Helga König im Gespräch mit Claudia Czingon und Michael Wolff vom „Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik“

Liebe  Frau  Claudia Czingon, lieber  Herr Michael Wolff, auf Twitter findet man unter dem Account "Wirtschaftsethik" bemerkenswerte Tweets, die neugierig machen. Folgt man auf Ihrer Profilseite dem Link Ihrer Homepage, so entdeckt man sehr rasch, wer sich hinter dem Twitter-Account verbirgt: "Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik"  Damit die Leser von "Buch, Kultur und Lifestyle" ein wenig mehr über das Institut und die Aufgaben, die es sich stellt, erfährt, möchte ich an Sie nun einige Fragen richten.

Notizen zur Interviewpartnerin: Dr. des. Claudia Czingon,  Soziologin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt am Main. 

Notizen zum InterviewpartnerMichael Wolff, Diplom-Soziologe und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt am Main.

Helga König: Können Sie uns zunächst etwas über den Namensgeber des Instituts mitteilen und aus welchen Motiven das Institut 1990 gegründet wurde?

 Michael Wolff
Michael Wolff: Oswald von Nell-Breuning (1890-1991) war einer der führenden kritischen Kommentatoren und Impulsgeber für die Wirtschafts- und Sozialpolitik der frühen Bundesrepublik, ein Brückenbauer zwischen Katholizismus und DGB sowie Sozialdemokratie und als langjähriger "Nestor" der katholischen Soziallehre auch eine kritische Stimme in den innerkirchlichen Debatten zum Beispiel über das kirchliche Arbeitsrecht. Pater Nell-Breuning war Mitglied des Jesuitenordens, studierter Theologe und Philosoph und promovierte 1928 mit einer Arbeit über "Grundzüge der Börsenmoral!. Danach wurde er Professor für Moraltheologie, Kirchenrecht und Gesellschaftswissenschaft an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen, an der auch heute unser Institut angesiedelt ist. Sein Nachfolger Pater Friedhelm Hengsbach, Professor für Christliche Gesellschaftsethik, gründete 1990 das Oswald von Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik. Der Auftrag des Instituts ist die normative Reflexion gesellschaftlicher und internationaler Institutionen und die kritische Sichtung konkreter Vorschläge ihrer Veränderung aus Gerechtigkeitsperspektive. In der Tradition der sozialethischen Reflexionen und politischen Interventionen geht es im Nell-Breuning Institut um Forschung und Politikberatung aus der Perspektive der Christlichen Sozialethik, insbesondere der Wirtschaftsethik.

 Helga König
Helga König: Wie man Ihrer Homepage entnehmen kann, haben sie drei Schwerpunkte bei ihrer Arbeit. Einer davon ist die Ethik der Finanzmärkte. Was gibt es dazu generell zu sagen?

Claudia Czingon: "Ethik der Finanzmärkte" klingt für viele Menschen wie ein Widerspruch in sich. Das verweist schon auf das Problem: Zwischen den Geschäftsstrategien der "Banker" und dem "Gemeinwohl" sehen viele einen unüberbrückbaren Gegensatz. Allerdings geht es uns in diesem Forschungsschwerpunkt nicht um die Frage, wie "die Banker" weniger gierig werden könnten. Vielmehr fragen wir danach, wie die Politik – auch die international koordinierte Politik – dafür sorgen kann und was sie dafür tun soll, dass die einzelwirtschaftlichen Strategien im Bereich "finance" eine gute – im Sinne aller Menschen gute – Entwicklung der Wirtschaft fördern. Da geht es uns darum, dass Gewinne in diesem Bereich wirklich nur mit Aktivitäten verdient werden können, die für andere Akteure nützlich sind, weil z.B. Finanzierung ermöglicht oder Risikomanagement erleichtert wird. Es geht um Finanzmärkte, die nicht zu Krisen neigen, deren Management dann den Staat finanziell "aussaugt", und es geht schließlich darum zu verhindern, dass die Anleger die Vorstände der Aktiengesellschaften zu Strategien der kurzfristigen Gewinnsteigerung drängen.

Helga König: Im Rahmen dieses Schwerpunkts befassen sie sich seit einigen Jahren mit dem Projekt "Von Rationalität und Legitimität im Bankensystem". Was möchten Sie diesbezüglich unseren Lesern mitteilen? 

  Claudia Czingon
Claudia Czingon: In diesem interdisziplinären Verbundprojekt erforschen wir gemeinsam mit Wissenschaftlern des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) Göttingen und der Hochschule Darmstadt den Wandel der öffentlichen Erwartungen an Banken. Wir untersuchen, wie die allgemeine und politische Öffentlichkeit auf Bankenpleiten und Finanzkrisen reagiert bzw. diese wahrnimmt. Dabei vergleichen wir die mediale Debatte nach dem Zusammenbruch des Bankhauses I. D. Herstatt im Jahr 1974 mit den Debatten, die im Anschluss an die letzte Finanzkrise seit 2008 geführt wurden. In der Herstatt-Krise konnten wir z.B. zwei dominante gesellschaftliche Vorstellungen dessen rekonstruieren, was eine Bank sein sollte. Zum einen wird erwartet, dass Banken und damit auch Bankeinlagen "sicher" sein sollen. Es wird als Aufgabe der Professionellen in den Banken und der Bankenaufsicht gesehen, diese Sicherheit zu gewährleisten. Der anderen Vorstellung nach ist eine Bank schlicht ein marktwirtschaftliches Unternehmen, das wie jedes andere pleitegehen kann. Der Verlust von Bankeinlagen ist zwar bedauerlich, aber ein den Spielregeln des Marktes entsprechend normaler Vorgang. Zur Verbesserung der Situation wird nicht an den Regulierer appelliert, sondern mehr Transparenz gefordert, um besser informierte "rationale Entscheidungen" zu ermöglichen und damit Krisen vorzubeugen bzw. die Krisenresistenz zu erhöhen. Wir sind nun sehr gespannt, in den nächsten Monaten herauszuarbeiten, wie sich die krisenpolitischen Reaktionen 1974 und 2008 ähneln und worin sie sich unterscheiden. 

Helga König: Die am Nell-Breuning-Institut betriebene Gesellschaftsethik steht in der Tradition der Katholischen Soziallehre liest man auf Ihrer Homepage. Möchten Sie unseren Lesern bitte kurz zur Kenntnis bringen, was man unter der "Katholischen Soziallehre" zu verstehen hat? 

  Michael Wolff
Michael Wolff: Die Katholische Soziallehre entstand mit der "Sozialen Frage" des Massenelends der Arbeiterschaft im Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Aufgrund der Klassenauseinandersetzungen zwischen Kapital und Arbeit versuchte das kirchliche Lehramt, den politischen und sozialen Kräften im Katholizismus Orientierungshilfen zu geben. In Kirche und Katholizismus entstand also eine Art eigenständige politische Philosophie. Als Startpunkt dafür gilt die 1891 erschienene Enzyklika Rerum novarum von Papst Leo XIII. Zum sozialethischen Vokabular können heute die fünf Prinzipien Personalität, Solidarität, Subsidiarität, Gemeinwohlgerechtigkeit und Nachhaltigkeit gezählt werden. Die Soziallehre und -ethik sind immer Theorie einer Praxis von Verbänden und (neuen) sozialen Bewegungen, die politisch engagierte ChristInnen und Amtsträger mitgestalten. Zudem dient das Fach dazu, SeelsorgerInnen zu vermitteln, wie moderne Gesellschaften funktionieren und was zu bedenken ist, um in ihnen "auf Sendung" zu gehen. 

 Helga König
Helga König: Im Zuge des Schwerpunkts "Die Zukunft der Erwerbsarbeit" läuft bei Ihnen bis 2019 ein Projekt mit dem Titel "Pflegearbeit in Privathaushalten. Eine Frage der Anerkennung. Sozialethische Analysen." Worum geht es dabei? 

Claudia Czingon: Im Pflegeprojekt untersuchen wir die Auswirkungen der Pflegearbeit auf die Lebensperspektiven der Pflegenden in Privathaushalten. In der häuslichen Pflege in Deutschland sind drei Gruppen zu unterscheiden: die Angehörigen, die bis heute den größten Teil der Pflegearbeit leisten, die Angestellten ambulanter Pflegedienste und migrantische Pflegekräfte, die in den Haushalten leben und rund um die Uhr bereitstehen, um die anfallende Arbeit zu verrichten. Pflegearbeit als personenbezogene Dienstleistung boomt; dieser junge Dienstleistungssektor wächst in einem rasanten Tempo und weitgehend unreguliert. Wie kann in Zukunft die Deckung der Pflegebedarfe organisiert werden, wenn geburtenstarke Jahrgänge mit vielen Personen ohne Kinder pflegebedürftig werden? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Angehörige gute Pflegearbeit leisten können und damit sie mit ihrer Pflegeverantwortung nicht völlig überfordert werden? Wie kommt man zu fairen Beschäftigungsverhältnissen in Privathaushalten? All diese Fragen wollen wir in dem Forschungsprojekt, auch im Rückgriff auf die Erfahrungen anderer Länder, beantworten. 

Helga König: Die wissenschaftlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind u.a. an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in St. Georgen in Frankfurt tätig. Worin besteht dort ihre primäre Tätigkeit?

  Claudia Czingon
Claudia Czingon: Wir sind sowohl in der Lehre als auch in der Forschung tätig. Die Hochschule Sankt Georgen bietet die Studiengänge Theologie und Philosophie an, in denen wir auch unterrichten. Darüber hinaus schreiben wir Forschungsanträge, halten Vorträge, kümmern uns um die Öffentlichkeitsarbeit, nehmen an Institutskolloquien und Lesekreisen teil oder arbeiten, so wie ich, in der Wissenschaftskommunikation. Hier geht es darum, NachwuchswissenschaftlerInnen zu vernetzen und den Wissenstransfer sowohl zwischen den WissenschaftlerInnen als auch zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu fördern. 

Helga König: Ihr Institut empfiehlt eine gewisse Anzahl von Büchern u.a. "Was ist los mit dir, Europa?" - Für mehr Gerechtigkeit, Solidarität und Frieden! (2017). Worum geht es in diesem Buch?

  Michael Wolff
Michael Wolff: "Was ist los mit dir Europa“ ist das neue Buch des Institutsgründers Friedhelm Hengsbach, der als einer der wichtigsten zeitgenössischen Vertreter der Katholischen Soziallehre gilt. Es ist eine sozialethische Reflexion über mehrere Themenfelder: die sozialen Ungleichheiten, die sich innerhalb und zwischen den Mitgliedsländern der EU aufgetan haben; die Frage, ob die EU eine Sozialunion ist; die europäische Asylpolitik; die institutionelle Architektur der EU und schließlich die Frage, wie nach dem Brexit ein Neustart der EU gelingen könnte. Ein großes Problem der EU sieht Friedhelm Hengsbach in ihren unübersichtlichen Strukturen und Zuständigkeiten, dem Kompetenzgerangel zwischen den Institutionen und den bestehenden Machtverhältnissen. Darin sieht er auch eine Ursache für die ablehnende Haltung eines Großteils der Bevölkerung. 

Helga König: Sie sind beide Diplom- Soziologen. Offenbar ist ein theologisches Studium nicht notwendig, um an Ihrem Institut mitzuarbeiten?

Claudia Czingon: Nein, das ist nicht notwendig. Unser Institut ist stark interdisziplinär ausgerichtet. Die MitarbeiterInnen haben nicht nur einen theologischen, sondern auch einen soziologischen, ökonomischen oder politikwissenschaftlichen Hintergrund. Auch in dem Forschungsverbund „Finanzsystem und Gesellschaft“, für den ich am Institut arbeite, ist eine große Bandbreite an Sozialwissenschaften vertreten: Soziologie, Politikwissenschaften, Ökonomie, Wirtschaftsgeschichte und Sozialethik. 


 Helga König
Helga König: Schlussendlich die Frage: Was bedeutet für Sie ein faires Miteinander und inwieweit kann das ethische Engagement ihres Instituts einen sinnstiftenden Beitrag leisten?

Michael Wolff: Heutzutage wollen die meisten Menschen unabhängig und selbstbestimmt leben. Umso unabhängiger man sein will, desto abhängiger macht man sich aber von anderen. Will man zum Beispiel berufliche Karriere und Familie miteinander vereinen, braucht man ein gutes Betreuungssystem mit ErzieherInnen. Wie deren Arbeitsbedingungen sind, ist bedeutsam – für die ErzieherInnen, aber auch für ein gutes Betreuungssystem. Ein faires Miteinander ist also davon geprägt, seine eigenen Interessen im Lichte des Gemeinwohls zu reflektieren. Im Institut verstehen wir unsere Aufgabe darin, nicht nur zu forschen, sondern die Ergebnisse unserer Forschung auch einem möglichst breiten Publikum in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zugänglich zu machen und in die öffentliche und politische Debatte einzuwirken.

Liebe  Frau  Claudia Czingon und  Herr Michael Wolff, ich danke Ihnen herzlich für das aufschlussreiche Interview.

Ihre Helga König

Anbei der Link zur Website des Oswald von Nell- Breuning Institut –Für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik

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