken und verfolgen können. 

Wenn ein Ermittler im Film sagt, dass sie "in einschlägigen Zeitungen und dem offenen Internet" ermitteln, zeigt das die Hilflosigkeit der Behörden. Einschlägige Zeitungen meint insbesondere Anzeigenblätter, das "offene Internet" wiederum endet für die Landeskriminalämter an den Grenzen ihres jeweiligen Bundeslandes. Doch der Markt richtet sich ja nicht diesen Grenzen oder Medien. Was uns bei den Recherchen wirklich entsetzt hat, ist wie einfach der Zugang zu diesen Märkten ist und wie wenig und wie inkompetent dagegen vorgegangen wird. 

Helga König: Wurden Sie bei Recherchen zu diesem furchtbaren Thema von den Schwerstverbrechern bedroht? 

  Sonya Winterberg
Copyright: Susanne Pech
Sonya Winterberg: Auch hier möchte ich nochmal vor vereinfachenden Stereotypen warnen. Wer sind diese "Schwerstverbrecher"? Sie sind in allen sozialen Kreisen anzutreffen, häufig in leitender Stellung, in Vertrauenspositionen, die auch Zugang zu Kindern haben. Das können Funktionsträger in Kirche und Pädagogik sein, leider auch Richter und Polizisten. Direkt bedroht wurden wir nicht, allerdings hatte ich mehr als eine unangenehme Begegnung mit Männern, die sich ertappt fühlten. In Osteuropa habe ich auch Täter getroffen, die eher stolz auf ihr Tun waren. Vor der Kamera werden sie dann jedoch eher einsilbig.

 Helga König
Helga König: Wie konnten Sie Kontakt zu Opfern herstellen und welche immer wiederkehrende Erfahrung haben Sie dabei gemacht? 

Sonya Winterberg:  Hilfsorganisationen, die im Bereich Kinderhandel tätig sind, haben uns bei der Suche nach Opfern unterstützt. Die wiederkehrende Erfahrung ist, dass den Grausamkeiten und dem Leid keine Grenzen gesetzt sind. Ich habe in meinen gut zwanzig Jahren als Journalistin viel gesehen und gehört. Diese Recherche hat das nochmals bei weitem übertroffen. Einiges davon konnten wir auch nicht zeigen. 

Helga König: Sie zeigen u.a. eine "Sklavin", die eine bereits getötete "Sklavin" auf Anweisung eines Soziopathen zerstückeln musste. Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, dass diese Frau von Ihrem Trauma geheilt werden kann, auf welche Weise wird Ihr und anderen Opfern von staatlicher Stelle geholfen? 

  Sonya Winterberg
Copyright: Susanne Pech
Sonya Winterberg:  Eine Heilung von Traumata im klassischen Sinne (dass das Trauma, die Erinnerung ausgelöscht wird) gibt es nicht. Die Opfer lernen im besten Fall mehr oder weniger gut damit zu leben, wenn sie aus der Situation gerettet wurden. Die meisten sind ihr gesamtes weiteres Leben damit belastet. Enge Bindungen wie Partnerschaft und Kinder sind ungeheuer belastet, körperliche Symptome wie Schmerzempfinden sind anders entwickelt und überhaupt ist das Vertrauen in andere Menschen dauerhaft gestört. Viele leiden ihr Leben lang unter starken Depressionen und nicht wenige nehmen sich auch das Leben, weil sie mit den Erinnerungen schlicht nicht leben können. Von staatlicher Seite gibt es wenig Hilfen, wobei dies auch in allen Ländern unterschiedlich ist. 

Die Internationale Organisation für Migration (IOM), eine Agentur der Vereinten Nationen, ist diesbezüglich am weitesten, was das Wissen um die Bedarfe der Opfer angeht. Doch selbst dort gibt an zu, dass die Unterstützung der Opfer nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. 

 Helga König
Helga König: Wenn sich die Händler und potentiellen Täter im Internet herumtreiben, scheint erhöhte Achtsamkeit auch in den sozialen Netzwerken notwendig, um Mädchen und junge Frauen zu schützen. Was empfehlen Sie diesbezüglich? 

Sonya Winterberg: Erst einmal sollten Lehrer und Eltern selbst kompetenter im Umgang mit den sozialen Medien werden, um ihren Kindern entsprechende Medienerziehung angedeihen zu lassen. Die Tatsache, dass junge Menschen, häufig Minderjährige, Nacktfotos von sich über Whatsapp, Snapchat und ähnliche Dienste verschicken, lässt sie schnell zu Opfern werden. Vielen Kindern und Jugendlichen ist nicht klar, dass das Internet "public domain", also öffentlich ist. Es ist nicht schwer, ein Account in diesen Diensten oder ein Mobiltelefon zu hacken. Woher weiß ich, wer mein Gegenüber ist? Wie schnell kann ein Foto über die sozialen Medien verbreiten? Warum sollte ich niemandem schreiben, den ich überhaupt nicht kenne? 

All diese Dinge werden meines Erachtens noch zu wenig mit Kindern und Jugendlichen besprochen. 

Helga König: Welche Resonanz gab es bislang auf Ihre Reportage? 

Sonya Winterberg: Es gibt bislang eine Mischung aus Entsetzen und Ungläubigkeit bis hin zu positiven Rückmeldungen der Hilfsorganisationen, Ermittler und Opfer. 

Helga König: Welche Möglichkeiten sehen Sie, sich in den sozialen Netzwerken für Integration und soziale Gerechtigkeit sinnstiftend einzusetzen? 

  Sonya Winterberg
Copyright: Susanne Pech
Sonya Winterberg: Das Netz ist eine digitale Abbildung unserer analogen Welt. Hier wie dort hat jeder die Möglichkeit positiv zu agieren, auf Missstände hinzuweisen oder diese öffentlich zu machen, und sich für soziale Belange einzusetzen. Wir alle setzen hier einen Ton. Wer Hassbotschaften und menschenverachtende Inhalte teilt, macht sich unter Umständen nicht nur strafbar, sondern trägt zu einer Verrohung unserer (Um-)Welt bei. Sie fragten am Anfang des Interviews nach meinem Begriff von "Fairness". Es liegt an jedem von uns, dass soziale Netzwerke Orte des Anstands, der Höflichkeit und des Mitgefühls sind. Manche finden das vielleicht langweilig, aber das Leben ist eben kein Computerspiel, das mir erlaubt, meine Mitmenschen ständig zu verletzten oder gar zu töten.

Liebe Sonya Winterberg, ich danke Ihnen vielmals für das aufschlussreiche Gespräch.

Ihre Helga König

Link zur Reportage bitte hier klicken:"Kinderhandel- mitten in Europa"

Helga König im Gespräch mit Peter Denker, Autor von pädagogischen Publikationen.

Der Autor  Peter Denker hat Schulen aus unterschiedlichen Perspektiven kennengelernt und  zwar als Abiturient, Lehramtsstudent, Praktikant, Referendar, Vater von drei Kindern, Gymnasiallehrer, Fortbildungsmoderator für "Schulentwicklung", Schulaufsichtsbeamter, Schulleiter und Autor von pädagogischen Publikationen. 

Helga König: Was verstehen Sie unter mitmenschlichem Verhalten? 

 Peter Denker
Peter Denker:  Dazu gehört nach meinem Verständnis alles, was eine Persönlichkeit ausmacht, der man gern begegnet. Das umfasst z.B. Aufmerksamkeit, Aufgeschlossenheit, freundlicher Blickkontakt, klärendes aber unaufdringliches Nachfragen, bedächtiges Urteilen, rücksichtsvolles Handeln, situationsangemessene Hilfsbereitschaft, vertrauensstiftende Diskretion und Zuverlässigkeit. 

Helga König:  Ist Fairness eine Erziehungsfrage? 

Peter Denker:  Eher ein Erziehungsziel, keine Frage! Fairness hat mit Wertschätzung der Individualität und Achtung seiner Würde und Gleichberechtigung zu tun. Erziehung in Schule und Elternhaus soll dazu anleiten, sich bei beobachteter oder mangelnder Fairness die Empfindungen der Beteiligten vorzustellen und zu beschreiben. Danach lässt sich klären, welches Verhalten gut wäre. 

 Helga König
Helga König: Was muss aus pädagogischer Sicht getan werden, damit die Kommunikation im Netz friedfertiger wird? 

Peter Denker: Es bedarf einer Erziehung, die dazu anleitet, sich die Wirkungen eigener Äußerungen auf andere und deren Rückwirkung vorzustellen, bevor man sich "outet". Mein jüngst von Ihnen geposteter Gastbeitrag "Kinderstreit schlichten" gibt dafür ein Beispiel. Eltern, Lehrkräfte und Freunde können dabei behilflich sein. Allerdings gibt es im Netz Trolle, die Hass, Diffamierung und Desinformation verbreiten, um politisch zu agitieren. Bei denen hat erkennbar eine Erziehung zum verantwortliche Gebrauch der Freiheit gefehlt oder versagt. Da hilft wohl nur noch die Anwendung rechtsstaatlicher Sanktionen. Die aber erfordern, dass redliche Bürger Abscheuliches dokumentieren und zur Anzeige bringen. 

Helga König: Sie haben auf Twitter folgenden Satz gepostet: "OPTIMISMUS ist nicht der Glaube, es werde schon alles gut, sondern angesichts unlösbarer Probleme immer zu fragen: "Was geht trotzdem?" Wie kann man diesen Gedanken einer Gesellschaft näher bringen, in der es immer mehr "Burn-Out"- Kranke gibt, und ist dieser Gedanke vielleicht der Schlüssel dazu, nicht zu rasch auszubrennen? 

  Peter Denker
Peter Denker: Mit diesem Satz gebe ich dem verbreiteten Sprichwort "Wer aufgibt, hat schon verloren" eine positive Wende. Schülern, Kollegen und befreundeten Menschen konnte ich damit schon eine von ihnen begehbare Brücke aus drohender Resignation heraus bauen. Ob er dazu taugt, sogar Burn-Out-Kranken zur Gesundung zu verhelfen, hängt davon ab, ob sie die Suche nach einem Ausweg aufnehmen wollen und können. Depressive Menschen benötigen meistens professionelle Hilfe, deren Therapieerfolg in die Suche nach gangbaren Wegen mündet. Die Anregung, bei Hilflosigkeit durch Perspektivwechsel nach alternativen Möglichkeiten zu suchen, ist indes ein universeller, erzieherisch wie therapeutisch wirksamer Schlüssel zur Wiedererlangung von Selbstvertrauen und Wohlbefinden. Diesen Schlüssel der Gesellschaft anzudienen ist ein Leitgedanke meiner Publikationen.

  Helga König
Helga König:  Auf Facebook und auf Twitter haben Sie zudem eine Art Ode an die Balance verfasst. Könnte es sein, dass Menschen durch das Multitasking ihre Balance verloren haben und was kann man tun, um im Hier und Jetzt - bei allen Aufgaben, die es zu erledigen gilt -, die Balance wiederzufinden? 

Peter Denker: Auf meiner Autorenseite publicationes.de gibt es neben dem Gedicht "Balance" auch einen Beitrag "Balance suchen", in dem ich verdeutliche, wie wichtig und hilfreich es ist, Entweder-Oder-Aussagen und Alternativlos-Behauptungen in Frage zu stellen: "Wirklich?" - Auch Verallgemeinerungen als solche zu entlarven, zielt auf Ausgewogenheit. Zwischen Zuwenig und Zuviel, zwischen Alles oder Nichts, zwischen Getrennt oder Gemeinsam jeweils das Maß zu finden ist, bei dem sowohl man selbst als auch das Gegenüber sich möglichst wohl fühlen können, macht Balance aus. Damit gelingt die Suche nach einer Lösung, die verschiedene Anforderungen ausgewogen berücksichtigt. Das verlangt Übung und Konzentration. Beiläufig oder im "Multitasking-Modus" ist das kaum möglich. Gerade dann ist es unerlässlich, sich mental zurückzulehnen und sich auf das vorrangige Problem zu fokussieren. Wenn man sich dann die voraussehbaren Folgen möglicher Handlungsweisen sorgsam abwägend bewusst macht, kann man tragfähige, ausbalancierte Entscheidungen treffen. In Hast hingegen führt der Mangel an Balance wie beim unachtsamen Seiltänzer zum Absturz. Sein Geschick, sein Training und sein beständig konzentrierter Blick auf das Ziel bewahren ihn davor. 

Helga König: Sie sind Betreiber der Website publicationes.de, der die Leser viel Lehrreiches entnehmen können. Welchen Stellenwert hat Ihrer Meinung nach die Pädagogik in der Heranbildung eines nicht persönlichkeitsgestörten Menschen, der sich dem Guten, Wahren und Schönen verpflichtet fühlt? 

  Peter Denker
Peter Denker: Der Pädagoge hat es mit verschiedensten Heranwachsenden zu tun. Jedem versucht er behilflich zu sein, seine Möglichkeiten zu entfalten – Gerald Hüther nennt es "Potentialentfaltung" – und sich zu einer Persönlichkeit mit dem eingangs beschriebenen mitmenschlichen Verhaltensweisen zu entwickeln. Hat der Lehrer einen Schüler vor sich, der sich schon dem Guten, Wahren und Schönen verpflichtet fühlt, macht ihm das mehr Freude als Mühe. Die große Herausforderung an Pädagogen ist es aber, in möglichst vielen Jugendlichen die Haltung zu veranlagen, die sie befähigt, ihre Freiheit in Verantwortung für sich selbst, für einander und für die Umwelt engagiert und vorausschauend zu gebrauchen. Es geht in der Pädagogik nach meinem Verständnis darum, hierfür das Bewusstsein zu trainieren. Zuerst bei den Erziehenden selbst, deren so gewonnene Persönlichkeitsmerkmale den Heranwachsenden Orientierung geben.

  Helga König
Helga König: Welche Bedeutung haben für Sie Werte und welche Werte möchten Sie durch Ihre Publikationen primär vermitteln? 

Peter Denker: In meinen Publikationen vermeide ich die Aufzählung von Werten, weil dadurch Leser verleitet werden könnten, den Autor je nach den erwähnten oder ausgelassenen Werten in eine Schublade einzuordnen, die irgendein Etikett trägt, das dem Anliegen des Autors nicht gut entspricht. Mir geht es mehr um Verhaltensweisen und Kompetenzen, die der individuellen Entfaltung, dem friedlichen Miteinander und der Erhaltung der Umwelt dienen. Das umfasst auch ein Wertebewusstsein, das in diesem Sinne taugliche von untauglichen Verhaltensweisen zu unterscheiden weiß. Natürlich übertragen sich Wertvorstellungen des Pädagogen auf manche seiner Schüler und solche des Autors auf einige Leser. Bisweilen schärft sich durch Ablehnung ein abweichendes, eigenes Wertempfinden. Der gute Pädagoge soll Vorbild sein, ja, aber keine Kopiervorlage. Er darf sich zu seinen Wertvorstellungen bekennen und deren Nutzen für das Individuum, die Gesellschaft und die natürlichen Ressourcen erkennbar machen. Ein guter Pädagoge ist daran zu erkennen, dass seine Schüler spüren: „Du und deine Fortschritte sind mir lieb und wichtig.“ 

Helga König: Halten Sie es für möglich, dass man durch Aufklärung Menschen dazu bewegen kann, sich menschenfreundlicher und damit vernünftiger zu verhalten? 

  Peter Denker
Peter Denker: Weniger durch "Aufklärung" als durch "Bewusstseinsbildung"! Denn die Trainierbarkeit des Bewusstseins ist – so sehe ich es – der Schlüssel zu effektiver Selbststeuerung und zu pädagogischem Wirken. Die Verhaltensmaximen der Bibel oder von Immanuel Kant mögen behilflich sein, das Bewusstsein zu schärfen. Aber der sokratische Optimismus, man müsse den Menschen nur sagen, was recht ist, dann würden sie aus Einsicht vernünftig handeln, ist weltfremd. Aufklärung klingt in meinen Ohren nach Richtungsweisung. Erziehung als Bewusstseinsbildung will hingegen dazu befähigen, unter vielen möglichen Wegen den eigenen zu finden und ihn – nach vorausschauender Prüfung – engagiert einzuschlagen. 

  Helga König
Helga König: Was bewegt Sie in den sozialen Netzwerken am meisten und welche Ihrer Erfahrungen möchten Sie hier weitervermitteln? 

Peter Denker: Die meisten Kontakte konnte ich bislang über Linkedin und XING knüpfen und erfreulicherweise damit Menschen erreichen, zu denen eine Interessenaffinität besteht. Auf publicationes.de habe ich ja ein recht breites Spektrum von Erfahrungen veröffentlicht, erkennbar mit den Schwerpunkten Bildung & Erziehung, Wissen & Glauben (mit Philosophie und Psychologie) und Schulpolitik. In Facebook, Twitter und YouTube ist die Anzahl der Kontakte noch recht überschaubar und weniger homogen. Einerseits möchte ich auch dort Aufmerksamkeit für meine Publikationen gewinnen, andererseits traue ich mich aber auch, meine Meinung z.B. zu Freihandel, Umweltschutz, Lobbyismus und Zeitumstellung zu äußern. Weil ich die deutsche Sprache gern "mein liebstes Spielzeug" nenne, macht es mir Freude, auf Twitter und Facebook Sentenzen und Aphorismen zum Besten zu geben. Schließlich biete ich seit einiger Zeit auf YouTube einen eigenen Kanal "Praktische Pädagogik" an, in dem neben gelinkten auch eigene Video-Clips zu finden sind. 

Helga König: Welche Botschaft haben Sie an Eltern und Lehrer im Netz? 

Peter Denker:  Sie sollten die Folgen Ihres eigenen Verhaltens bedenken – besonders im Hinblick auf Ihre Vorbildfunktion und Verantwortung für die Zukunft Ihrer Kinder bzw. Schüler! Deren Interessen und Aktivitäten sollten sie Beachtung schenken und sich erklären lassen und dabei auch anregen, ihr Verhalten zu reflektieren.

Lieber Peter Denker, ich danke Ihnen für das aufschlussreiche Interview.

Ihre Helga König

Anbei der Link zur Website von Peter Denker: http://publicationes.de/
Anbei der Link zur Gastkolumne von Peter J. Reichard: http://gastkolumne.blogspot.de/2018/05/gastkolumne-peter-j-reichard-gewalt.html

Helga König im Gespräch mit Bernd Rodekohr, Diplomdesigner und Betreiber der Website "Zeichen & Taten"

Lieber Bernd Rodekohr, Sie sind Diplomdesigner und waren u.a. als Dozent an der Design Akademie Berlin tätig, bevor Sie 1999 eine Werbeagentur gegründet haben, die heute "ZEICHEN & TATEN" heißt. Dort arbeiten Sie als Gestalter, Texter und Konzeptioner für Kunden aus der Bio-Branche, für Stiftung Warentest und für Verlage. Wie sehr Sie engagiert sind in punkto Ökologie und sozialer Gerechtigkeit, kann man Ihren Tweets täglich entnehmen. 

Helga König: Was bedeutet für Sie Mitmenschlichkeit?

 Bernd Rodekohr
Bernd Rodekohr: Die Frage ist ebenso schwer wie einfach zu beantworten. Ohne Mitmenschlichkeit wäre alles nichts. Allein die Mit-Menschlichkeit ist es, die uns mit unseren Mitmenschen verbindet. Sie ist die Grundlage für menschliches Mitgefühl, sie ist die Basis unseres sozialen Miteinanders. Darüber definiert sich der Mensch, denn der Mensch ist ein soziales Wesen. Ohne seine Sprache, ohne seine Kultur, ohne die Liebe, ohne die Achtung seiner Mitmenschen – was wäre der Mensch? Er wäre so stumm und hoffnungslos wie ein verlorener Stern in den Weiten des Alls. Wir brauchen die Mitmenschlichkeit, um uns überhaupt als (singuläre) Menschen verstehen zu können.

 Bernd Rodekohr
Helga König: Und was verstehen Sie unter Fairness?

Bernd Rodekohr: Fairness könnte man auch »angewandte Mitmenschlichkeit« nennen. Sie ist der Maßstab für einen ausgewogenen Interessenausgleich. Ihre Aufgabe ist es, Reiche und Mächtige auf die natürlichen Rechte der Schwächeren und der Armen hinzuweisen. Fairness ist sozusagen das »Recht des Schwächeren« auf Gerechtigkeit gegenüber dem »Recht des Stärkeren« auf Ungerechtigkeit. Dies bedeutet für den Stärkeren, das es seine Aufgabe ist, dem Schwächeren ein Stück weit mehr entgegenzukommen, als er eigentlich müsste, wenn sein Handeln fair sein soll handeln. Insofern bedeutet Fairness auch, auf das zu verzichten, was man sich nehmen könnte, einfach »weil man es kann«. Dieser freiwillige Verzicht ist nicht »kapitalismuskompatibel«. Und daher wird der Begriff der »Fairness« in Zeiten des Kapitalismus leider gern missbraucht. Trump etwa redet gern von »fairen Deals«. Dabei kann es im Kapitalismus keine Fairness geben. Die Idee, »aus Fairness« auf etwas zu verzichten, was man sich eigentlich nehmen könnte, widerspricht den Prinzipien des Kapitalismus diametral. Der Kapitalismus geht vom Prinzip der Gewinnmaximierung, letztlich der Bereicherung, aus. Darum tut sich der Kapitalismus auch so schwer mit der Fairness. Fairness setzt die Bereitschaft voraus, dem Schwächeren so weit wie nur irgend möglich entgegenzukommen, so lange es für alle anderen gerade noch verträglich ist. Diese Bereitschaft fehlt bei Teilen der Gesellschaft, die das kapitalistische Prinzip der Bereicherung so weit verinnerlicht haben, das sie sogar Flüchtlinge »Bereicherer« nennen. Sie können sich nicht mehr vorstellen, dass es ein Recht des Schwächeren auf Gerechtigkeit gibt: Fairness.

Helga König: Ihre Kunden kommen aus der Bio-Branche. Der Gedanke der "Nachhaltigkeit" ist dieser Branche ja nicht fremd. Wie lange wird es noch dauern, bis man diesen wichtigen Gedanken nachhaltig in das Bewusstsein aller Konsumenten übermittelt hat und welche Konsequenzen könnte dies haben?

 Bernd Rodekohr
Bernd Rodekohr: Eigentlich ist der Gedanke der Nachhaltigkeit ja schon bei den allermeisten Konsumenten angekommen. Wer will nicht, dass es unseren Enkeln besser geht als uns selbst. Und nichts anderes bedeutet Nachhaltigkeit ja: Nur so viele Ressourcen zu verbrauchen, dass diese sich regenerieren können, damit noch genug da ist für unsere Kinder und Kindeskinder. Und ebenso wissen die allermeisten Konsumenten, dass sie eben nicht nach dieser Maxime handeln. Insgesamt verbrauchen wir in Deutschland dreieinhalb mal so viele Erden, wie wie dürften, wenn unsere Nachkommen noch eine lebenswerte Umwelt vorfinden sollen.

Bio ist ein kleiner aber wichtiger Schritt, um diesen Irrsinn langfristig zu beenden. Wer Bio kauft, tut mit seinem Kauf auch etwas für den Umweltschutz und gegen das Insektensterben, indem er hilft, die Pestizidbelastung auf den Feldern zu verringern. Eigentlich müsste »Bio« Standard in der Lebensmittelbranche sein, da der ökologische Landbau ressourcenschonend und nachhaltig wirtschaftet. Leider wird aber die deutlich geringere Umweltbelastung bei ökologisch erzeugten Lebensmitteln von der Gesellschaft nicht finanziell honoriert. Müssten die Umweltkosten konventioneller Produkte von den Konsumenten getragen werden, wäre Bio nicht teurer, als konventionell. Es geht also darum, dass die Politik hier umsteuern muss. Die Folgekosten der industriellen Landwirtschaft müssen in die Produkte eingerechnet werden. Die Umweltbelastung durch Massentierhaltung beispielsweise.

Die EU-Agrarförderpolitik hingegen belohnt »Umweltsauereien«, indem sie große unökologische Betriebseinheiten subventioniert und anstatt Qualität und Umwelt zu fördern. Natürlich, in einem Land, in dem die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht, ist es für Ärmere ein echtes Problem, sich Bio zu leisten. Und niemand kann wollen, dass Arme sich schlechter ernähren müssen. Also müssten die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Bio für jederman/frau bezahlbar machen. Dafür müsste Bio auf kleineren Höfen stärker gefördert werden. Hoffentlich kriegen wir diese Agrarwende hin, bevor unsere Insektenpopulation irreparabel geschädigt ist.

 Helga König
Helga König: Neulich ging durch die Presse, dass Queen Elisabeth keine Strohhalme und Plastikflaschen mehr im Buckingham-Palast akzeptiert. Sie möchte, dass die königliche Familie weniger Plastikmüll produziert. Könnte die Queen beispielbildend für das Verhalten vieler Menschen werden, wenn man ihr Tun vielerorts kommuniziert und welche Folgen könnte dies für die Bio-Branche haben?

Bernd Rodenkohr:  Die Aktion der Queen ist eine tolle Sache! Zumal sie ja nicht nur auf Plastikflaschen und Strohhalme verzichten will, sondern „über die gesamte Organisation hinweg« generell auf Plastik in all ihren Schlössern. Es ist immer gut, wenn Promis mit Vorbildfunktion sich für eine gute Sache engagieren. Auch wenn die Queen bei uns natürlich nicht annähernd den Stellenwert hat, wie in Großbritannien. Daher dürfte die Aktion auf unsere Biobranche auch kaum einen Einfluss haben. Grundsätzlich sehe ich Aktionen wie diese nicht ganz unproblematisch. 

Da sie hauptsächlich Symbolcharakter haben, werden sie von vielen Menschen als bloße PR-Aktion wahrgenommen. Viele werden sagen »Die Queen hat gut reden. Die kann sich vielleicht teure Strohhalme von Manufaktum leisten und Plastikschüsseln gegen Porzellanschüsseln austauschen. Ich kann das nicht!«. Reiche haben es leichter beim Umweltschutz als Arme. Und es gibt noch einen Punkt, der kritisch gesehen werden sollte. Wenn ich zum Beispiel lese, dass das Landwirtschaftsministerium eine Aktion »bienenfreundlicher Balkon« initiiert, zugleich aber Pestizide wie Glyphosat und Insektizide wie Neonicotinoide erlaubt, die maßgeblich das Insektensterben mitverursachen, erscheinen solche an sich begrüßenswerten Aktionen als billige Nebelkerzen, die gezündet werden, um nicht die wahren Probleme angehen zu müssen. Kurzum: Solche Aktionen sind nur so gut, wie der Akteur, der sie veranstaltet, auch glaubwürdig ist.

Helga König: Sie haben neulich nachstehenden Tweet gepostet: "Laut der europäischen Umweltagentur sterben in Deutschland jährlich etwa 72.000 Menschen an den Folgen von #Luftverschmutzung. Angesichts dieser Zahlen ist es verblüffend, dass erst jetzt ernsthaft über so sinnvolle Maßnahmen wir kostenloser #Nahverkehr nachgedacht wird." Wie ließe sich das Ihrer Meinung nach finanzieren?

 Bernd Rodekohr
Bernd Rodenkohr: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Warum sollten deutsche Städte nicht schaffen, was das viel ärmere Tallinn bereits seit 2013 schafft? Gerade weil sich das Konzept bewährt hat, soll ab dem Sommer kostenloser Nahverkehr in weiten Teilen Estlands eingeführt werden. Zweitens entstehen durch kostenpflichtigen ÖPNV auch hohe Kosten, die man gegenrechnen muss. Etwa Kontrolleure oder Schwarzfahrer. 

Fast jeder dritte Häftling in der Berliner Haftanstalt Plötzensee sitzt wegen Schwarzfahrens ein. Jeder Insasse kostet den Staat täglich rund 100 Euro. Ganz zu schweigen von den nicht immateriellen Folgekosten des gegenwärtigen Zustandes wie schlechte Luft, Lärm, Zeitverlust durch Staus, Unfälle, Stress … unterm Strich würde der Nutzen einer Entlastung der Innenstädte vom Individualverkehr die Kosten für den kostenlosen ÖPNV aufwiegen. Klar, billig wird das nicht. 

Aber wir zahlen ja auch alle solidarisch für das Straßen- und Schienennetz. Da wäre auch eine Umlage für den öffentlichen Personennahverkehr, eine Erhöhung der Parkgebühren und Ähnliches, denkbar. Zur Finanzierung eines kostenfreien ÖPNV gäbe es viele Wege, wenn man sie beschreiten will. Letztlich müssen wir Prioritäten setzen. Und natürlich bräuchten wir trotzdem die blaue Plakette und die Verpflichtung zur Nachrüstung manipulierter Fahrzeugen auf Kosten der Hersteller. Sofern wir ernsthaft etwas gegen dreckige Luft und den vorzeitigen Tod von 72.000 Menschen tun wollen. 

 Helga König
Helga König: Gepostet haben Sie auch "Über 250.000 Kinder weltweit werden gezwungen, zu töten. Waffen gehören nicht in Kinderhände. Auch nicht als »Gag« am »Tag der Bundeswehr«. Nie! #RedHandDay. Wie ließe sich weltweit ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Waffen nicht in Kinderhände gehören?

Bernd Rodekohr: Eigentlich bin ich optimistisch, dass das Bewusstsein, dass Waffen nicht in Kinderhände gehören, schon jetzt vorherrschende Meinung ist. Die allermeisten Menschen wollen einfach Frieden und keinen Krieg für sich und ihre Kinder. Weltweit. Kindersoldaten sind eine krankhafte Erscheinung und Kinder mit der Waffe in der Hand werden zum Glück fast überall als unmoralisches Übel gesehen, das man nicht hinnehmen kann. Was in vielen Regionen der Welt oft noch fehlt, ist eine aktive Erziehung zum Frieden. 

Und ja, leider gibt es Kriegspropaganda für Kinder, nicht nur in Nordkorea und in den waffenvernarrten USA. Erst vor ein paar Tagen ließ eine DITIB-Moschee in Deutschland Kinder für den türkischen Sieg beten. Zum Glück war aber auch die Empörung auf diese Kriegspropaganda hierzulande riesig. Dabei dürfen wir nicht vergessen: Selbst hier in Deutschland gab es noch vor kurzem Wehrkundeunterricht an den Schulen der DDR. Und noch zu meiner Schulzeit wurden Zivildienstleistende von Lehrern als Drückeberger bezeichnet. Es braucht alles seine Zeit. Aber das Bewusstsein, dass Kinder nichts an Waffen verloren haben, wird sich letztlich durchsetzen. Und dafür braucht es vor allem Bildung, freie Presse und die Erziehung zum mündigen Bürger, der Kriegspropaganda als solche entlarven kann.

Helga König: Welche Erfahrungen machen Sie auf Twitter, wenn Sie Tweets wie diesen setzen "Deutsche Panzer morden in einem völkerrechtswidrigen Krieg, den die türkische Regierung mit dem Hashtag »#Syrien soll brennen, #Afrin soll vernichtet werden« anfacht und #Rheinmetall geht davon aus, das die Panzer nachgerüstet werden dürfen. " Ungeheuerlich!“?

 Bernd Rodekohr
Bernd Rodekohr: Wenn man Kritisches über Erdogans Politik postet und insbesondere, wenn man seine Kurdenpolitik angreift, muss man damit rechnen, hasserfüllte und wütende Kommentare türkischer Nationalisten und Trollen zu ernten, oft auch mit Drohungen. Auch hier ließen die Wutkommentare nicht lange auf sich warten. Türkische AKP-Nationalisten sind sehr präsent in den sozialen Netzwerken, auch in Deutschland. 

Wie intolerant das AKP-Regime ist, konnte man auf der Münchner Sicherheitskonferenz beobachten, wo Cem Özdemir unter Polizeischutz gestellt werden musste. Es liegt aber in unserem Interesse hier in Deutschland, Erdogan in Afrin Einhalt zu gebieten. Wenn dieser Krieg weiter eskaliert, wird die hasserfüllte, repressive Atmosphäre, die auf der Türkei wie Blei lastet, zunehmend auch die Atmosphäre bei uns in Deutschland vergiften, den Konflikt zwischen Kurden und Türken hier weiter verschärfen und letztlich auch uns immer tiefer in diesen Konflikt hineinziehen. 

 Helga König
Helga König: Sie schreiben: Wer von #Meinungsfreiheit und #Pressefreiheit redet, kann zur Algorithmendiktatur nicht schweigen. Können Sie dies näher erläutern?

Bernd Rodekohr: Wenn wir im Internet unterwegs sind, machen wir uns meist gar nicht klar, wie das, was wir sehen, zustande kommt. Wer entscheidet eigentlich, was wir zu sehen bekommen? Es sind Computerprogramme, Algorithmen. Algorithmen wählen aus, welche Follower wir in der Timeline sehen, welche Videos wir auf YouTube schauen und welche Artikel und Meldungen uns empfohlen werden. Sie suchen aus, welche Produkte uns gefallen könnten. Die von Webkonzernen eingesetzten Programme haben vielleicht mehr Macht über unsere Wahrnehmung als die Kirche über einen Menschen des Mittelalters. Das ist uns aber überhaupt nicht bewusst. Es ist verblüffend, wie wenig wir diese diktatorische Fremdbestimmung als Diktatur empfinden. Diese subtile Vorauswahl manipuliert dabei unsere Möglichkeiten, uns unsere Meinung selbständig zu bilden. 

Der Algorithmus lernt unsere Vorlieben allmählich immer besser kennen und wählt danach für uns diejenigen Filme und Texte aus, von denen es meint, das wir damit am meisten Zeit auf der jeweiligen Plattform verbringen. Dieser Mechanismus funktioniert nach einem Suchtschema. Die Dosis derjenigen Meinung, die wir leicht präferieren, wird in kleinen Dosierungen sukzessive immer weiter verstärkt. Ein Programm, das unser Verhalten simuliert und darauf angesetzt wurde, sich möglichst viele YouTube-Videos hintereinander anzusehen, landete somit verlässlich immer bei Horror und Verschwörungstheorien. 

Algorithmen verstärken unterschwellig vorhandene Vorurteile. Ganz automatisch - und heimtückisch. Das Problem bei dieser sich selbst verstärkenden Algorithmendiktatur ist, dass sie uns in »Echoräume« und in Filterblasen führt, die wir kognitionspsychologisch nicht bemerken. Die Kenntnis und die Beherrschung der Funktionsweise von Algorithmen eröffnet diktatorischen Regimen großartige, geradezu orwellsche Manipulationsmöglichkeiten. Facebook experimentiert inzwischen sogar damit, per Webcam und via Gesichtserkennung zu analysieren, wie sich Jugendliche gerade fühlen, um dann beispielsweise Kids mit Selbstzweifeln gezielt die passende Werbeantwort in Form eines »coolen« Produkts liefern zu können. Die Möglichkeiten der Algorithmen sind schier uferlos. Wir täten gut daran, sie einer öffentlichen Kontrolle zu unterwerfen, bevor wir uns den Algorithmen unterwerfen. 

Helga König: Welche aufklärerischen Hoffnungen haben Sie im Hinblick auf Ihr Netzwerk in den sozialen Medien?

 Bernd Rodekohr
Bernd Rodekohr: Ich habe durch mein - sehr heterogenes - Followernetzwerk enorm viel gelernt. Es sind viele hochinteressante Menschen darunter, von Links bis Rechts, von Muslimen über Christen, Juden und Buddhisten bis hin zu Atheisten, Junge und Alte mit den unterschiedlichsten Interessen von Philosophie über Natur und Politik bis hin zu Design und Astrophysik. 

Es gab bisher viele inspirierende Diskussionen, von denen ich profitiert habe. Ein Twitteruser schrieb einmal sinngemäß: »Wer seine Meinung beim Recherchieren nicht mindestens einmal ändert, hat etwas falsch gemacht.«. Umgekehrt hoffe ich natürlich auch, für andere ein Mosaikstein zu sein, mit dem sie ihren Horizont erweitern können. In Bewegung zu bleiben, sich - auch streitbar - mit anderen auszutauschen, sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen, Empathie zu entwickeln für das Denken und Fühlen meiner Mitmenschen: Dies ist meine »aufklärerische« Hoffnung und eine Chance für uns alle, wenn wir die sozialen Netzwerke richtig zu nutzen verstehen. 

 Helga König
Helga König:  Sie habe vor Kurzem ein Porträt des von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer gepostet. Zählt er zu Ihren Vorbildern und wenn ja, weshalb?

Bernd Rodekohr: Was ich an Dietrich Bonhoeffer bewundere, ist seine unbedingte Menschlichkeit und Gradlinigkeit. Dies hat für mich nicht unbedingt etwas mit Glauben zu tun, nicht zwingend etwas mit Gott, aber durchaus schon etwas mit einem Gefühl für Spiritualität. 

Bonhoeffer war ein Vertreter des sogenannten »religionslosen Christentums«. Er fragte sich, ob »überhaupt etwas von Gott gesagt werden könne«. Das Offenhalten des philosophischen Denkens und zugleich ein ganz praktisches, konsequentes persönliches Einstehen für humanistische Ideale, die Geradlinigkeit beim Kampf gegen die Judenverfolgung und den Nationalsozialismus: Dietrich Bonhoeffer war tatsächlich eine Persönlichkeit, die mich fasziniert. Ob Bonhoeffer ein Vorbild für mich ist, hatte ich mich ehrlich gesagt noch nie gefragt. Ich denke aber ja, Menschen wie er sind durchaus Vorbilder für mich.

Lieber Bernd Rodekohr, ich danke Ihnen herzlich für das aufschlussreiche Gespräch.

Ihre Helga König

Anbei die Website von Bernd Rodekohr: http://www.bernd-rodekohr.de/


Helga König im Gespräch mit der diplomierten Sozialarbeiterin Andrea Bredenbröker

Liebe Andrea Bredenbröker, Sie sind diplomierte Sozialarbeiterin sowie Autorin und lassen Ihre Leser wissen, dass Sie ein Jahr in Kenia lebten, bevor Sie Ihr sozialwissenschaftliches Studium abgeschlossen haben. Auf Ihrem Twitterprofil weisen Sie darauf hin, dass Ihre Schwerpunkte: Sensibilität, Kreativität und Sozialphilosophie sind. Folgt man dem in Ihrem Profil eingefügten Link, so gelangt man auf Ihre Website, wo man sich über Sie, Ihr Denken und Tun ein wenig kundig machen kann.

Helga König: Können Sie unseren Lesern kurz erläutern, was man unter dem Begriff Sozialphilosophie zu verstehen hat und worauf es Ihnen hierbei speziell ankommt?

 Andrea Bredenbröker
Andrea Bredenbröker: Die Sozialphilosophie, auch Gesellschaftsphilosophie genannt, beschäftigt sich mit Fragen zu einer Gesellschaft, ihrem Aufbau, ihren Strukturen sowie dem Verhältnis des Einzelnen zu ihr. In konkreter Hinsicht bedeutet dies, dass sie sich beispielsweise mit der Frage beschäftigt, wie sich Arbeitslosigkeit auf die Selbstachtung auswirkt, wie in  intimen Beziehungen Konflikte behandelt werden oder was Menschen spontan unter den Begriffen Ehre, Gerechtigkeit oder fairer Entlohnung verstehen (Spiegel, Ausgabe 36/2007). Die Ergebnisse werden in Beziehung zu dem gesetzt, was nicht nur der Horizont der berühmten Frankfurter Schule ist, sondern jeder Sozialphilosophie: Auch ohne Heidegger kann man es "das Eigentliche" nennen. 

Mir kommt es beim Thema Sozialphilosophie speziell darauf an, wie eine Gesellschaft auf den Einzelnen einwirkt, wie sich Normen- und Wertesysteme daraus ergeben können und gleichwohl, wie eine Gesellschaft am Beispiel des Holocausts entgleiten kann. Als junge Studentin wollte ich eine Magisterarbeit zum Thema Holocaust fertigen. Sie trug den Titel "Zur Bedeutung des Holocausts auf die jüdische Philosophie unter besonderer Berücksichtigung sogenannter Holocaust-Philosophen". Am Ende musste ich feststellen, diesem Thema nicht in der von mir selbst erwarteten Weise gerecht werden zu können. Ich fühlte mich damals wie eine "solide Halbphilosophin" und gab mein Vorhaben auf. 

Heute sieht das anders aus: Ich hatte nachfolgend das Glück, letzte Zeitzeugen kennenzulernen. Vor diesem Hintergrund betrachte ich die derzeitige Entwicklung unserer Gesellschaft mit großer Besorgnis, da rechte Strömungen zunehmen. Es ist mir diesbezüglich ein großes Bedürfnis, mich einzumischen. Dies halte ich für "praktische Sozialphilosophie" im übertragenden Sinne.

 Helga König
Helga König: Wie definieren Sie Mitmenschlichkeit?

Andrea Bredenbröker: Diese Frage würde ich gerne mit einem Zitat des Dalai Lamas beantworten. "(...) für mich stellen Liebe und Mitgefühl eine allgemeine, eine universelle Religion dar. Man braucht dafür keine Tempel und keine Kirche, ja nicht einmal unbedingt einen Glauben, wenn man einfach nur versucht, ein menschliches Wesen zu sein mit einem warmen Herzen und einem Lächeln, das genügt." (Tenzin Gyatso, Dalai Lama XIV*1936) 

Helga König: Und was bedeutet für Sie Fairness? 

  Andrea Bredenbröker
Andrea Bredenbröker: In der Übersetzung bedeutet Fairness für mich, dass ich ein anständiges, ausgewogenes und moralisch gerechtes Verhalten ausübe. Selbstverständlich gelingt mir das nicht immer, aber in dieser Hinsicht perfekt sein zu wollen, käme wohl einem Größenwahn gleich. Ich bin eben nur ein Mensch. Wenn ich im Alltag beobachte, dass an sich sozial geschwächte Personen nach Unten treten, dann macht mich das sehr wütend. Neulich wurde ich z. B. Zeugin eines Vorfalls in einer Arztpraxis. Da verweigerte ein ungepflegter, nach kaltem Nikotin müffelnder Mann einer alten und gebrechlichen, türkischen alten Dame den Sitzplatz mit den Worten:"Nö, ich bremse lieber für Tiere!" Mein Puls schnellte hoch. Ich stellte der Dame meinen Sitzplatz zur Verfügung und schüttelte nur noch den Kopf über soviel Dummheit und Brutalität.

 Helga König
Helga König: Wenn man Ihre Retweets ein wenig studiert, erkennt man sehr rasch, dass Ihnen auch hier soziale Themen am Herzen liegen. Wir haben heute beide einen Tweet des Accounts "Kinderrechte" retweetet. Der Tweet lautet:"Etwa jedes sechste Kind in Deutschland wächst in einer suchtbelasteten Familie auf." Was dachten Sie spontan als Sie diesen Tweet gelesen haben und weshalb wollten Sie ihn ihren Followers zugänglich machen?

Andrea Bredenbröker: Auch ich bin in einer suchtbelasteten Familie aufgewachsen, gleichsam wie ein weißes Schäfchen unter reißenden Wölfen. Suchtthematik und borderlineartige Verhaltensstrukturen machten ein familientypisches Miteinander unmöglich. Es ist nur meiner kindlichen Resilienz sowie erkennenden Pädagogen zu verdanken, dass ich eine höhere Schulbildung einschlagen konnte/durfte. Wenn jedes 6. Kind in Deutschland in einer suchtbelasteten Familie aufwächst, dann ist das eine hohe Zahl, die bedenklich ist. Es wäre mittelfristig an der Zeit, suchtauslösende Faktoren wie z. B. Ausgrenzung und Chancenungleichheit zu eliminieren. Wenn Sie sich heute in Gymnasien umschauen, dann werden Sie kaum Schüler finden, die durch ihre Eltern suchtvorbelastet sind. Natürlich aber gibt es auch hier diverse Ausnahmen. Nur eine Verdeutlichung dieser Problematik kann aus meiner Sicht verhindern, dass diese betroffenen Kinder rasch marginalisieren und selbst Suchterkrankungen entwickeln. Das ist nun der Grund für meinen Retweet. Meine Follower sind in der Regel Multiplikatoren, die unterschiedlichen sozialen Schichten und Berufen angehören. Sie tragen in die Welt, was sie von ihren Sympathisanten zu hören oder zu lesen bekommen. Und außerdem: Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich! Damit kann ich leben:-).

Helga König: Haben Sie den Eindruck, dass sich Menschen im virtuellen Raum anders verhalten als im nicht virtuellen Leben und falls ja, welche Probleme sehen Sie als Diplom-Sozialarbeiterin für uns alle diesbezüglich?

  Andrea Bredenbröker
Andrea Bredenbroeker: Der virtuelle Raum stellt für mich durchaus auch eine Art von "Parallelwelt" dar, in der man sich ungehindert ausleben kann. Es gibt Menschen, die dort öffentlich ein bestimmtes Verhalten erproben, dieses jedoch nicht automatisch im Alltag umsetzen können. Daraus kann sich dann schlimmstenfalls eine Inkongruenz entwickeln, weil der Mensch in der Realität nicht macht, wovon er eigentlich überzeugt ist. Das merken dann andere Personen, die denjenigen dann falsch wahrnehmen und nicht mehr respektieren. Als Dipl.-Soz.arb. kann ich nur dafür werben, dass man den virtuellen Raum nicht überbewertet, sondern ihn als Plattform versteht, für neue Gedankenströme und neuzeitliche Entwicklungen. Denn wer nur ausschließlich in dieser "Parallelwelt" lebt, der scheitert im wahren Leben an eigenen Illusionen und verliert den Sinn für das Tatsächliche, Nächstliegende und Machbare.

 Helga König
Helga König: Ich teile mit Ihnen die Ansicht, dass es keine "Gutmenschen", sondern nur MENSCHEN gibt. Der Begriff "Gutmensch" ist meiner Einsicht nach eine Wortschöpfung von Zynikern. Wie reagieren Sie, wenn jemand seitens eines Zynikers als "Gutmensch" in Ihrer Anwesenheit abgewertet wird?

Andrea Bredenbröker: Wenn das passiert, reagiere ich entschieden, u. U. auch etwas ungehalten. Zyniker verstehen das für sich auszunutzen, weshalb ich mich darin trainiere, stringent bei meiner Linie zu bleiben. Wer ein MENSCH ist, erlebt in seinem Leben Höhepunkte und Tiefschläge. Ebensolchen nicht auszuweichen, sondern ihnen auch zu begegnen, erfordert Mut, manchmal sogar Demut. Wer auf diese Erfahrungen zurückgreifen kann, der unterscheidet sich signifikant von einem Zyniker! Dieser hat es nötig, seine Persönlichkeitsdefizite an Menschen auszulassen, die ihm den Spiegel vorhalten. So entsteht der Begriff "Gutmensch". Wer in meiner Gegenwart Opfer eines Zynikers werden soll, der darf auf meine unbedingte Unterstützung zählen!

Helga König: Was sollten User in den sozialen Netzwerken nach Ihrer Ansicht als studierte Sozialarbeiterin unternehmen, wenn Sie sehen, dass jemand dort extrem gemobbt wird?

  Andrea Bredenbröker
Andrea Bredenbröker: Im Sinne einer Verantwortungsethik ist man als autonomes Subjekt nicht nur für seine Handlungen verantwortlich, sondern auch für deren Unterlassung. Unterlassung ist m. E. n. ein spezieller Fall unmoralischen Handelns. Zunächst einmal halte ich es für außerordentlich wichtig, den Betroffenen darauf hinzuweisen, dass es ein Bündnis gegen Cybermobbing gibt. Geht man auf diese Website, so erfährt man, was konkret dagegen unternommen werden kann. Hier ein paar Auszüge davon:

 -Cool bleiben. Nichts an Dich heranlassen und keine Selbstzweifel haben, denn: Du bist o.k., so wie Du bist!
-Sperre den Cyber-Bully! Die meisten Anbieter geben Dir die Möglichkeit, jemanden, der Dich verleumdet oder kränkt, zu sperren oder zu melden. Beweise sichern. Durch Screenshots Kopien von Fake-News oder Online-Gespräche machen. Und nicht zuletzt: Die Polizei informieren! Es gibt viele Straftatbestände, die ein Teil von Cybermobbing sind. Cybermobbing selbst ist kein fester Strafbestand. Beispiele dafür sind nach dem Jugendgerichtsgesetz folgende Paragraphen: §185 Beleidigung, §186 Üble Nachrede, §187 Verleumdung sowie weitere. Im Erwachsenenstrafrecht verhält es sich ähnlich, wobei dort mit härteren Sanktionen zu rechnen ist. Einzusehen bei www.polizei-beratung.de 

Das aktive Eingreifen gegen Cybermobber verstehe ich als NETZCOURAGE. Dies sollte das Anliegen aller friedliebender User sein!

Helga König: Gestern las ich in Facebook seitens eines Trolls nachstehende Androhung: "Fordere die Internettrolle nicht heraus. Die Macht ist mit uns." Woher kommt diese Dreistigkeit der Trolle und wie könnte man ihr sinnstiftend Einhalt gebieten? 

 Helga König
Andrea Bredenbröker: Die Dreistigkeit der Trolle rührt m. E. n. daher, dass es sich um Menschen mit sozialen Phobien handelt. Dies bedeutet, dass sie sich im realen Leben nicht zurecht finden und zumeist aus Angst vor dem Versagen ihren Mitmenschen aus dem Weg gehen. Ihre Persönlichkeitsdefizite sind dabei so ausgeprägt, dass sie Internetforen oder andere soziale Netzwerke dringend benötigen, um sich selbst über die Beleidung anderer Menschen spüren zu können. Ihre Geltungssucht kennt dabei keine Grenzen. "Don´t feed the trolls", lautet ein unter Netznutzern weit verbreitetes Motto (zu Deutsch: "Füttere die Trolle nicht!"). In der Übersetzung ist hier gemeint, die verbalen Angriffe von Trollen schlicht zu ignorieren, was wohl zuweilen leichter gesagt als getan ist. 

Ziel aller Trolle ist die Provokation. Verteidigungsversuche oder jedwede Form von Kontra-Geben oder Thematisierung bleiben ohne Ergebnis, im Gegenteil: Sie stellen das Futter für alle Trolls dar! Nun kennen wir verschiedene Arten von Trollen, wie z. B. Spam-Trolls, Cranks oder sogenannte Hater. Allen ist gemeinsam, dass sie innerhalb einer Community agieren. Das gibt ihnen ein gutes Gefühl und vermittelt ihnen eine zweifelhafte Solidarität untereinander. Meine Empfehlung ist es, sie möglichst kurzfristig über den Anbieter sperren zu lassen, um ihnen die Angriffsfläche zu entziehen. 

Helga König:Welche Empfehlung können Sie Hochsensiblen an die Hand geben, um mit den mannigfaltigen Eindrücken im Netz relativ entspannt umgehen zu können? 

  Andrea Bredenbröker
Andrea Bredenbröker: Da ich mich selbst für eine HSP (High-Sensivity-Person) halte, erlaube ich mir, Ihnen aus meiner persönlichen Erfahrung heraus zu antworten. Mit Beginn des Internetypes vor mehr als 20 Jahren musste ich es erst langsam erlernen, mich sehr dosiert in diesem Medium zu bewegen. Tat ich das nicht, war ich total reizüberflutet. Es folgten Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit. Ich rate anderen Hochsensiblen, stets genügend Abstand zu wahren. Dazu gehört die Einsicht, dass das Internet nur einen kleinen Auszug unserer Gesellschaft darstellt. Wer sehr mitfühlend ist, sollte sich zudem vor Gewaltvideos schützen wie sie im Internet kursieren. 

 Helga König
Helga König: Sind die sozialen Netzwerke Ihrer Ansicht nach ein Medium, wo man seine Kreativität in gewisser Weise ausleben kann? 

Andrea Bredenbröker: Der Nutzer sozialer Netzwerke ist ein Mensch, der sich durch ein Profil selbst darstellt, Beziehungen zu anderen aufbaut und dies öffentlich zeigt. Er positioniert sich in Netzwerken wie z. B. Facebook oder Twitter, um in Kontakt mit Gleichgesinnten zu kommen, die seine Interessen, Ansichten oder Überzeugungen vertreten oder negieren. Manchmal kommt es zu einer Vernetzung von Personen, die ein gleiches Ziel verfolgen. Durch dieses soziale Miteinander kann man sich gegenseitig "befruchten" und neue Ideen entwickeln. Dies ist ein Ausleben verschiedenster kreativer Strömungen, die hier sehr speziell durch interaktive Impulse zustande kommen können. 

Helga König: Sie haben u. a. in diesem Jahr folgenden Tweet retweetet: "In all den Jahren Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen sämtlicher Couleur ist mir übrigens nie jemand begegnet, der von seinen Eltern "zu sehr verwöhnt" wurde." Weshalb wollten Sie diese Worte Ihren Followers zugänglich machen? 

  Andrea Bredenbröker
Andrea Bredenbröker: Ich halte es für ein Klischee, wenn z. B. gut situierten Personen mit psychischen Schwierigkeiten vorgeworfen wird, dass sie von ihren Eltern offensichtlich zu sehr verwöhnt wurden und sie aus diesem Grunde "lebensuntüchtig" seien oder mit ihrer "Langeweile" nicht umzugehen wüssten. Dieses Klischee trifft oft auch Kinder sogenannter "Helicopter-Eltern". Sie kontrollieren ihre Kinder auf Schritt und Tritt, ermöglichen ihnen einerseits alles materiell erdenkliche, aber sprechen ihnen andererseits jede Eigenverantwortung ab. Eine Individualisierung wird so verhindert statt gefördert. Dies kann zu Zwangsverhaltensweisen, Magersucht oder anderen Persönlichkeitsstörungen führen. Durch Artikulierung des benannten Klischees sind Betroffene doppelt bestraft. Meine Follower werden dafür sorgen:), dass es "abgeschafft" gehört und weitere Menschen für das Thema sensibilisiert werden. 

Helga König: Und schlussendlich: Was können Menschen in den sozialen Netzwerken voneinander lernen? 

Andrea Bredenbröker: Wer sich nach seinen eigenen Möglichkeiten gesellschaftlich einbringt, erfährt eine Zunahme von sozialen Kontakten. Gleichwohl bieten soziale Netzwerke auch die Möglichkeit, Menschen verschiedenster Herkunftsländer und kulturelle Unterschiede kennenzulernen. Dies fördert im Besten Sinne Toleranz und Völkerverständigung. Wo Menschen miteinander kommunizieren, entstehen Kräfte und Lernprozesse, die sowohl im Einzelnen wie auch im Vielen Veränderungen zu schaffen imstande ist.

Liebe Andrea Bredenbröker,  herzlichen Dank für das aufschlussreiche Gespräch

Ihre Helga König

Anbei der Link zur Website von Andrea  Bredenbröker:http://www.sozialphil.de/

Helga König im Gespräch mit Prof. Dr. André Niedostadek

Prof. Dr.  André Niedostadek André Niedostadek ist Professor für Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialrecht sowie Beauftragter für Internat...