Helga König im Gespräch mit Klaus Pohlmann, CEO einer Softwarefirma

Lieber Klaus Pohlmann, Sie sind CEO einer Softwarefirma und lassen in Ihren Tweets erkennen, dass Sie sich für Fairness und ein gutes Miteinander engagieren. 

Helga König: Augenhöhe scheint für Sie ein immer wiederkehrendes Thema zu sein. Können Sie hierzu Näheres erläutern? 

 Klaus Pohlmann
Klaus Pohlmann: Dieses scheint ein Eindruck von außen zu sein. Nun, da Sie es aber ansprechen, kann ich versichern, dass vor jeder Sache der Mensch steht, mit dem gesprochen, diskutiert oder entschieden wird. Sprechen meint auch hören, zuhören. Sich einlassen. Ein weites Feld. Augenhöhe heißt für mich aber auch, jenseits von Rollen, der Sache oder Aufgabe gemeinsam ihre Aussage abzuringen. 

Helga König: Welche Grundbedingungen müssen nach Ihrer Ansicht erfüllt sein, damit ein Mensch als fair handelnd bezeichnet werden kann? 

Klaus Pohlmann: Als fair lässt sich schlussendlich all das bezeichnen, was im Geben und Nehmen, in jeder Diskussion eine einseitige Vorteilnahme ausschließt. Ich denke jedoch auch, dass diese Prämisse eine idealistische ist und nicht ständig erreicht wird. Näher kommt man vielleicht, wenn akzeptiert wird, dass nicht Gleichheit, sondern Gerechtigkeit oberster Probierstein im menschlichen Miteinander vorherrscht. Ein Versuch, denke ich. 

 Helga König
Helga König: Ihr Motto, das Ihrem privaten Twitter-Account zugrunde liegt, lautet "Mehr Erfahrung, als auf einen Standpunkt geht, macht man schnell." Was bedeutet dies, im Hinblick auf Ihre ethischen Betrachtungsweisen? 

Klaus Pohlmann: Zwischen meinem Motto und dem hohen Gut der Ethik liegt sicher eine große Entfernung. Denn dieses Motto bedeutet doch nur, dass ein Standpunkt etwas Kleines ist und mit jeder Erfahrung der Platz auf dem Standpunkt minimiert wird und damit Neues nicht mehr erfahren werden kann. In diesem Zusammenhang fällt mir der Aphorismus von Walter Benjamin ein. Er schrieb, "Überzeugen ist unfruchtbar". Das ist der vielleicht beste Vergleich zum Standpunkt. In der Umkehrung folgt die Botschaft: Öffne Dich Deinen Mitmenschen und öffne Dich neuen Erkenntnissen.

Helga König: Dieser Tage haben Sie einen Satz des Widerstandskämpfers Hans Scholl gepostet: "Inmitten einer Welt der brutalen Negation erkenne ich die positiven Werte. (…) Die Schatten sind um des Lichts willen da. Aber das erste ist das Licht." Was geht Ihnen bei diesem Satz durch den Kopf? 

  Klaus Pohlmann
Klaus Pohlmann: Nun, die Welt ist ein Dualismus. Nichts gilt ohne sein Gegenteil. Alles, ob Gut und Böse, Hell und Dunkel etc wird erst dadurch erkennbar. Hans Scholl nimmt dieses in seinen Fokus, erkennt aber eine Priorität. Das Positive, hier das Licht, ist zuerst, denn nur dadurch entsteht der Schatten. Vielleicht denkt er an die Szene im Studierzimmer. Goethes Faust gibt dort beredtes Beispiel. 

Helga König: Was möchten Sie Ihren Followern durch die von Ihnen vermutlich nicht grundlos ausgesuchten, wöchentlich geposteten Sentenzen von Philosophen vermitteln? 

Klaus Pohlmann:  Ach, was muss in allem eine Absicht liegen. Für mich ist es eine Freude, gewisse Weisheiten aus der Philosophie oder aus den Leseerfahrungen zu posten. Ein wenig für mich und mit dem Glück möglicher positiver Resonanzen. Denn es gibt genügend Menschen, die sich in dieser Welt jenseits der täglichen Herausforderungen geistig auf einer anderen Ebene bewegen oder bewegen möchten. Interessant ist, dass man sich gegenseitig kaum kennt, außer in diesem virtuellen Raum. Manes Sperber hat im Zusammenhang von Autor und Leser über die Begegnung zweier Einsamkeiten gesprochen. Vielleicht passt das zu den virtuellen Begegnungen.

 Helga König
Helga König: Sie haben dieser Tage zudem nochmals an Frank Schirrmachers Buch "Technologischer Totalitarismus" erinnert. Weshalb war Ihnen dieser Post wichtig? 

Klaus Pohlmann: Frank Schirrmacher, zu früh gestorben, war einer der großen Denker dieser Zeit. Mit luzider Klarheit konnte er Dinge sehen, benennen und aufrütteln. Ich weiß, dass ich hier nur den Autor ansprechen kann. Denn seine Haltung zu anderen Menschen war durchaus ambivalent. Darüber will ich hier nichts sagen. Aber seine Bücher, geschrieben in den Zeiten zunehmender Digitalisierung und Beobachtung, Bewertung in den sozialen Medien, sind schon aufschlussreich. Sein letztes großes Werk: EGO widmet sich der Gegensätzlichkeit von Individualismus und Gesellschaft in Zeiten der technologischen Erneuerung. Das Buch ist noch zu erwerben. 

Helga König: Zu Ihren Lieblingsposts scheint ein Satz von Kafka zu gehören. Dieser lautet: “Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.” Welches Buch empfehlen Sie habsüchtigen Zeitgenossen in diesem Zusammenhang und weshalb? 

  Klaus Pohlmann
Klaus Pohlmann: Zunächst kann ich nur sagen, dass ich Kafka gerne lese und jedem auch empfehle. Man muss aber auch bereit sein, diesen Existentialismus Kafkas auszuhalten, die Tiefe menschlicher Empfindung aus Scheitern und Leben anzunehmen. Ihre Frage bezüglich habsüchtiger Zeitgenossen führe ich auf Ihren Diktus und Ihre Präferenz auf Twitter dem Thema gegenüber zurück. Dieses teile ich nicht. Wenn Sie aber über ein Buch nachdenken, das dem Haben ein Sein gegenüberstellt, dann sind Sie immer noch bei Erich Fromm, Haben und Sein. Egal zu welcher Zeit, hier liegt tiefe Menschlichkeit als Prämisse, ein eigenes Leben in einer Gemeinschaft zu ermöglichen.

 Helga König
Helga König: Welche Bedeutung hat Musik nach Ihrer Ansicht für ein positives Miteinander? 

Klaus Pohlmann: Als im September 2001 die Zwillingstürme in New York ein Ground Zero erschufen, stand die Welt Kopf. Im Oktober des gleichen Jahres erschien das Apple iPod. In der Biographie von Steve Jobs steht sinngemäß, was er in dieser düsteren Atmosphäre als für die Zeit notwendig ansah: Musik. Warum Musik? Wir lieben Musik und es sei immer gut, das zu tun, was man liebt. Und es ist mehr als einsichtig, dass Sehen einen Horizont hat und nur nach außen geht. Musik, wie jeder Laut, ist unbegrenzt und bewirkt eine Resonanz ins Innere. Denken Sie nur an das Buch Mose. Der bedeutende Satz dort: Höre, Israel. Höre!! Und was meine Posts angeht, wissen Sie ja, dass es durchaus verschiedene youtube-links zu gewissen Vorlieben gibt. Bach, Chopin, Pink Floyd und manchmal neu Entdecktes. Die Bedeutung von Musik darf man nicht unterschätzen. 

Helga König: Worauf müssen sich die Menschen bei zunehmender Digitalisierung einstellen und worauf sollten alle achten im Zusammenhang mit digitaler Kommunikation? 

  Klaus Pohlmann
Klaus Pohlmann: Sich einstellen zu wollen, ist ein Stillstand. Es bleibt bei einer ständigen Entwicklung, einer ständigen Veränderung. Diese gilt es zumindest zu sehen und darin eine Entscheidung zu treffen, wo Teilhabe erfolgt oder eben nicht. Ich denke auch, dass Menschen unterschiedlichen Alters dort unterschiedlich mitmachen oder profitieren. Vor einiger Zeit hat Armen Avanessian in der Sternstunde im Schweizer Fernsehen folgendes gesagt: "Wenn man einen technologischen Analphabetismus pflegt, werden die Steuerungsmöglichkeiten immer geringer." Er sieht also eine Form von Selbstbestimmung nur dort, wo Kenntnis vorliegt. Da hat er Recht. Was die Kommunikation angeht, wird es nicht anders werden als im Moment. Das Trollwesen, die unterschiedlichen Arten auf Menschen zuzugehen, bleibt. Ändern lässt sich wenig außerhalb des eigenen Selbst. Wenn es einen Rat geben soll, dann bleibt nur der: Verhalte Dich, wie man sich Dir gegenüber verhalten soll. Immer. Und in Bezug auf den zur Zeit grassierenden Hass, verzichte auf eine gleichgeartete Spiegelung.

  Helga König
Helga König: Was möchten Sie zu Ihrem Strindberg- Tweet "Die ganze Kultur ist eine große, endlose Zusammenarbeit" ausführen? 

Klaus Pohlmann: Betrachtet man die Welt der Unternehmen und verfolgt ein wenig den neuen Gedanken nach New Work, Eigenverantwortung, Selbstführung und Führung, fällt auf, dass die Veränderung zwar durch eine Technologie initiiert, aber letztendlich eine zwischenmenschliche und damit kulturelle Veränderung darstellt. Diese neue Kultur erzwingt in letzter Instanz das Einreißen von Silos. Vertikale Strukturen werden verlassen zu Gunsten horizontaler Strukturen mit ausgeprägter Kommunikation. 

Lassen wir den Bogen zur Frage 1 zu, dann bestimmt gerade Augenhöhe diese Kommunikation. Kommunikation mit vollständiger Beteiligung aller, jenseits antiquierten Silodenkens, fordert eine an den Unternehmenszielen ausgerichtete Zusammenarbeit, heute unter dem Stichwort "Kollaboration" in aller Munde. Was Strindberg vor über 100 Jahren postulierte, war ein Wunsch in einer Zeit der Industrialisierung. Aber wir sehen, dass Literatur nicht an Bedeutung verliert, wenn es um die Zukunft geht, in der die Kultur des Miteinanders das Zueinander in der Zusammenarbeit fordert.

Lieber Klaus Pohlmann, ich danke Ihnen für das aufschlussreiche Gespräch.

Ihre Helga König

Link zum Twitter-Account: https://twitter.com/KlausW_Pohlmann

Kommentare:

  1. Danke für das Interview, in dem ich fürmal mehr lesen kann, was beide Seite tun: Wie sie fragen und wie sie antworten. Ein Geschenk, beiden zumindest virtuell zu begegnen und über diesen Weg gefühlt verbunden zu sein. Ich wünsche mir daher auch mal die reale Begegnung. Herzlichen Dank und liebe Grüsse an Frau König wie Herrn Pohlmann. - Jona Jakob, Aschaffenburg

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  2. Danke Ihnen für den netten Kommentar und die lieben Grüße, lieber Jona Jakob. Ihnen einen schönen Tag. Helga König.

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