Helga König im Gespräch mit René Rothmund ist Gärtner, Sozialarbeiter und PR-Berater in Zürich.

René Rothmund ist Gärtner, Sozialarbeiter und PR-Berater in Zürich. Auf seiner Webseite "Stadtwurzel – Urban Gardening" schreibt er zu Gärtnern in der Stadt und auf Twitter betreibt er der Account „Stadtwurzel“, eine Informationsplattform für "Urban Gardening" oder auf gut Deutsch, Gärtnern in der Stadt und mehr.

Lieber René Rothmund, es freut mich, dass Sie an dem Ethik-Langzeitprojekt "Interviews- Begegnungen mit Menschenfreunden im Netz" des Onlinemagazins "Buch, Kultur und Lifestyle" teilnehmen. 

Dazu nun folgende Fragen an Sie:  

Helga König: Was bedeutet für Sie Mitmenschlichkeit? 

 René Rothmund
(Foto: privat)
René Rothmund: Mitmenschlichkeit hat für mich als Basis das Mitgefühl. Dieses beschränkt sich jedoch nicht auf die Menschen alleine, sondern schließt die gesamte Natur mit ein. Daraus resultiert für mich ein achtsamer Umgang mit Menschen, Tieren und Pflanzen und der Natur als Ganzes.

Helga König: Welche ethische Verpflichtung empfinden Sie der Natur gegenüber? 

René Rothmund: Ethik ist für mich ein etwas distanzierter Begriff. Mir liegt der Begriff der Moral näher. Moralisches Handeln beginnt bei mir selber. Bin ich achtsam mir gegenüber, bin ich es auch vermehrt gegenüber der Natur. Für mich ist die Natur ein lebendiger Organismus. Sie dient uns als Nahrungsquelle, erfreut uns mit ihrer Schönheit etc.. Daraus ergibt sich für mich, dass ich eine Verpflichtung gegenüber ihr habe und mich für ihren möglichst unversehrten Erhalt einsetze.

 Helga König
Helga König: Was bezwecken Sie soziologisch mit Ihrem Engagement für "Urban Gardening" und worum handelt es sich dabei überhaupt? 

René Rothmund: In erster Linie geht es mir darum, Informationen zum Thema Urban Gardening, Gärtnern in der Stadt, über meine Webseite zu verbreiten. (Exkurs: Die Urban Gardening Bewegung hat mit Liz Christy 1973 in New York ihren Anfang genommen. Daraus entstand eine Green Guerilla Bewegung, die den öffentlichen Raum als «Garden», soziokulturellen Raum betrachtete. Heute gibt es die Green Guerillas als einer der ältesten Urban Gardening Projekte immer noch, vorwiegend in den Armenvierteln von New York, South Bronx und Harlem.). Dabei finde ich alle Gartenprojekte interessant, ob im Schrebergarten, im Schulgarten, im interkulturellen Garten. Urban Gardening hat ja keinen klaren Definitionsbegriff, je nach Wissenschaftsdisziplin (Soziologie, Stadtentwicklung etc.) besteht eine etwas andere Begrifflichkeit. 

Helga König: Können Sie unseren Lesern den Sinn eines "interkulturellen Gartens" vermitteln und welche Chance sich in Städten durch solche Gartenprojekte im Hinblick auf Integration ergeben?

 René Rothmund
(Foto: privat)
René Rothmund: Das Anliegen der interkulturellen Gärten hat zum Ziel, über das Gärtnern geflüchteten Menschen eine mögliche Form der Integration in unsere Gesellschaft zu bieten. Gemeinsam gärtnern mit «Einheimischen» baut Vorurteile ab und ermöglicht so einen gemeinsamen Austausch über das Gärtnern hinaus. Für viele Flüchtlinge ist der Garten auch ein Stück Heimat, die sie verloren haben. Mit dem Anbau von Gemüse und Kräutern aus ihrem Ursprungsland bringen sie diese Heimat in ihren Garten zurück. 

Helga Köng: Welche Erfahrung konnte Sie in sogenannten "Familiengärten" in der Schweiz im Hinblick auf ein besseres Miteinander sammeln?

 Helga König
René Rothmund: Ich hatte das Vorurteil in mir, dass Familiengärten etwas Spießbürgerliches sind. Als ich selber vor 10 Jahren so einen Garten übernommen habe, konnte ich erleben, dass von diesem Vorurteil wenig wahr ist. Natürlich gibt es die herausgeputzten Gärten, aber das sind nur wenige. Neben mir haben 7 Studierende einen Garten, den sie gemeinsam pflegen, eine bosnische Familie baut ihr Gemüse an, eine Frau, die ihren Garten schon dreißig Jahre alleine bewirtschaftet und eine Tomatenspezialistin ist, ist eine weitere Nachbarin. Die Familiengärten sind ein Mikrokosmos unserer Gesellschaft, habe ich festgestellt. Ich kam und komme mit Menschen in Kontakt, die ich in meinem Leben nie kennengelernt hätte und es ergeben sich wundervolle Gespräche daraus. Zudem hilft man sich gegenseitig aus, bei Ferienabwesenheit, mit Setzlingen, mit Tipps und mit Werkzeugen.

 René Rothmund
Foto: privat
Helga König: Wie ich auf Ihrer Homepage gelesen habe, gibt es in der Schweiz das Projekt "Gartenkind", wo 900 Kinder an 75 Gartenstandorten in der ganzen Schweiz ihr eigenes kleines Gartenbeet pflegen und während der Arbeit im Garten Allerlei über das Gemüse, die Gartentiere und die Kreisläufe in der Natur erlernen. Ist dies ein nachahmenswerter Ansatz, um junge Menschen in allen Industrieländern frühzeitig umweltbewusster zu machen und wenn ja weshalb? 

René Rothmund: Unbedingt ja. Die Kinder lernen so schon früh, was eine Kartoffel oder eine Möhre ist und wie sie angebaut wird. Sie bekommen einen ganz anderen Bezug dazu, als wenn die Lebensmittel aus dem Regal im Supermarkt gekauft werden. In der Zwischenzeit gibt es zusätzlich in Zürich und Umgebung nebst dem «Gartenkind» noch die GemüseAckerdemie, die in Deutschland ja verschiedene Preise gewonnen hat. Sie verfolgen mehr einen Bildungsansatz und sind hier in den Schulen integriert. 

 Helga König
Helga König: Sie posteten am 22.6. "Kluge #Landwirtschaft kann die Wüste stoppen: Im Südosten Portugals ringen Menschen um fruchtbaren #Boden. Es ist ein spannender Versuch, die #Wüste zu bremsen. Fruchtbarer Boden dank #Bäumen, syntropische Landwirtschaft.“ Was könnte man vernetzungsmäßig tun, damit solche Informationen auch die zuständigen Stellen in Indien erreichten, wo Bauern sich aufgrund anhaltender Dürre und Ernteausfällen das Leben nehmen, wie Sie kürzlich Ihre Leser informiert haben? 

René Rothmund: Gute Frage. Hmm, wenn ich das wüsste. Ich bin einfach überzeugt davon, das Informationen dazu, ob in sozialen Medien oder in allgemeinen Medien die Bereitschaft erhöhen kann, sich dem Thema bewusst zu werden. In Zeiten des Klimawandels wächst das Bewusstsein, so wie ich das erlebe, dass wir sorgsamer mit unserer Erde umgehen müssen, wenn wir überleben wollen. 

Helga König: Verändert nach Ihrer Beobachtung das Gärtnern die Menschen und wenn ja auf welche Weise? 

 René RothmundFoto: privat
René Rothmund:  Was ich beobachte, ist dass sich die Menschen in der Stadt wieder mehr Naturnähe wünschen. Gärtnern, in einem Gemeinschaftsgarten oder Schrebergarten kann dieses Bedürfnis wieder etwas stillen. Mit dem Gärtnern kommt auch die Neugier dazu, Lebensmittel anzubauen. Ich kenne etliche in der Stadt, die aus diesem Wunsch nach Naturnähe angefangen haben zu gärtnern und nun richtige Freaks geworden sind, die möglichst viel an Gemüse, Salat und Beeren selber anbauen wollen. 

 Helga König
Helga König: Gärtner sollen besonders glückliche Menschen sein. Möchten Sie durch Ihr Engagement zum Glück der Menschen beitragen oder treibt sie ein anderes Motiv hauptsächlich an? 

René Rothmund: Ich glaube für sein Glück ist jeder selber zuständig. Aber gärtnern kann zu neuen Glücksmomenten führen. Ich habe die Webseite vor zwei Jahren gestartet, weil mich im innersten die Frage beschäftigte:» Können wir in der Stadt wieder zu einem großen Teil Selbstversorger werden, unabhängiger von einer Lebensmittelindustrie, die uns mit ihren Produkten teilweise vergiftet?» Welche Voraussetzungen müssten dazu gegeben sein oder müssten sich erfüllen? Wie und was braucht es seitens der Politik, der Städteplanung und von jedem Einzelnen dazu, um sich in diese Richtung zu bewegen? 

Helga König: Sie haben für Ihre Homepage eine ganze Reihe interessanter Interviews realisiert. Was vereint all die Gartenenthusiasten miteinander neben der Liebe zum Grün miteinander? 

 René Rothmund
René Rothmund: Die meisten sind von einer inneren Mission beseelt. Von einer Vision oder Utopie, die Welt zu einem besseren Ort zu gestalten. Dafür haben sie teilweise gutbezahlte Jobs aufgegeben, um sich ihrer Herzensangelegenheit zu widmen. Dabei spielt es weniger eine Rolle, ob diese Mission in einem Schrebergarten oder in einem großen Projekt stattfindet.  

Lieber René Rothmund,  ich danke Ihnen herzlich für das aufschlussreiche Gespräch

Ihre Helga König

Homepage von René Rothmund:"Stadtwurzel – Urban Gardening"

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Helga König im Gespräch mit Prof. Rahman Jamal, Business and Technology Fellow

Lieber Prof. Rahman Jamal, Sie sind in Burma geboren, in Paderborn aufgewachsen, haben dort auch Elektrotechnik studiert und leben nun in M...